In schlechter Gesellschaft

Virginie Despentes schildert in "Das Leben des Vernon Subutex" den Absturz einer Mittelklasseexistenz. Vier Novitäten aus Frankreich - ein Special vor der Buchmesse im Oktober.

Die Chronologie eines wilden Abstiegs: Virginie Despentes' neuer Roman „Das Leben des Vernon Subutex“, erster Band einer Trilogie.
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Die Chronologie eines wilden Abstiegs: Virginie Despentes' neuer Roman „Das Leben des Vernon Subutex“, erster Band einer Trilogie.
Die Chronologie eines wilden Abstiegs: Virginie Despentes' neuer Roman „Das Leben des Vernon Subutex“, erster Band einer Trilogie. – (c) JF Paga

Wenn es eine Lehre aus Virginie Despentes' aktuellem Roman gibt, dann diese: Der Absturz kann schnell kommen. Rasend schnell.

„Das Leben des Vernon Subutex“ ist eine Chronologie des Verlustes von Gewissheiten und Sicherheiten. Im Zentrum des Romans der 48-jährigen französischen Autorin, die im deutschen Sprachraum mit ihren expliziten Büchern „Baise moi – Fick mich“ und „Pauline und Claudine“ bekannt wurde, steht Vernon Subutex, ehemaliger Besitzer des Plattenladens „Revolver“. Die kostenlosen Download-Dienste aus dem Internet haben sein Geschäftsmodell ruiniert.

Der finanzielle Bankrott kündigte sich zwar schon länger an, aber Vernon ist ein, wie es im Buch an einer Stelle heißt, pathologischer Prokrastinierer. Dann stirbt sein Gönner, ein von vielen belächelter Popstar. „Wer bezahlte jetzt seine ausstehende Miete? Das ist die erste Frage, die sich Vernon stellt.“ Gefühlsduselig wird es bei Despentes nie. Schließlich klopft der Gerichtsvollzieher an die Tür. Vernon im O-Ton: „Das Leben ist oft ein Spiel in zwei Sätzen: Im ersten schläfert es dich ein und lässt dich glauben, dass du führst, und im zweiten, wenn du entspannt und wehrlos bist, serviert es dir seine Schmetterbälle und macht dich alle.“


Übernachten am Sofa

Was nach den ersten, etwas schleppenden Seiten beginnt, ist eine Odyssee des Helden durch Paris auf der Suche nach einem Unterschlupf. Vernon ist ein sympathischer Versager und schlauer Junge: Er nimmt Kontakt zu seinen alten Freunden auf und schlägt sich dank einer Legende („Rückkehr aus Kanada“) von einem zum nächsten durch.

Diese Seitengeschichten bilden das Zentrum des Romans. In ihnen eröffnet uns Despentes das Panorama einer desillusionierten Gesellschaft: Vertreter der Pariser Kunst- und Kulturelite, eine in die Jahre gekommene Musikerin, ein Pornostar und so weiter. Die meisten sind zwar nicht so tief gefallen wie der einstige Frauenschwarm Vernon (auch das Aufreißen wird im Alter und mit der Armut schwieriger), doch quälen auch sie sich durch einen oft biederen, freudlosen Alltag. Kaum jemand hat hier guten Sex. Stilistisch ist der Roman schnörkellos. Es ist der respektlose, entlarvende Blick der Autorin, der ihn zum Leseerlebnis macht. In Frankreich erschien Despentes' Roman im Jahr 2015. Auf Deutsch ist er erst jetzt, kurz vor der Frankfurter Buchmesse erschienen, auf der in diesem Jahr Frankreich Gastland ist und sich mit starken Titeln präsentiert.

Despentes' knapp 400 Seiten umfangreicher Roman sticht mitten in die aufgeheizte Atmosphäre der Gegenwart: die Prekarität der Lebensentwürfe, das grassierende Misstrauen gegen andere, der Aufstieg der Populisten, das Gefühl, vor einem großen Krieg aller gegen alle zu stehen. An diesen Phänomenen arbeiten sich auch andere französische Autoren ab. Erinnert sei an Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“. Despentes ist um einiges witziger als ihr männliches Pendant.

In den früheren Büchern der Autorin war eine brachiale Wut zu spüren. Ihre Protagonisten waren gedemütigte Individuen, die in ihrer Vendetta gegen die Gesellschaft bis zum Äußersten gingen. Auch in „Vernon Subutex“ (geplant als Trilogie) geht es ziemlich brutal und mitleidlos zu. Doch zwischen den Zeilen blitzt immer wieder Verzweiflung auf. Die neue Despentes zeigt Mitgefühl.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2017)

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