Wir ewigen Zweiten

Der deutsche Theaterkritiker Simon Strauß legt mit „Sieben Nächte“ ein interessantes Debüt vor. Sein Protagonist ist ein Endzwanziger, der nicht erwachsen werden will.

Simon Strauß ist im Brotberuf Kritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.
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Simon Strauß ist im Brotberuf Kritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.
Simon Strauß ist im Brotberuf Kritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. – (c) Martin Walz

Vergangenes Wochenende hat Simon Strauß in Salzburg die Premiere des „Jedermann“ besucht. Danach schrieb er darüber in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („Es ist halt schon recht ärgerlich zu sterben“), denn im Hauptberuf ist er dort Feuilleton-Redakteur und Theaterkritiker. Den Rest seiner Tage verbringt er aktuell vermutlich damit, Rezensionen anderer zu seinem Debütroman „Sieben Tage“ zu lesen. Und er kann sich dabei sehr oft freuen. Hymnisch gelobt wird sein schmaler Band bislang von fast allen Kollegen. Dass er der Sohn von Schriftsteller Botho Strauß ist, hat ihm bislang niemand übel genommen.

Strauß bringt uns einen Protagonisten, kurz vor dem 30. Geburtstag, der von sich sagt, er habe „alle Abschlüsse gemacht, alle Termine eingehalten, viel gelächelt, wenig geweint, ein bisschen geweint, aber vor allem gelächelt“. Er ist einer, dessen Ehrgeiz ihn daran gehindert hat, den Lehrern in der Schule zu widersprechen, und im Proseminar an der Universität hat er den Professoren stets gesagt, was sie hören wollten. Aber jetzt, kurz vor dem runden Geburtstag, fragt er sich, wie es weitergehen soll mit seinem Leben. Also begibt er sich in sieben einsamen Nächten auf wagemutige Abenteuer, die an die sieben Todsünden angelehnt sind. Er verbringt Stunden am Rande eines Pferdewettrennens (Habgier) und auf einem erotischen Maskenball (Wollust). Die naheliegende Assoziation von Kubricks „Eyes Wide Shut“ liefert er gleich mit. Er lässt sich von einem Hochhaus ins Nichts fallen (Hochmut), verbringt einen langen Abend in der Universitätsbibliothek (Neid) und verlässt seine Wohnung nicht (Faulheit).


Die Stimme einer Generation. Die Figur, die nicht nur einige Gemeinsamkeiten mit dem Autor hat, sondern vielleicht sogar der Autor selbst ist (der an „S.“ adressierte Brief zum Schluss legt das nahe), beklagt „dieses dumpfe, wehleidige Gefühl, zu spät geboren zu sein, in Zeiten zu leben ohne Arien und Rausch“. Unweigerlich fühlt man sich an Hanna Horvath, die strauchelnde Mittzwanzigerin, geschaffen und gespielt von Schauspielerin Lena Dunham, erinnert, die die Stimme ihrer oder zumindest „einer Generation“ sein will und merkt, wie wenig eigenständig diese Generation ist. Es ist eine seltsame Verklärung des „Früher“, die den den Protagonisten umtreibt, der sich und die Gleichaltrigen „die ewigen Zweiten“ nennt. „Niemand wünscht sich einen Krieg“, schreibt er, „aber die Chance des Neuanfangs, der Gründerzeit, der Wunderkinder, von der darf man doch träumen.“ Die sieben Nächte sollten eine Art Reifeprüfung sein, für einen, der sich nicht entscheiden kann, wie es weitergehen soll, was er aus seinem Leben machen soll. Heirat, Kinder, Festanstellung – das sind die für ihn langweiligen Dinge, die noch kommen können. Mit seinen nächtlichen Ausflügen wollte er seine Gier wecken, seine Sinne und Nerven reizen. Aber vor dem Älterwerden schützt ihn das auch nicht, wie ihm sein Freund am Ende in einem Brief schreibt.

Simon Strauß ist tatsächlich ein beachtliches Debüt gelungen, allerdings liegt die Stärke des Buches nicht in der Schilderung der Sündennächte, sondern in der trefflichen Beschreibung seiner zweifelnden Generation.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2017)

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