Die Sprachgewalt von „Moby-Dick“

Der Amerikanist Arno Heller lobt in seiner Biografie „Herman Melville“ nicht nur dessen berühmtestes Werk, sondern wirbt auch für weithin verkannte spätere Romane.

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Lithografie von James E. McConnell zu „Moby-Dick“ mit Porträt des Autors. – (c) Bridgeman Art Library / picturedesk

Der Erzähler beginnt das erste Kapitel mittendrin, in den unendlichen Weiten des Meeres: „Sechs Monate auf See! Ja, Leser, so wahr ich lebe, sechs Monate kein Land gesichtet, auf der Jagd nach dem Pottwal unter der sengenden Sonne des Äquators, auf den Wogen des weithin rollenden Stillen Ozeans umhergeworfen – den Himmel über uns, die See um uns, und weiter nichts.“ Wer würde nach dieser Eröffnung nicht sofort anMoby-Dick“ denken, den Roman des US-Amerikaners Herman Melville, der mit Kapitän Ahabs gnadenloser Jagd nach dem weißen Monsterwal 1851 Weltliteratur geschrieben hat? Vor allem die Verfilmung John Hustons 1956, mit Gregory Peck als dem getriebenen Walfänger Ahab, hat „Moby-Dick“ zum Teil des kollektiven Bewusstseins gemacht.

Die eingangs zitierten Sätze sind tatsächlich von Melville, allerdings nicht aus seinem berühmtesten Werk, sondern aus seinem ersten Buch, „Typee“, das er 1844 bis 1846 verfasste, nach seiner Rückkehr aus dem Pazifik. Dort war er vier Jahre als Matrose unterwegs, auf einem Walfänger erst, von dem er sich ohne Erlaubnis abheuerte. Die abenteuerliche Reise samt Rückkehr hat er in mehreren Südseeromanen beschrieben. Sie entsprachen dem Zeitgeschmack, der Lust auf Exotik. Melville wurde das zweifelhafte Klischee verpasst, ein Mann zu sein, „der unter Kannibalen lebte“. Bis ins 20. Jahrhundert war das prägend.

 

Bankrott und früher Tod des Vaters

Auf das Frühwerk, also noch die Romane „Omoo“, „Mardi“, „Redburn“ und „White-Jacket“, geht der renommierte Amerikanist Arno Heller in seiner Biografie „Herman Melville“ (Verlag Lambert Schneider, WBG 2017, € 30,80) ausführlich ein, ehe er in zentralen Kapiteln die Entstehungsgeschichte von „Moby-Dick“ schildert und den Roman analysiert, um schließlich auch die lange Spätphase dieses Autors mit weniger bekannten, von der Kritik großteils ignorierten Werken vorzustellen. Melvilles „geistige Verfassung und sein inneres Leben“ können im Wesentlichen nur aus der Literatur erschlossen werden. Andere Quellen sind rar. Die erhaltene Korrespondenz umfasst 300 Briefe – bei Henry James etwa sind es 12.000. Also werden Leben und Werk bei Heller (der unter anderem an den Universitäten Innsbruck und Graz lehrte) eng verknüpft.

Diese empathische und dennoch etwas akademische Biografie ist für deutschsprachige Leser gedacht, die an Melvilles Gesamtwerk interessiert sind. Sie verwertet wichtige Sekundärliteratur (Jay Leyda, Brian Higgins, Hershel Parker, Laurie Robertson-Lorant), die bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt ist. Wer mehr über die Kulturgeschichte der USA in der Ära Melville erfahren will, ist vielleicht mit Andrew Delbancos Biografie „Melville – His World and Work“ (2005, auf Deutsch 2007) besser bedient. Hellers ca. 300 Seiten lange Einführung konzentriert sich vor allem auf die Familiengeschichte, die Stärke seiner Frau Elisabeth Shaw, die tapfer zu dem erfolglosen Autor hielt.

Melvilles Vorfahren hatten hohes Ansehen – wohlhabende Familien, brave Calvinisten. Die Großväter waren Helden der Amerikanischen Revolution, sein Vater Allan versuchte sich als Kaufmann. Als er nach missglückten Spekulationen und einem Bankrott 1832 starb, war die finanzielle Lage für seine Gattin und ihre vielen Kinder lang prekär – ein Grundgefühl, das dem künftigen Schriftsteller blieb. Herman musste diverse Jobs annehmen. Bald fuhr er zur See, erst auf einem Handelsschiff, dann heuerte er 1841 auf dem Walfänger Acushnet an. Nach vier Jahren kam er heim, mit genügend Stoff für eine Serie von Romanen. Sein bester sollte „Moby-Dick“ werden, Heller zeigt im Detail, was das Außergewöhnliche an diesem Magnum Opus, einem „menschlichen Mikrokosmos“, ausmacht. Aber zu Lebzeiten Melvilles war das Buch kein Bestseller. Nur 3215 Exemplare wurden bis 1891 verkauft. Die populäre Harriet Beecher Stowe konnte von „Uncle Tom's Cabin“ (1852) mehr als 100.000 Exemplare absetzen.

 

Dieser Autor trifft den Lebensnerv

Auch das Spätwerk wird gelobt: „Pierre“, das sich an populären Schauerromanzen orientiert, der historische Roman „Israel Potter“ und der politisch brisante „Confidence Man“ werden als experimentell, als richtungsweisend für die Moderne, ja für die Postmoderne erachtet. Aber die Zeitgenossen lehnten sie ab, sodass Melville, bereits depressiv und krank, das Romanschreiben aufgab, sich der Lyrik zuwandte. Die ist, wie man herauslesen kann, ebenfalls ein weithin fremder Kontinent. An dem engagierten, gesellschaftskritischen Autor gibt es laut Heller noch viel zu entdecken. Melville schuf „eine für seine Zeit völlig neue, offene Ästhetik der Unabgeschlossenheit und Fragmentarität“. Bildhaft, experimentell, psychologisch sensibel und auch überbordend sinnlich sei seine Sprachgewalt. Sie treffe „den Lebensnerv von Menschen in aller Welt“.

DER AUTOR UND SEIN WERK

Herman Melville wurde 1819 in New York City geboren, wo er 1891 starb. Die Wurzeln der einst wohlhabenden Familie: Schottland und Holland. Der Vater starb früh. Es folgten finanzielle Probleme, die Melville jr. viele Jahre begleiteten. Er fuhr zur See, eher er Autor wurde, hatte aber meist nur geringen bis mäßigen Erfolg. 1866 nahm er eine Stellung als Zollinspektor an. Erst nach seinem Tod wurde er als ein Großer der Literatur erkannt. Neben „Moby-Dick“ zählen die Romane „Typee“, „Omoo“, „Mardi“, „Redburn“ und „White-Jacket“ zu den gängigen Werken. „Billy Budd“ wurde postum veröffentlicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2017)

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