Der Zivi und die Absurdität der Psyche

In seinem dritten Roman schildert der Poetry Slammer Elias Hirschl das Leben in einer betreuten WG für psychisch Kranke. Sprachgewaltig, absurd, witzig - aber mit viel Tiefgang.

„Keine besonderen Vorkommnisse“? Autor Elias Hirschl gibt Einblicke in etwas andere WG-Welten.
Schließen
„Keine besonderen Vorkommnisse“? Autor Elias Hirschl gibt Einblicke in etwas andere WG-Welten.
„Keine besonderen Vorkommnisse“? Autor Elias Hirschl gibt Einblicke in etwas andere WG-Welten. – (c) Gerald von Foris

Ob psychische Krankheiten ansteckend sein können? Es könnte einem fast so vorkommen, wenn man den Protagonisten in Elias Hirschls neuem Roman „Hundert schwarze Nähmaschinen“ begleitet. Der Zivi, so wird er genannt, der seinen Dienst in einer WG für Menschen mit den verschiedensten psychischen Problemen leistet, stößt jedenfalls bald an die Grenzen zwischen Krankheit und Umgang damit. Zwischen Klienten und Betreuern. Zwischen den Krisen der WG-Bewohner und seinem eigenen Leben, das zunehmend zu zerbröseln droht.

Gerade einmal dreieinhalb Monate lang ist der Zivi 18 Jahre alt, ebenso lange hat er seine Matura hinter sich, als er bei „BLuhM – Verein für Betreutes Leben und ein harmonisches Miteinander“ seinen Dienst antritt. Die anderen Betreuer, mit denen er arbeitet, haben sich schon ihre Routinen erarbeitet. Wissen, wie man mit den einzelnen Klienten umgeht. Und ja, man muss immer auf sie achten. Damit etwa nicht wieder jemand etwas anzündet. Gefährliche Gegenstände wie Messer müssen natürlich weggesperrt werden, damit sich niemand selbst verletzt. Ach ja, und nicht vergessen, die Waschküche zuzusperren.

Warum das ein guter Ratschlag gewesen sein könnte, erfährt der Zivi, als die nackte Frau Brandner plötzlich vor ihm steht, die Best-of-Schlager-Vol.27-CD in zwei Teile zerbrochen im Bauch stecken hat, am schockierten Zivi vorbei in die Waschküche rennt und sich dort voller Begeisterung das Waschpulver in den Mund schaufelt. Einer dieser Anfälle, die alle zwei, drei Wochen passieren. Nach Aktionen wie diesen kommt sie für ein paar Tage in die Psychiatrie – nur, um wenige Tage später wieder in der WG zu landen. Denn Geld hat sie keines. Und die Klinik keine Kapazitäten, sich mit hoffnungslosen Fällen herumzuschlagen. In der WG hat der Vorfall freilich Konsequenzen – die Schlager-CDs werden künftig in einem Kästchen weggesperrt.

Außerhalb der Einrichtung interessiert sich kaum jemand dafür, was hier abläuft. Und die Tagesprotokolle an die Verwaltung werden mit viel Erfindungsreichtum komponiert. „Frau Brandner wirkt heute sehr entspannt. Sie genießt die Weihnachtsfeiertage auf dem Sofa und strahlt Ruhe und Gelassenheit aus“, heißt es etwa, wenn sie nach einem Anfall wieder mit Medikamenten ruhiggestellt wurde. Hauptsache nicht „Keine besonderen Vorkommnisse“ schreiben, damit es nicht klingt, als hätte man sich mit den Klienten überhaupt nicht beschäftigt.


Das Atmen abgewöhnen

Jeder Klient hat seine Marotten. Herr Gruber, zum Beispiel, der den Zivi immer wieder in Gespräche über seine skurrile Sicht der Welt verwickelt. Etwa darüber, wie man sich eine Sucht wie das Atmen abgewöhnen sollte. „Atmen tötet, wissen Sie? Hundert Prozent aller Gestorbenen haben in ihrem Leben regelmäßig geatmet.“

Auch wenn manche Szene rasend absurd ist, verliert der Autor nie den Respekt vor den psychisch kranken Menschen oder führt sie in voyeuristischer Absicht vor. Sondern bohrt in Rückschauen in ihren früheren Leben, deutet an, welche traumatischen Ereignisse sie hierher gebracht haben. Und auch an der zunehmenden Verzweiflung des Zivi über die Zustände und sein Leben an sich nimmt man Anteil – inklusive der Trennung von der Freundin, mit der ihn nur noch das Streiten verbindet. („Das ist eine Beziehung, die man nicht führt, sondern von der man geführt wird.“)

Es ist vor allem auch ein sprachliches Vergnügen, den absurd witzigen Gedankengängen des Autors – er kommt aus der Poetry-Slam-Szene – zu folgen. Wenn auch die Handlung deutlich weniger verquer ist als im grandiosen Vorgänger „Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt“, da eine Betreuungs-WG wie diese wohl vielerorts Realität ist. Es ist ein Buch, bei dem man laut loslachen kann, doch auch immer wieder zurückgerissen wird in die Realität. Und sich dabei erwischt, wie man manchen Gedanken, der in der Betreuungs-WG gefasst wird, vielleicht schon einmal selbst gehabt hat.

Neu erschienen

Elias Hirschl: "Hundert schwarze Nähmaschinen", Jung und Jung, 328 Seiten; 24,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Der Zivi und die Absurdität der Psyche

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.