Faschist wegen einer Frau

In Jérôme Leroys Kriminalroman „Der Block“ versinkt Frankreich im Chaos. Der „Bloc Patriotique“ will die Gunst der Stunde nutzen. Es ist der passende Roman zum Wahlsonntag.

Bereits im Jahr 2011 schrieb J´erˆome Leroy „Der Block“. Das Buch ist aktueller denn je.
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Bereits im Jahr 2011 schrieb J´erˆome Leroy „Der Block“. Das Buch ist aktueller denn je.
Bereits im Jahr 2011 schrieb J´erˆome Leroy „Der Block“. Das Buch ist aktueller denn je. – (c) Catherine Hélie

Letztlich bist du also wegen der Möse einer Frau Faschist geworden.“ Mit diesem Satz beginnt und schließt Jérôme Leroys aufwühlender Kriminalroman „Der Block“. Er ist auch ein Statement. Denn der Autor verweigert sich einfachen Antworten: „Die klassischen, antifaschistischen Denkmuster allein genügen nicht mehr, um ein Phänomen zu verstehen, das auf dem gesamten europäischen Kontinent ein solches Ausmaß angenommen hat.“

Frankreich befindet sich im Ausnahmezustand. Der Aufstand auf den Straßen ist außer Kontrolle geraten. Egal, bei welchem TV-Sender man zu den Nachrichten zappt, immer ist da dieser rote Balken, auf dem eine Zahl steht: 756.Es handelt sich dabei nicht um abgefackelte Autos, wie noch vor einigen Jahren. Es ist ein Leichenzähler.

Es ist zugleich die Stunde des fiktiven rechtsradikalen „Bloc Patriotique“. Der Block verhandelt mit der in Bedrängnis geratenen Regierung über Ministerien. Dafür sind die Parteigranden bereit, einen der ihren über die Klinge springen zu lassen.

Natürlich erinnert der Block an Marine Le Pens Front National, doch der Autor sah sich gezwungen, eine „verpixelte“ Version der Realität zu schreiben, um nicht Gefahr zu laufen, verklagt zu werden. Leroy erzählt seine Geschichte aus der Perspektive zweier „Blockisten“. Der Intellektuelle Antoine, Ehemann der Block-Vorsitzenden Agnes, sitzt in seinem Apartment und wartet auf das Ende der Verhandlungen bzw. die Verkündung des Todes des in Ungnade gefallenen Sicherheitschefs Stanko. Doch dieser hat sich, von Hass zerfressen, in ein schäbiges Hotelzimmer geflüchtet und will nicht kampflos aufgeben. Zusätzlich brisant: Die zwei Männer verbindet eine Freundschaft.

Empathie für Protagonisten? Der Autor lässt die beiden Figuren in einer einzigen Nacht als Ich-Erzähler die fast 40-jährige Geschichte des Aufstiegs der extremen Rechten in Frankreich schildern. Im Nachwort erklärt Leroy, dass das eine riskante Entscheidung gewesen sei, weil es „den Leser zur Empathie mit den Protagonisten“ verleite. Andererseits wäre er aber Gefahr gelaufen, „in eine Moralpredigt zu verfallen“, hätte er die Geschichte aus der dritten Person erzählt. Er sieht es als Aufgabe des Schriftstellers, schlechte Nachrichten zu überbringen: „Ja, die Wähler der extremen Rechten sind inzwischen unsere Nachbarn oder unsere Verwandten.“

Leroy fällt es in zum Teil ausufernden Szenen wesentlich leichter, in die Rolle des Intellektuellen Antoine zu schlüpfen. Die Zeichnung des gewalttätigen Proleten Stanko gerät weniger authentisch. Der Autor vermeidet dankenswerterweise die Dämonisierung der Rechten, kann jedoch nicht jedes Klischee umschiffen. So ist gefühlt jeder zweite Block-Soldat schwul. Leroys eigene Weltsicht blitzt unterschwellig an der einen oder anderen Stelle durch.

Doch der Autor verhehlt sie im Nachwort auch gar nicht: Leroy sieht sich in der Tradition des Neo-Polar, „der eine zeitgemäße Form der Geschichtsschreibung“ ist und „für eine politisch linke Orientierung“ steht.

Neu Erschienen

Jérôme Leroy
„Der Block“
übersetzt von
Cornelia Wend
Edition Nautilus
320 Seiten
20,50 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2017)

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