Ein Kultbuch kehrt zurück – und zwar doppelt

Zwanzig Jahre nach dem Original erscheint der feministische Klassiker „I Love Dick“ von der US-amerikanischen Autorin Chris Kraus über eine ersehnte Dreierbeziehung erstmals auf Deutsch. Zudem ist das Buch Vorlage für eine Serie.

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(c) Amazon

Plötzlich ist dieses Buch wieder da. Exakt zwanzig Jahre nachdem es erstmals in Druck ging, ist „I Love Dick“ soeben auf Deutsch erschienen. Der erste Roman der US-Amerikanerin Chris Kraus polarisierte 1997 enorm, blieb aber dennoch so etwas wie ein Geheimtipp. Dass die deutsche Übersetzung (von Kevin Vennemann, bei Matthes & Seitz) gerade jetzt auf den Markt kommt, hat sicher auch damit zu tun, dass der Plot dieser ungewöhnlichen Liebesgeschichte auch gerade als Serie nacherzählt wird. Aber dazu später mehr.

Chris Kraus gelang mit ihrem Debüt Ende der 1990er-Jahre etwas Außergewöhnliches. Sie erzählt darin von einem Ehepaar, das sich intellektuell gefunden, aber sexuell verloren hat und wie es versucht, aus dieser Krise zu finden. Der Roman ist semi-autobiografisch. Kraus erzählt nämlich von ihrer eigenen Ehe mit dem 17 Jahre älteren, französischen Literaturkritiker und Professor Sylvère Lotringer, die ins Stocken geraten war. Bei einem Abendessen lernen sie Dick kennen, einen Universitätskollegen von Sylvère, der sie später in sein Haus im kalifornischen Antelope Valley einlädt. Nach diesem intensiven Treffen wird Dick zur Obsession für das Paar. Die beruflich unglückliche, finanziell von ihrem Ehemann abhängige Chris Kraus verliebt sich Hals über Kopf in diesen unnahbaren, überheblichen Dick. Anstatt das zu vertuschen, erzählt sie ihrem Mann davon, und die beiden beginnen, Briefe an Dick zu schreiben, aber nicht abzuschicken. Das bringt zunächst einmal die Erotik des Paares wieder auf Touren, wird in der Folge aber vor allem zu einer Selbstfindungsreise der damals 40-jährigen Autorin.

 

Verliebt in einen Unerreichbaren

Diesen Dick gab und gibt es übrigens wirklich, es ist der britische Soziologe Dick Hebdige. Chris Kraus und Sylvère Lotringer haben ihn auch wirklich getroffen. Dem „Standard“ verriet Kraus soeben, dass sie und ihr Mann nie wieder mit ihm geredet haben. Er hatte vor dem Erscheinen des Buches eine Unterlassungsklage übermittelt, von der sich die Autorin aber nicht einschüchtern ließ. Das Buch erschien trotzdem, und es hatte keine juristischen Konsequenzen.

Herausgekommen ist eine Sammlung von Briefen (an Dick) und Essays, in denen die Unabhängigkeit einer modernen Frau ebenso verhandelt wird wie die Frage, wie eine emanzipierte Beziehung aussieht. Schmerzhaft ist die Erkenntnis, dass eine gescheite, fordernde Frau in den akademischen New Yorker Kreisen Ende der 1990er-Jahre keinen Platz hat. Chris Kraus gilt für viele feministische Autorinnen und Filmemacherinnen als wichtige Wegbereiterin.

Der fremde Mann Dick (wobei der Name im Englischen auch ein umgangssprachliches Wort für Penis oder einen unguten Menschen ist) bleibt Projektionsfläche für die Fantasien des gelangweilten Paares. So sehr sich Chris und später auch ihr Mann eine Affäre mit Dick wünschen, es braucht sie gar nicht. Aus der erwünschten Ménage-à-trois wird nichts, es bleibt bei der Ménage-à-deux, und die bringt das Ehepaar sogar weiter.

Die ungewöhnliche Ehe, der unerreichbare Dick mit dem „John-Wayne-Grinsen“ (Sylvère in einem Brief an ihn), die Korrespondenzen – all das hat den Streamingdienstanbieter Amazon dazu animiert, eine Serie daraus zu machen. Der halbstündige Pilot zu „I Love Dick“ ist schon seit vergangenem Sommer auf Amazon Prime abrufbar, ab 12. Mai kommen die weiteren Folgen. Auch wenn ein solchermaßen komplexes Buch schwer zu verfilmen ist, stimmt schon der Auftakt vergnüglich. Regisseurin Jill Soloway, als Schöpferin von „Transparent“ eine der besten Serien-Produzentinnen der Gegenwart, setzt den Plot des Buches in die Gegenwart. Das merkt man eigentlich nur an den Smartphones, die die Protagonisten nutzen. Ansonsten zeigt sich gerade hier, wie heutig Chris Kraus' Themen immer noch sind.

Auch in der Serie ist dieser Dick nur ein weißes Blatt Papier für die Fantasien von Chris und Sylvère. Konsequent also, dass er im Pilot erst in Minute 12 von 32 das erste Mal zu sehen ist. Kevin Bacon gibt Dick mit der richtigen Dosis Überheblichkeit und Arroganz. Hervorragend eingespielt sind Kathryn Hahn (die in „Transparent“ die Rabbinerin spielt) und Griffin Dunne als ihr um einiges älterer Ehemann. Sie verkörpern das verkopfte, (zu) gut eingespielte Ehepaar perfekt. Dazwischen werden immer wieder Passagen aus den Briefen („Dear Dick“) eingespielt. Man soll eine Serie nie nach einer halben Stunde bewerten, aber es sieht danach aus, als ob sie mit dem klugen Witz der Vorlage ohne Weiteres mithalten könne.

ZUR PERSON

Chris Kraus, geb. 1955 in New York, Autorin und Filmemacherin. Ihr Brief-Roman „I Love Dick“ erschien erstmals 1997. Er ist semi-autobiografisch und gilt als feministischer Schlüsselroman. Filmemacherin Jill Soloway adaptiert den Stoff des Buches für Amazon als Serie. Die Pilotfolge gibt es schon, weitere Episoden folgen ab 12. Mai. [ John Kelsey ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2017)

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