Sagen Sie niemals Bachmann-Preis zu ihm! Der Literatur-Wettbewerb Wartholz in Reichenau funktioniert zwar ähnlich wie das Wettlesen in Klagenfurt, hat aber einen anderen, viel familiäreren Charakter. Am Fuße der Rax herrscht nicht jene Aufgeregtheit des Literaturbetriebs am Wörthersee. Hier gilt es nicht, einen neuen Star am Literaturhimmel zu küren, sondern einen Eindruck von der Gegenwartsliteratur zu vermitteln.
So gesehen ist es programmatisch, dass nach Andrea Winkler und Michael Stavarič in diesem Jahr der 1960 in Ried im Innkreis geborene Christian Steinbacher den Hauptpreis, dotiert mit 10.000 Euro, zugesprochen bekam. Steinbacher stellte in der Gärtnerei der Familie Blazek, die als Mäzenaten diese Veranstaltung größtenteils finanzieren, einen experimentellen Text vor: „Kaum konzertante Konzentrate" nennt Steinbacher seine 365 Verse, nach den angeblich 365 Nerven des Menschen - oder auch den 365 Tagen des Jahres. „Was stapft da in die Stulpen rein / hat die Plag wer übersäuert / Rasur wie Schur zeigt sich á jour /auf der Lauer kauern Fliegen", lauten die Verse 300 bis 304. Und was heißt das jetzt, könnte man fragen? Genau das ist der Punkt: Es geht eben nicht ums Verstehen, wie Juror Franz Schuh in der Begründung für seine Begeisterung für den Text ausführte. Dieser Text steht in der Tradition jener Literatur, die die Sprache als Material betrachtet, aus dem Sätze, Verse gebaut werden, „dem Gestus des Satzbaus" (Schuh) nachgebildet. Steinbacher spielt in seinem Langgedicht mit Reimen, mit anderen lyrischen Elementen, Aufforderungs- wechseln mit Aussagesätzen. Diese Literatur hat liturgischen Charakter, meinte Juror Bernhard Fetz.
Zum Ausgleich für Steinbachers „Text, der sich die Regeln selbst gibt" (Jurorin Konstanze Fliedl) erhielt die 1963 in der UdSSR geborene Nellja Veremej den „Newcomerpreis" und den Publikumspreis mit jeweils 2000 Euro. Die gebürtige Russin, die seit Mitte der 1990er-Jahre in Berlin lebt und als Russischlehrerin und Übersetzerin arbeitet, las einen der „Clash-of-culture"-Text. Es war nicht der einzige Beitrag bei diesem Wettbewerb, der sich mit dem Aufeinanderprallen zweier Kulturen beschäftigte, aber der beste. Für Jurorin Katja Gasser war es einer der feinsten Texte der Veranstaltung, der „Erinnerung und subjektiven Blick mit Detailtreue verband". „Nur mein Schatten verrät meine ursprünglichen Konturen", heißt es an einer Stelle programmatisch. Das Befremden über das Fremdsein, das sich auch gegenüber der Heimat einstellt, je länger man von ihr weg ist, grundiert den „Wildgras" betitelten Text. Darin wird nicht nostalgisch eine verlorene Heimat beschwören, sondern mit Vergangenheit und Gegenwart, mit Vertrautheit und Fremdheit gespielt.
Vom Niveau der Texte her kann der Reichenauer Lesereigen mit dem Klagenfurter Wettlesen nicht nur mithalten, es ist auf einem anderen angesiedelt. Das hat einerseits mit dem Auswahlverfahren zu tun, andererseits mit den Kriterien für die Einreichungen: Ein literarischer Text mit 18.000 Anschlägen oder zwölf Gedichte sind gefordert. Aus den 651 Einsendungen für den diesjährigen Wettbewerb wählte eine Vorjury, bestehend aus literaturaffinen Menschen der Region, 30 Texte für jeden Juror aus. Daraus nominieren dann die vier Juroren jeweils drei Beiträge. Keine Publikation oder Verlagsempfehlung spielen hier eine Rolle, womit auch kommerzieller Druck von den Autoren wegfällt.
In diesem Jahr war es ein deutsch-österreichisches Match, das ausgetragen wurde. Fünf heimische standen sieben Autoren aus Deutschland gegenüber. Der bekannteste unter den Österreichern war der eben mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnete Grazer Clemens J. Setz. Er las einen witzigen Science-Fiction-Text mit dem Titel „Mütter". Darin bieten ebendiese ihre Dienste an wie üblicherweise Prostituierte. Es geht darin also um den Verlust der Geborgenheit in unserer Gesellschaft, die zur käuflichen Ware wird. Mit dem Mütterdasein beschäftigt sich auch die aus Kapfenberg angereiste Margit Kuchler-D'Aiello. Bei ihr geht es allerdings um eine alleinerziehende Mutter, für die der Alltag zur Hölle wird. Katharina Tiwalds Text wiederum hat thematische Ähnlichkeit mit jenem der Preisträgerin. Auch er beschäftigt sich mit dem „Clash of Culture", diesfalls einer Sprachlehrerin, die Türkinnen Deutsch beibringen will. Als großes Talent wurde einhellig die 1981 in Eisenstadt geborene Barbara Zeman gelobt, die sich mit traumatischen Erfahrungen in der Kindheit auseinandersetzte.
Gesellschaftlicher Höhepunkt beim Wartholz-Wettbewerb ist in Reichenau nicht das Fußball-Match Juroren gegen Autoren, sondern das Kegeln alle gegen niemand. Im Laufe des Abends wurden heuer dann zwar doch zwei Mannschaften gebildet, die gegeneinander antraten, aber nach keinerlei Kriterien. Das Los entschied, wer zur Mannschaft Schwarz und wer zu Rot kam. Der Zufall wollte es, dass die beiden Favoriten für den Hauptpreis so zu unmittelbaren Gegnern wurden. Und so kam es, dass Clemens Setz mit fliegendem Mantel den Kegeln zustrebte, während sich Nellja Veremej sanft an die Bahn heranschlich und mit beeindruckender Technik die Kugel in Richtung Kegel schubste. Beim Kegeln erzielt der Österreicher mehr Punkte, bei der Jury währenddessen die Russland-Deutsche. Nach vier Durchgängen stand es schließlich drei zu eins für Rot.