Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk hält "Anna Karenina" von Leo Tolstoi für den besten Roman aller Zeiten. Die Leser könnten in den Text wie in eine Landschaftsmalerei eintauchen, sagte der Literatur-Nobelpreisträger von 2006 am Donnerstagabend bei einem Vortrag in der Berliner Humboldt-Universität.
Pamuk unterschied zwei Sorten von Autoren: Die einen dächten beim Schreiben nicht über die Wirkung ihres Textes nach, die anderen reflektierten jedes Wort. Er selbst vereine beide Typen in sich.
"Geist arbeitet beim Lesen hart"
"Romane sind wie Träume", sagte der 57-Jährige. Die Leser nähmen einerseits an, dass die Geschichten real seien. Andererseits wüssten sie tief in ihrem Inneren, dass dem nicht so sei. Sie fragten sich ständig, welche Passagen eines Romans frei erfunden seien und welche auf realen Erlebnissen des Autors basierten. Ihm selbst werde diese Frage immer wieder gestellt.
"Unser Geist arbeitet hart, wenn wir einen Roman lesen", glaubt der Autor. Dessen seien sich jedoch die wenigsten Leser bewusst. Viele verspürten beim Lesen schwieriger Texte auch einen gewissen Stolz. Lese jemand einen anspruchsvollen Roman, so lobe er sich innerlich dafür. Er selbst habe als Jugendlicher mit Bildungsromanen wie Thomas Manns "Zauberberg" versucht, seinen Geist zu schulen.
(Ag.)
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