Die Überwachung des Jeremy O'Keefe

In seinem Roman „Ich bin niemand“ führt Patrick Flanery einen New Yorker Professor vor, der ins Visier eines obsessiven Stalkers gerät und sich als Opfer eines Komplotts geriert.

Patrick Flanery, ein Wanderer zwischen den Welten.
Schließen
Patrick Flanery, ein Wanderer zwischen den Welten.
Patrick Flanery, ein Wanderer zwischen den Welten. – (c) Andrew van_der_Vlies

Steigert sich Jeremy O'Keefe in eine Paranoia hinein, die ihn wie in einem Sog immer weiter in die Abgründe der Psyche hinunterzieht, oder leidet er schlicht an einer beginnenden Demenz? Dabei erfüllt der Mittfünfziger keineswegs das Klischee des zerstreuten Professors. Der Historiker, Protagonist des Romans „Ich bin niemand“, stolpert eingangs in einen Plot, der wie die Vorlage für einen Hitchcock-Thriller anmutet. Wie es den Gesetzmäßigkeiten des Suspense entspricht, fängt alles ganz harmlos an – mit dem geplatzten Treffen mit einer Doktorandin in einem Café in Greenwich Village. Die Ungereimtheiten häufen sich indes, bis sie der Hauptfigur über den Kopf wachsen.

Nach zehn Jahren ist O'Keefe gerade wieder nach New York zurückgekehrt, und er fühlt sich ein wenig fremd in der Stadt, die er unmittelbar nach den Terroranschlägen von 9/11 verlassen hatte. In der Zwischenzeit hat er als Professor in Oxford Geschichte gelehrt, mit dem Spezialgebiet DDR und Stasi, wie der Autor beiläufig einstreut. Die Umgebung hat auf ihn abgefärbt, er hat einen leichten britischen Akzent angenommen: halb Amerikaner, halb Brite, ein Wanderer zwischen den Welten.

Die feinen Unterschiede schildert Patrick Flanery aus eigener Anschauung: Schließlich hat der 42-jährige Kalifornier an der britischen Eliteuniversität Literatur studiert. In seinen ersten beiden Büchern setzte er sich mit zeithistorischen Themen auseinander, mit der Apartheid in Südafrika und dem Immobilienboom in den USA. In „Ich bin niemand“ dringt er in die Überwachungsmaschinerie ein, in eine Welt, die in Zeiten der islamistischen Terrorbedrohung alles und jeden entschlüsselt.


Böse Überraschung. Für Jeremy O'Keefe wird die Sache immer mysteriöser. Nicht nur, dass er sich beobachtet wähnt und ständig einem Fremden über den Weg läuft – einem Bekannten seines Schwiegersohns, einem ehemaligen Studenten und Datenspezialisten, der allzu viel über seinen früheren Dozenten weiß, wie sich herausstellt. Selbst am Thanksgiving-Wochenende, in der Abgeschiedenheit seines Landhauses in Rhinebeck im Hudson-Valley, ist er nicht vor seinem Verfolger sicher.

Als böse, wahrhaft irritierende Überraschung entpuppen sich schließlich Pakete, die seine elektronische Vita offenbaren – Telefonate, E-Mails und Kontobewegungen. Hier liegt das Geheimnis verborgen, das er vor seiner Familie sorgsam gehütet und das ihn womöglich zum Objekt der Überwachung gemacht hat: die Beziehung zu einer ägyptischen Studentin, die periphere Verbindung zum Arabischen Frühling und zur Terrorszene. All das bleibt seltsam vage, doch es stürzt Jeremy erst in Zweifel und dann vollends in Verzweiflung: „Ich bin niemand, ein Dilettant in Geschichte und Philosophie, ein Amateur. . .“

Flanery entfaltet die Geschichte eines Intellektuellen, der nach und nach zum Opfer eines obsessiven Stalkers wird, aber auch zum Opfer seiner eigenen Imagination und Verschwörungskraft. Der Roman überzeugt eher als Porträt eines Einzelgängers und als Milieuskizze, wobei die Nebenfiguren doch ziemlich blass bleiben. Mitunter verliert er an Fahrt und Fährte, bis die Nebenhandlung in Oxford im letzten Drittel wieder an Dynamik gewinnt.

Zur großen Anklage gegen den Überwachungsstaat taugt „Ich bin niemand“ nicht. Dafür ist die Story zu schemenhaft, der Plot – das vermeintliche Komplott – zu konstruiert.

Neu Erschienen

Patrick Flanery:
„Ich bin niemand“,
übersetzt von
Reinhild Böhnke,
Blessing-Verlag,
397 Seiten,
23,70 Euro.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Die Überwachung des Jeremy O'Keefe

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.