Kriminalromane als Tor zur Zeit

„Die Presse am Sonntag“ hat vier zeithistorische Kriminalromane gelesen. In „Langer Marsch“ entführt Clementine Skorpil die Leser erneut nach China. So macht Geschichte Spaß.

„Ein Roman lebt von den Protagonisten“, sagt Clementine Skorpil. Tatsächlich sind ihre Figuren lebensecht.
Schließen
„Ein Roman lebt von den Protagonisten“, sagt Clementine Skorpil. Tatsächlich sind ihre Figuren lebensecht.
„Ein Roman lebt von den Protagonisten“, sagt Clementine Skorpil. Tatsächlich sind ihre Figuren lebensecht. – (c) privat

Der Lange Marsch ist der Schlüsselmythos der chinesischen Kommunistischen Partei. „Insgesamt haben wir 10.000 Kilometer zurückgelegt, sind durch zwölf Provinzen marschiert. Wir haben 18 Gebirgszüge überwunden, von denen fünf mit ewigem Eis bedeckt sind. Und wir haben 24 Flüsse durchquert“, wird dazu Otto Braun, der deutsche Militärberater von Mao Zedong, der den gesamten Marsch absolviert hat, am Ende von Clementine Skorpils Roman sagen. Das klingt durchaus romantisch, doch mit Verklärung hat die österreichische Autorin Clementine Skorpil nichts am Hut.

Tatsächlich war der militärische Rückzug der Roten Armee vor Chiang Kai-sheks Truppen vor allem eines: ein Todesmarsch. Von den 80.000 Menschen, die sich auf den Weg machten, überlebten 8000. „Diese Zahlen sind insofern irreführend, als die Rote Armee auch während des Marsches fleißig rekrutierte“, erklärt die Literaturkritikerin und Lektorin der „Presse“ im lesenswerten Nachwort. „Es werden also noch viel weniger gewesen sein, die wirklich die gesamte Wegstrecke bewältigt haben.“

Das Problem der Zeitenfolge. Wie weit Propaganda und Realität auseinanderliegen können, macht die Autorin am Beispiel der Schlacht an der Luding-Brücke deutlich. Die Brücke gibt es, Schlacht fand keine statt.

Skorpil dienen die historischen Geschehnisse aber eigentlich nur als Rahmen, um eindringlich über die Schicksale von Menschen in Not zu erzählen. Sie greift dabei auf die Figuren aus ihren beiden Vorgängerromanen „Gefallene Blüten“ und „Guter Mohn, du schenkst mir Träume“ zurück. Wer Icherzähler Wen Pi, seine Schwester Schneerose, deren Mann Lou Mang und die alte Ai Ping einmal kennengelernt hat, wird diese fast zwangsläufig ins Herz schließen.

Wunderbar ist vor allem die Sprache der Autorin. Dadurch gelingt es ihr, eine nicht-westliche Sicht auf die Dinge zu vermitteln. Immer wieder wartet sie mit Formulierungen auf, die den Leser zum Schmunzeln bringen. „Ich war wie immer nutzlos in der Eindämmung des Frauengefühlsüberschwangs“, gesteht Wen Pi einmal. Die Nähmaschine heißt zum Beispiel Rattermaschine. Sehr interessant ist es auch, als der Icherzähler einmal auf das „Zeitproblem“ aufmerksam macht: „Für uns in China ist es selten von Belang, was vorher, was nachher, was gleichzeitig war. Im Westen aber scheint das das Vordringliche zu sein. Es gibt ein eigenes Wort dafür: Zeitenfolge.“ Genau mit dieser Zeitenfolge kommt Erzähler Wen Pi immer wieder ein wenig durcheinander. Das macht aber überhaupt nichts, das liest sich alles in allem unglaublich charmant.

Obwohl es grundsätzlich eine ernste, traurige Geschichte ist, wird diese niemals pathetisch. Die Schriftstellerin schreibt mit viel feiner Ironie. Den eingangs erwähnten deutschen Militärberater Otto Braun führt sie etwa folgendermaßen ein: „Fantasieloserweise nannte er sich Li De. Li wie alle Lis dieser Welt und De wie Deutscher. Der Deutsche Li also. Dass De auch Moral, Tugend heißt, hat man ihm vielleicht nicht gesagt.“

Und es wäre nicht Skorpil, würde sie nicht auch eine klassische Krimihandlung in ihre Geschichte einbetten. So müssen sowohl Wen Pi und sein Schwager Lou Mang, die beide am Langen Marsch teilnehmen, ein kriminalistisches Rätsel lösen. Aber auch Ai Ping, die Unterstützung von der jahrelang abgetauchten Pflaumenblüte erhält, muss all ihr Wissen einsetzen, um der zurückgebliebenen Schneerose das Leben zu retten. Diese steht nach dem mysteriösen Tod eines Generals unter Mordverdacht. Es gilt, das drohende Todesurteil abzuwenden.

Fazit: Die große Kunst der Autorin besteht darin, durch kleine Geschichten große Geschichte begreifbar zu machen.

Lesung. Am 23. Mai liest Clementine Skorpil in der Buchhandlung Orlando in der Liechtensteinstraße 17 im neunten Wiener Bezirk ab 19 Uhr aus ihrem Buch. Musikalisch begleitet wird sie von ihrem Mann, Helmut, auf dem Akkordeon.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Lesen Sie mehr zum Thema
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Kriminalromane als Tor zur Zeit

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.