Die Macht des Erzählers

Emmanuel Carrère stellt in seinem Buch „Ein russischer Roman“ die Frage nach der Berechenbarkeit von Geschichte(n). Ein fulminanter Auftakt des französischen Bücherherbstes.

Narziss, Zweifler und glänzender Stilist: der französische Autor Emmanuel Carrère.
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Narziss, Zweifler und glänzender Stilist: der französische Autor Emmanuel Carrère.
Narziss, Zweifler und glänzender Stilist: der französische Autor Emmanuel Carrère. – (c) Julia von Vietinghoff

Dass Frankreich in diesem Herbst im Fokus der Frankfurter Buchmesse stehen wird, merkt man bereits jetzt bei der Durchsicht der Verlagsprogramme. Eine ungewöhnlich hohe Zahl an Übersetzungen aus dem Französischen soll die Leserinnen und Leser auf das Gastland einstimmen. Da ist etwa das neue Buch von Virginie Despentes mit dem mysteriösen Titel „Das Leben des Vernon Subutex“, das vom Verlag als „Sittengemälde“ unserer Zeit und „literarischer Rundumschlag“ angepriesen wird. Die Autorin ist mit ihrem 1990er-Jahre-Skandalbuch „Fick mich“ in Erinnerung. Wenig dramatisch im Titel kommt Hédi Kaddours „Die Großmächtigen“ daher. Doch verhandelt der Autor das belastete Thema der französischen Kolonialgeschichte. Sophie Divry schildert in „Als der Teufel aus dem Badezimmer kam“ in bissigen Worten das brotlose Leben der Autorin Sophie. Und ein neuer Roman der Bestsellerautorin Amélie Nothomb, „Töte mich“, ist für August in Vorbereitung.

Ein Bestsellerautor wird aus Emmanuel Carrère vermutlich keiner, seine Literatur ist zu sperrig für den Mainstream. Doch eine größere Bekanntheit im deutschsprachigen Raum wäre dem Pariser Schriftsteller zu wünschen – Buchmesse hin oder her. Der Berliner Verlag Matthes & Seitz veröffentlicht seit ein paar Jahren seine Werke, die sich gegen strikte Genregrenzen stemmen.


Kein klassischer Romanautor. Carrères Schreibthemen sind schwer festzumachen. Er macht sich selbst zum Thema, den Narziss, Zweifler und Intellektuellen, und etwas, das man wohl „das große Ganze“ nennen muss. In „Limonow“ verfasste er die Romanbiografie Eduard Limonows. Er zeichnet nach, wie aus dem russischen Nonkonformisten der Kopf der reaktionären Nationalbolschewistischen Partei wurde. „Das Reich Gottes“ ist eine opulente Auseinandersetzung mit dem Christentum und den Grundfragen des Glaubens. In „Alles ist wahr“ beschreibt er das Trauma von Tsunami-Überlebenden in seinem Bekanntenkreis.

Auch sein aktuelles Buch, „Ein russischer Roman“, das im Original 2008 erschien und wie alle seine Bücher von Claudia Hamm ins Deutsche übertragen wurde, ist aufsehenerregend und entwickelt einen Sog – und ist - dem Titel zum Trotz - kein klassischer Roman.

Das Buch beschreibt zwei Jahre in Carrères Leben, die Jahre 2002/2003, und beginnt mit seinem Versuch, mit einem verschwiegenen Kapitel seiner eigenen Familiengeschichte ins Reine zu kommen. Es geht um die Geschichte seines Großvaters, eines aus Georgien stammenden Emigranten, der 1944 in Frankreich verschwand. Parallel dazu verfolgt Carrère das Schicksal eines von der Roten Armee nach Russland verschleppten Ungarn, der in der Provinzstadt Kotelnitsch landete. Beide Geschichten kreisen um Kollaboration und enden im Kontrollverlust über das eigene Leben.

Carrère beginnt, die Lebenswege beider Männer zu recherchieren, schließlich fährt er mehrmals nach Russland, nach Kotelnitsch, um einen Dokumentarfilm zu drehen. (Diesen gibt es tatsächlich: "Retour à Kotelnitch" erschien 2003.) Es sind Reisen in die Tristesse und Brutalität der Provinz und Zeugnis seiner Suche nach Aufgehobensein – in der russischen Sprache.

Parallel dazu schildert Carrère seine Liebesbeziehung zu einer Frau namens Sophie. Es ist die Chronik eines Auseinanderdriftens, die er durch eine waghalsige Aktion zu verhindern sucht. In einem in „Le Monde“ veröffentlichten amourös-pornografischen Brief gesteht er ihr seine Liebe. Kann er mit diesem öffentlichen Akt eine Beziehung retten, in der er es nicht vermag, seiner Partnerin die notwendige Sicherheit zu geben? Carrères minutiös geplantes „Liebesszenario“, soviel sei hier verraten, geht ganz und gar nicht auf.

Dem Autor gelingt das Kunststück, zwei scheinbar disparate Erzählstränge miteinander zu verknüpfen: Denn beide handeln von der Macht des Erzählers über die (eigene) Geschichte. Oder sollte man nicht vielmehr von Ohnmacht sprechen? Das Ergebnis ist ein ungewöhnliches, provokantes und schmerzhaftes Buch über Erinnerung, Liebe und Begehren – und über die Kraft von Sprache, die in der Lage ist, Verlust und Scheitern zu überwinden.

Neu Erschienen

Emmanuel Carrère:
„Ein russischer Roman“
Übersetzt von
Claudia Hamm
Verlag Matthes & Seitz

281 Seiten
22,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2017)

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