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Literatur: Alle Bücher in einer Art Fremdsprache

11.10.2009 | 18:45 |  HARALD KLAUHS (Die Presse)

Erstmals Europäische Literaturtage auf Schloss Hainfeld: ein Fest der Dichtung mit zwölf Preisträgern.

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Ein verwunschenes Schloss in der Südsteiermark. Von der Bundesstraße aus ahnt man nicht, welches Juwel sich da hinter einem Gehöft verbirgt: Hainfeld bei Feldbach, das größte Wasserschloss der Steiermark, ehemals Sitz des bedeutenden Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall (1774–1856). Der äußere Zustand ist bedenklich: Die Fassade bröckelt ab, das Dach und das Fundament sind einsturzgefährdet. Ein symbolischer Ort, um Europäische Literaturtage abzuhalten, repräsentiert das Schloss doch vortrefflich den Zustand der Union: baufällig, doch mit wertvoller Substanz und Charme.

Vom 9. bis 11. Oktober fanden dort die ersten derartigen Literaturtage statt. Ins Leben gerufen von den Betreibern des Internetportals „readme.cc“, Beat Mazenauer und Walter Grond, die seit 2005 an der Bildung einer europäischen Öffentlichkeit für Literatur arbeiten, finanziell unterstützt von der EU-Kommission. Die virtuelle Bibliothek stellt eine Plattform dar, auf der sich Bibliophile aller Länder austauschen, Buchtipps und Kritiken schreiben, Experten befragen und über Events berichten können.

Hinzugekommen ist nun der „Literaturpreis der Europäischen Union“, dotiert mit jeweils 5000 Euro für Talente aus den teilnehmenden Ländern. Für Österreich erhielt der 1961 geborene Jugendpsychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer die Auszeichnung. Er und elf weitere Gewinner kamen zum Gedankenaustausch, zu Lesungen und einem musikalischen Rahmenprogramm zusammen, bei dem u.a. Tosca auftrat, eines der kühnsten Musikprojekte Österreichs, bestehend aus Richard Dorfmeister und Rupert Huber. Ziel ist es laut Harald Hartung, Leiter für die Politik der Sprachenvielfalt in der EU-Kommission, nach der Wirtschafts- mehr Kulturgemeinschaft in der Union herzustellen. Dazu braucht es Übersetzer. In Zukunft soll es auch Übersetzerpreise geben.

 

Von Goethe zu „Readme“

Für Jürgen Ritte, den erkrankten Übersetzer, Autor und Mitbegründer der Proust-Gesellschaft, las der Leiter des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz, dessen Vortrag. „Alle Bücher sind in einer Art Fremdsprache geschrieben“, endete mit Proust-Worten der Essay Rittes. Er spannte den Bogen von Ernst Robert Curtius („Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“) und Goethes „Weltliteratur“ bis herauf zu „Readme“ ins digitale Zeitalter. „Literatur ist kein bodenständiges Gewächs“, lautete eine der Kernthesen. Der österreichische Autor Ferdinand Schmatz sagte in der anschließenden Diskussion, dass sich europäische Literatur nicht über Räume, sondern über Schreibweisen definiere. Typisch europäisch empfinde er etwa die literarische Analyse der Gewalt.

Lucien Leitess (Unionsverlag), die Medientheoretikerin Karin Wenz und Branchenberater Rüdiger Wischenbart erörterten: „Was passiert mit dem Buch 2020?“ Einig war man sich darin, dass es das analoge Buch weiter geben werde, doch bei Urheberrecht und Honorierung „geistigen Eigentums“ sah man Probleme. Während Wenz so manche „Pfründe schwinden“ sah und fragte, warum im Netz alles kostenfrei sein müsse, hielt Wischenbart freiwillige Bezahlmodelle für illusorisch. „Die Kunst wird aus der Ökonomie rausrutschen“, war seine These. Lucien Leitess wies darauf hin, dass die Geschichte des Buchdrucks schon bisher eine des Raubdrucks war. Autoren würden künftig noch weniger von Buchhonoraren leben können als bisher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2009)

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