"Memory Game": Eine Welt ohne Erinnerungen

Autorin Felicia Yap erschafft in dem Thriller „Memory Game“ eine Alternativwelt: Menschen können sich maximal zwei Tage zurückerinnern. Wie löst man da einen Mord?

Felicia Yap war Biologin, Historikerin, Model. „Memory Game“ ist ihr erster Roman.
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Felicia Yap war Biologin, Historikerin, Model. „Memory Game“ ist ihr erster Roman.
Felicia Yap war Biologin, Historikerin, Model. „Memory Game“ ist ihr erster Roman. – (c) Tim Steele

Autorin Felicia Yap hat eine ungewöhnliche Welt erschaffen, die sich in Monos und Duos unterteilt. Monos können sich nur an die Ereignisse des vorangegangenen Tages erinnern, das Gedächtnis von Duos reicht zwei Tage zurück. Das mag auf den ersten Blick kaum einen Unterschied machen, entscheidet in „Memory Game“ aber über die gesellschaftliche Stellung. Nur Duos erhalten gute Jobs und leben in guten Vierteln. Monos hingegen werden allerorts diskriminiert.

Ob man Mono oder Duo ist, stellt sich erst mit Erreichen des Erwachsenenalters heraus. Erstere vergessen ab dem Alter von 18 Jahren, Zweitere ab 23. Ein spannender Aspekt: Durch Auswendiglernen kann man wichtige Erinnerungen, die man in einem Tagebuch festhält, ins Langzeitgedächtnis transportieren.

Ausgerechnet Duo-Schriftsteller Mark Henry Evans, verheiratet mit der Mono Claire und Aushängeschild einer Bewegung für die Gleichstellung der beiden Arten von Menschen, wird in „Memory Game“ des Mordes verdächtigt. Und die Tote ist keine gewöhnliche Frau: Sophia ist ein Fehler im System, sie kann sich an alles erinnern. Daher konnte in ihr auch der Plan reifen, Rache zu nehmen, und zwar an Mark. Warum ist unklar, klar ist allerdings: Nur wer ein Gedächtnis hat, kann nachtragend sein.


Mono-Duo–Rassismus. Mischehen wie die zwischen Mark und Claire sind eine Seltenheit, die oft für offene Ablehnung sorgen. Eine Nachbarin der Evans beschwert sich etwa beim ermittelnden Polizisten Hans: „Auch wenn ein Teil eines Paares reich und berühmt ist, sollte man solche exklusiven Gegenden wie diese nicht verunreinigen mit . . . Leuten einer gewissen Klasse, wenn Sie verstehen.“ Hans versteht nur zu gut. Er selbst ist Mono, muss sich aber als Duo tarnen, um seinen leitenden Posten bei der Polizei zu behalten.

Deshalb hat Hans auch Sympathien für Claires Dilemma. Die Frau weiß, dass in ihrer Ehe etwas nicht stimmt und dass es mit der toten Frau zu tun hat. Doch welche Rolle spielt ihr Mann dabei? Oder gar sie selbst? Erinnern kann sich Claire jedenfalls nicht. Und die entscheidenden Tagebucheinträge sind auch nicht aufzufinden.

Es ist ein faszinierendes Gedankenspiel, an dem die 37-jährige Britin Felicia Yap ihre Leser teilhaben lässt. Für das unkonventionelle Setting ist das Buch allerdings dann doch recht konventionell geraten, etwas glatt, etwas steril. „Memory Game“ ist ein perfekt durchkonzipierter Thriller in der Tradition von Gillian Flynns „Gone Girl“ und Paula Hawkins „Girl on the Train“ (beide Thriller wurden verfilmt). Ein Problem sind die wechselnden Stimmen. Egal, wer erzählt, ob Claire, Mark oder Hans, es wirkt, als sprächen sie alle mit einer Stimme. Lediglich die niederträchtige Sophie weicht ab.

Lebenswichtiges Utensil in der Geschichte ist das „iDiary“, ein digitales Tagebuch. Wie sollte man sein Leben auch sonst organisieren? Was nicht aufgeschrieben wird, ist unwiederbringbar vergessen. Gleich zu Beginn von „Memory Game“ mutet dieses Tech-Gadget eher wie ein plumpes Product-Placement an. Der dazupassende Hollywoodfilm wird aber wohl nicht lang auf sich warten lassen. 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2017)

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