Ein kohlrabenschwarzes Jahr

„In jedem Augenblick unseres Lebens“ ist der erste Roman des schwedischen Dichters und Musikers Tom Malmquist: eine unsentimentale Studie über Tod und Trauer.

Autobiografischer Roman über einen Schicksalsschlag: Tom Malmquist (38).
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Autobiografischer Roman über einen Schicksalsschlag: Tom Malmquist (38).
Autobiografischer Roman über einen Schicksalsschlag: Tom Malmquist (38). – (c) Vilhelm Stokstad/TT

Viel Zeit lässt Tom Malmquist dem Leser nicht. Kaum hat man seinen Roman „In jedem Augenblick unserer Lebens“ geöffnet, befindet man sich bereits im freien Fall in Richtung Hölle. Dieses Gefühl passt zum Thema, der tragischen und traurigen Geschichte von Tom, der seine im achten Monat schwangere Lebensgefährtin Karin völlig überraschend an einen besonders aggressiven Blutkrebs verliert. Tochter Livia überlebt. Der Vater auch – zumindest mehr oder weniger.

Malmquist schreibt berührend über die Trauer, den Zorn und die Lähmung, die der Tod eines Menschen in den Hinterbliebenen auslösen kann. Und er schreibt authentisch, denn Toms Geschichte ist die seine.

Tom Malmquist blickt bereits auf eine bunte Biografie zurück, als er Karin Lagerlöf im Kurs für kreatives Schreiben kennenlernt. Als Junge war er ein vielversprechender Eishockey-Spieler, bis er ganz plötzlich alles hinschmiss. Ab dann mogelte er sich durch die Schule, quatschte sich erfolgreich an die Uni und suchte Glück und Ruhm im Schreiben und in der Musik. Diese Neigungen hat er von seinem Vater geerbt, dem er allerdings in keiner Weise gleichen will: Thomas Malmquist zählte zu den bekanntesten Sportjournalisten Schwedens und erlangte mit der Aufdeckung eines landesweiten Wettskandals in gleichem Maße Ruhm wie Häme. Der Alkoholismus des Vaters prägte Toms Kindheit und Jugend.

Auch Karin ist auf der Flucht, als sie Tom kennenlernt. Vor allem vor den schweren Krankheiten, die sie immer wieder heimsuchen, ihr ihren Körper als unverlässliches Wesen erscheinen lassen und sie in eine Abhängigkeit von ihren Eltern zwingen. Es ist keine Liebe auf den ersten Blick zwischen diesen beiden verletzten und komplizierten Persönlichkeiten. Sie missverstehen einander absichtlich oder unabsichtlich, trauen einander nicht oder nicht genug und müssen erst lernen, dass sie sich auch in schwierigen Situationen auf einander verlassen können. Und so wird es doch noch eine Liebe – eine, die in jedem Augenblick ihres Lebens andauert, auch über den Tod des einen Partners hinaus.


Schonungslose Schilderung. Tom Malmquist verlangt dem Leser seiner Geschichte einiges ab. Nicht nur formell, denn er verzichtet auf Redezeichen, weshalb es in den Dialogen mitunter schwierig ist, den Sprecher zu identifizieren. Oder weil er nach Karins Tod in der Zeit vor- und zurückspringt, allerdings ohne nähere Angabe, wie alt der Tom ist, über den man gerade liest. Schwerer als diese technischen Details wiegt allerdings die ungeschminkte, fast brutale Art, in der Malmquist über das Trauern an sich schreibt; die Schonungslosigkeit, mit der er zeigt, dass Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, nicht kraft ihres Schmerzes zu Sympathieträgern werden; die letzten Gefechte zwischen den Hinterbliebenen um die emotionale Hoheit über die Verstorbene, die nahtlos in ein Tauziehen um die neugeborene Tochter übergehen. Malmquist beschreibt das gesamte Spektrum an Reaktionen auf den Tod: die Aggressionen, den blinden Zorn, die rasende Wut ebenso wie die grenzenlose Müdigkeit, die Leere, die Apathie. Nur die Bedürfnisse seiner kleinen Tochter zwingen Tom, jeden Tag ein Stück weiterzuleben.

„In jedem Augenblick unseres Lebens“ ist ein bemerkenswertes Buch über Tod und Trauer, das umso stärker wirkt, da es völlig unsentimental geschrieben ist. Eigentlich ist es ein Geschenk von Tom Malmquist an seine Tochter Livia. Wie schön, dass auch andere daran teilhaben dürfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2017)

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