Nias Abschied von der Kindheit

Die georgische Autorin Naira Gelaschwili hat mit „Ich bin sie“ einen Roman über die erste Liebe eines jungen Mädchens geschrieben: so ungestüm wie unterhaltsam.

Eine Liebe unter dem Himmel von Tiflis: Naira Gelaschwilis entzückender Roman „Ich bin sie“.
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Eine Liebe unter dem Himmel von Tiflis: Naira Gelaschwilis entzückender Roman „Ich bin sie“.
Eine Liebe unter dem Himmel von Tiflis: Naira Gelaschwilis entzückender Roman „Ich bin sie“. – (c) EPA (ZURAB KURTSIKIDZE)

Plötzlich ist die Welt für Nia Lelischwili nicht mehr wie zuvor. Die bekannte Umgebung – eine völlig neue Topografie. Was früher der Blick aus dem Fenster der Paliaschwilistraße 96 war, ist nunmehr ein Augenblick der Sehnsucht und banger Hoffnung. Die zwölfjährige Nia Lelischwili hat sich verliebt. Ihr Schwarm, ein 20-jähriger Medizinstudent, lebt gegenüber. Das Straßengeflecht der georgischen Hauptstadt Tiflis ist nur noch eine Trasse, um schnellstmöglich in die Nähe des jungen Manns zu gelangen, ihn abzupassen, die Passanten Hindernis, die Schule lästig, die Stunden zwischen den Treffen – eine Zumutung.

„Vor Kurzem hast du die Jahreszeiten gar nicht bemerkt, weil dem Kind es doch immer gelingt Kind zu sein, besonders einem versorgten Kind. (...) Essen hat dir immer Spaß bereitet, vor Freude hast du immer mit den Füßen geschaukelt, du hast es geliebt zu springen wie ein Frosch und zu krähen wie ein Hahn, und du warst überzeugt, dass das Leben immer so bleiben würde: voller Freuden, die dir Spielen, Lachen, Essen und Trinken, Singen oder das Bücherlesen bereiten: „Das war dein Leben“, so heißt es an einer Stelle in dem Roman von Naira Gelaschwili.

Die georgische Autorin (geboren 1947) beschreibt in treffenden Worten den Abschied von der Kindheit. Ihr ist ein entzückender und humorvoller Roman über das Herzflattern, die einseitige Liebe und die damit verbundene quälende Einsamkeit gelungen. In ihrem späteren Leben wird Nia, die angeregt von ihrem Schwarm beginnt Deutsch zu lernen, dieses Phänomen in der Literatur beleuchten und verstehen, dass Alleinsein auch eine Form von Freiheit und Ungebundenheit ist.


Georgische Novitäten. Die Werke georgischer Autoren sind in letzter Zeit dank zahlreicher Übersetzungen und Förderprogramme auch im deutschsprachigen Raum bekannter geworden: Nino Haratischwilis Familienepos „Das achte Leben“, Zaza Burchuladzes Roman „Adibas“, das in der Partyszene der georgischen Hauptstadt spielt – geografisch nicht weit von Gelaschwilis Schauplatz im Bezirk Wake entfernt, aber doch in einer komplett anderen Welt. Und dann noch „Der Literaturexpress“ von Lasha Bugadze, der vom Zusammentreffen von Ost und West in einem irrwitzigen Literatenzug erzählt.

Naira Gelaschwili aber stellt mit dem vor fünf Jahren im georgischen Original erschienenen Roman eine ganz eigene, subjektive Stimme dar. „Ich bin sie“ ist die Nahaufnahme einer unerfüllten Liebe, die sich zweifelsohne auch anderswo zutragen könnte, durch den sowjetischen und südkaukasischen Lokalkolorit aber eine besondere Note bekommt: Nia wird erwachsen zwischen strengen Lehrern der alten Schule, althergebrachten Moralvorstellungen, Eltern, die angesichts des Gebarens der Tochter nicht mehr weiter wissen, und den Verlockungen der 1960er – Kino, Flanieren, Tanzen in den Wohnungen der Freundinnen.

Und schließlich lernen sich die beiden doch noch kennen, Er (immer großgeschrieben) nimmt sie eines Abends mit seinem Auto mit. „Du bist zerstört durch solche Nähe zu Ihm. Und wenn das Auto irgendwo scharf abbiegt, berührst du Ihn fast und spürst die aus seinem Hals strömende Wärme. Und das ist alles zu viel für dich.“ Insgesamt vier Mal werden sie einander treffen, beim letzten Mal ermahnt er das Mädchen, wieder die Schule zu besuchen, die sie wegen ihm schwänzt. Bald danach zieht der Student aus dem Appartement aus und sie verlieren einander aus den Augen.


Sollen sie einander wiedersehen? Wie sich die Geschichte weiterentwickelt, erfahren die Leser allmählich. Denn Gelaschwilis Buch springt zwischen drei Zeitphasen hin und her: rund um 1960, in den 1970ern und in der Gegenwart. Da fragt sich die ältere Frau, ob sie mit dem Angebeteten erneut in Kontakt treten soll. Der Gedanke an ihn lässt ihr – immer wieder – keine Ruhe. Noch immer ist da Sehnsucht – aber wonach? „Nach Ihm? Oder nach mir selbst, wie ich damals war? Nach jenen Situationen?“ Wie auch immer sich Nia entscheiden wird: Ihre erste Liebe wird sie niemals vergessen.

Neu Erschienen

Naira Gelaschwili
„Ich bin sie“
übersetzt von Lia Wittek
Verbrecher-Verlag
169 Seiten
22,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2017)

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