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Robert Löffler ist "Telemax"

13.03.2010 | 19:54 |   (Die Presse)

Robert Löffler ist "Telemax" aus der "Kronen Zeitung". Und bekannt dafür, auch so manche Gemeinheit elegant durch die Blume zu sagen. Diesmal sagt er es über die Blume.

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Die Blumensprache im engeren Sinne halte ich für ausgestorben. Gibt man heute einem jungen Menschen ein Sträußlein, so weiß er über dieses meist nur, dass die eine Blüte mit Sicherheit rot ist, die andere blau. Welche davon giftig ist, weiß er nicht, und wie sie heißen, schon gar nicht.

Die Blumensprache selbst war immer schon ein bisschen romantisch vertrottelt. Ihre Theorie ist anmutig, wie fast alles, was mit Blumen zu tun hat. Daher nennt man ja die Botanik „Scientia amabilis“, liebliche Wissenschaft. Aber die Praxis der Blumensprache ist als nonverbale Kommunikation unbrauchbar, man müsste sie wie eine Fremdsprache lernen.

Vor mir liegt ein Verzeichnis der Blumen mit ihren Bedeutungen für die Blumensprache. Es sind ihrer 160, von Ackermennig („Ich bin dir dankbar“) bis Zypresse („Ich bin todunglücklich“). Ich kannte nur einen Menschen, ein älteres Fräulein, der das auswendig gelernt hatte. 160 Blumennamen, 160 Bedeutungen. Das ist keine leichte Gedächtnisleistung und man braucht lange und muss sehr fleißig üben, bis man dies im Kopf hat und es dort auch behält. Als das Fräulein alles wusste und herunterleiern konnte, war seine Schönheit ziemlich verflogen. Eine wunderbare Bestätigung der alten Warnung der Snobs: dass Fleiß die Wurzel der Hässlichkeit ist.

Aber auch in Zeiten, in denen die Leute und insbesondere die Verliebten noch wussten, wie eine Akelei, ein Geißblatt oder eine Immortelle aussehen, hatten sie diese selten genug zur Hand. Und dass die Akelei „Du bist ein Schwächling“ bedeutet, das Geißblatt „Gib mir Hoffnung“ und die Immortelle „Ewige Liebe“, wussten auch zu Olims Zeiten die wenigsten.

Die Blumensprache will uns zu romantisch erscheinen, von einer gewissen Prüderie durchdrungen. Es fehlt ihr die heute für die Dinge des Alltags und die Kunst notwendige Obszönität. Wir finden nicht die geringste Andeutung davon, dass etwa das Eukalyptusblatt bedeuten könnte: „Ich möchte einer Chinesin in die Quere kommen.“
Gerade die Vermählung des Fernöstlichen mit dem Europäischen hat ja seine unterhaltende Kraft. Man erzählt sich heute schon in Gesellschaften mit Damen die frivolsten Geschichten, wie etwa jene, in der eine jungfräuliche Wienerin einen Chinesen lieben lernt. Und dass sie sich mit Büchern auf die Stunde der Defloration vorbereitet. Sie kommt dabei auf „69“, eine den Kennern wohlbekannte Position, und als es endlich soweit ist, sagt sie eben: „69“. Und er darauf: „Oh – mit Bambussprossen und Pilzen!“

Dergleichen also ist nicht der Ton der Blumensprache. Einzige Ausnahme: die Orchidee (Bedeutung: „ Du bist mir zu verspielt, bitte nimm darauf Rücksicht!“). Die Orchideen, die ich persönlich nicht mag, weil sie zu schön sind – es gibt eine Schönheit, die schmerzt, H. C. Artmann etwa mochte den Johann Strauss nicht leiden, weil er ihm zu schön war –, diese Orchideen also, deren Blüten wie eine von Jugendstilkünstlern stilisierte weibliche Scham aussehen, heißen nicht „Vulven“, sondern ganz im Gegenteil „Orchideen“, was vom griechischen „orchis“ (Hoden) stammt, weil ihre Wurzelknollen oval sind. Orchideen nennt man daher auch „Knabenkraut“.

Manche Pflanzennamen sind sonderbar, das ist ein anderes Kapitel, nur die eine Pointe sei dem Leser verraten: dass der Löwenzahn offenbar ein Singularetantum ist, dem also der Plural fehlt, weil „Löwenzähne“ weniger botanisch als ulkig klingt.
Ich habe sogar den Gefleckten Schierling im Visier, obgleich sich dieser zum Verschenken nur vom Aussehen her eignet. Er ist ein Doldengewächs mit weißen Blütchen, das sich etwa auf Wiesen findet und dessen malerische Schönheit bald schwindet, weil es an heißen Tagen nach Mäuseurin zu riechen beginnt. Immer wieder hat mich beim Studium der Botanik, wenn ich auf diesen Befund stieß, interessiert, woher die Wissenschaftler wissen, wie es riecht, wenn Mäuse seichen.

Der Mensch hat eine gewisse kitschige Einstellung zu den Blüten, er denkt immer an Rosen-, Veilchen-, Lilienduft und vergisst ganz, dass manche auch sehr unangenehm riechen, eben nach Mäuseurin oder Wanzen, der Muskatellersalbei nach Achselschweiß, das Dreiblatt nach einem nassen Hund, das Franzosenkraut nach Ziegenbock. Und Tagetes nennt man auch Stinkstudent und Koriander Wanzendill.

Die Gefährlichkeit des Gefleckten Schierlings aber ist, wie jeder, der über Sokrates las, im Gift. Sokrates, dieser Komiker unter den Philosophen, der mit seiner Ironie die Leute zum Schreien und zum Nachdenken brachte – er war der große Künstler des Blamierens –, wurde hingerichtet, indem er den ausgepressten Schierlingssaft aus dem Becher trinken musste.

Wie anregend der todbringende Schierling noch war, zeigte, dass die letzten Worte des Sokrates, als das Gift schon wirkte und er von unten herauf und um die Lenden herum bereits kalt und steif wurde, eine hoch moralische Bitte äußerte, die in dieser Situation gleichzeitig auch ein Witz war: „Crito, ich bin Asklepias einen Hahn schuldig, willst du daran denken und die Schuld bezahlen?“ Dann starb er. Es war 399 v. Chr.

Seither, das sind immerhin mehr als 2400 Jahre, wissen viele, dass man Schierling nicht verschenken soll, aber es wissen eben nicht alle. Zu viele andere Doldengewächse sind dem schönen Schierling aus dem Gesicht gerissen, der Geißfuß, der Wiesenbärenklau, die Wilde Möhre, die Große Bibernelle. Wehe dem, der sich umbringen will und den Schierling mit ihnen verwechselt. Welch Enttäuschung, wenn an ihm, weil er die Wilde Möhre erwischte, auch nach zwei Stunden nichts kalt wird.
Von der ganzen Blumensprache ist nur Gestammel erhalten geblieben. Was rote Rosen bedeuten, weiß jeder: „Ich liebe dich über alles.“ Thomas Schäfer-Elmayer riet letztens zur Vorsicht: „Bei einer Einladung darf man der Gastgeberin nur dann rote Rosen mitbringen, wenn man stärker und schneller ist als ihr Mann.“

Das könnte falsch aufgenommen werden, und wenn der Ehemann stärker und schneller ist, endet die Sache leicht in Mord und Todschlag: indem der Ehemann den Rosengalan, wie heute üblich, mit dem Küchenmesser ersticht oder mit dem Revolver ins heiße Herz schießt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2010)

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