Wie Eva Herman zu Eva Braun wurde

In „Das Eva-Prinzip“ kritisierte Eva Herman die Frauen-Emanzipation, Kritiker warfen ihr Nähe zum Nationalsozialismus vor. Nun beschreibt die ehemalige Moderatorin am eigenen Beispiel, wie Rufmord funktioniert.

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(c) AP (FRITZ REISS)

Wer erinnert sich an Eva Herman? Vor wenigen Jahren noch machte sie Schlagzeilen mit ihren Büchern „Das Eva-Prinzip“ und „Prinzip Arche Noah“. Die Nachrichtensprecherin der norddeutschen „Tagesschau“ war mit 35 Jahren Mutter geworden und hatte begonnen, ihre Karriere infrage zu stellen. Nun trat sie mit erzkonservativen Thesen gegen die Frauen-Emanzipation an, mit Sätzen wie: „Aufgrund ihrer Veranlagung sind Frauen viel eher in der Lage, das Haus heimelig zu machen und Apfelkuchen zu backen.“ Frauen seien besser als Männer für Haushalt und Kindererziehung geeignet, Mütter sollten länger bei ihren Kindern bleiben und „das Recht auf die traditionelle Rolle als Frau und Mutter“ haben.

Gender-Mainstreaming sei „das größte Umerziehungsprogramm der Geschichte“, schreibt Eva Herman nun in „Die Wahrheit und ihr Preis“. Vielleicht ist ihr neues Buch ja nicht zuletzt wegen solcher Thesen im deutschen Kopp Verlag erschienen – dem Spezialisten für Verschwörungstheorien. Doch derlei Behauptungen dürften nicht der einzige Grund sein, warum kein ernst zu nehmender Verlag sich des neuen Herman-Buchs annimmt. Immerhin hatte vor Jahren sogar das renommierte Politikmagazin „Cicero“ die Moderatorin zur Vorstellung ihrer Thesen eingeladen – und die waren schon damals alles andere als subtil.

 

Sie hat gute Argumente

Doch Eva Herman war zu diesem Zeitpunkt noch eine beliebte Nachrichtensprecherin. Heute ist sie fristlos gekündigt und eine öffentliche „Unperson“. Sie ist die Frau, die – so lautet die allerorten wiedergekäute Formulierung – „die Familienpolitik im Nationalsozialismus verharmlost hat“.

In „Die Wahrheit und ihr Preis“ schildert Eva Herman, wie sie ihren gesellschaftlichen Fall erlebt hat. Man habe ihr eine Nähe zum Nationalsozialismus unterstellt, um sie unmöglich zu machen, erklärt die 51-Jährige. Und bei allem schwülstigen Sendungsbewusstsein, das ihr Buch erfüllt – für diese Verschwörungstheorie hat Eva Herman gute Argumente.

2006 ist die Welt für Eva Herman noch halbwegs in Ordnung. Die Moderatorin, die sich jahrelang in der Organisation „Laut gegen Nazis“ engagiert hat, veröffentlicht ihr Buch „Das Eva-Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit“. Darin liest man über die Erziehungspolitik im Nationalsozialismus: „Unsere distanzierte Haltung zu unseren Kindern steht auch im direkten Zusammenhang mit einem der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte, dem Dritten Reich... Um ihre Erziehung zu nationalsozialistischen Bürgern zu gewährleisten, sollten sie (die Kinder, Anm. d. Red.) der elterlichen Fürsorge so früh wie möglich entzogen werden. Es gab nur ein Problem: die emotionale Bindung der Eltern an ihre Kinder. So lag es nahe, diese konsequent infrage zu stellen und zu zerstören...“ Zur Illustration zitiert Eva Herman das Buch „Die deutsche Mutter und ihr Kind“, ein „schauriges Werk“ der Münchener Ärztin Johanna Haarer, das im Dritten Reich zum Grundlagenwerk der „Reichsmütterschulung“ wurde.

 

„Dem Führer kein Kind mehr schenken“

Dennoch gibt die deutsche „taz“ der Rezension von Hermans Buch den Titel „Das Eva-Braun-Prinzip“ und vergleicht Hermans Kritik am Individualismus mit Aussagen von Hitlers Chefideologen Alfred Rosenberg. Auf den Nationalsozialismus spielt auch Deutschlands berühmteste Feministin Alice Schwarzer an, wenn sie Hermans Forderungen „zwischen Steinzeitkeule und Mutterkreuz“ ansiedelt und in einem Interview auf die Frage, ob ihr die demografische Krise des Landes keine Sorgen mache, erwidert: „Ehrlich gesagt: nicht die Bohne. Wir müssen doch im Jahr 2006 dem Führer kein Kind mehr schenken.“

Schon damals startet Schwarzer eine Kampagne, um den NDR zur Kündigung seiner Moderatorin zu bewegen. Doch erst ein Jahr später folgt der Eklat, und Eva Herman wird fristlos entlassen: Sie habe die Familienpolitik im Dritten Reich gutgeheißen. Wie das? Nachdem Herman in einer Pressekonferenz ihr neues Buch „Das Arche Noah Prinzip“ vorgestellt hat, berichtet das „Hamburger Abendblatt“, sie habe dabei „einen Schlenker zum Dritten Reich“ gemacht: „Da sei vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler, aber einiges eben auch sehr gut. Zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter.“

Ein falsches Zitat – Eva Herman hatte gesagt: „Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er-Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das, was wir an Werten hatten – es war 'ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hoch gefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle –, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt, das wurde abgeschafft.“

Das ist konfus – aber ist es auch eine Verharmlosung der NS-Familienpolitik? Sie habe mit den „Werten“ auf keinen Fall den Nationalsozialismus gemeint, sondern viel ältere Werte, die in der Bevölkerung bestanden hätten, versichert Herman, doch da hört ihr keiner mehr zu. Stattdessen bringt die „Bild am Sonntag“ ein laut Herman völlig verzerrtes Interview und titelt: „Eva Herman lobt Hitlers Familienpolitik.“

Monate später bietet ihr der ZDF an, in der Talkshow „Johannes B. Kerner“ ihre Sicht der Dinge darzustellen. Als sie vor der Sendung allein in einen Raum geführt worden sei, während die übrigen Gäste sich gemeinsam auf die Show vorbereitet hätten, habe sie Schlimmes geahnt, erzählt sie. Zu Recht – die Show gerät zum Tribunal, Herman wird vor laufender Kamera aus der Sendung geworfen.

 

Ist die Nazikeule den Medien nun peinlich?

Das war die letzte Schlagzeile rund um Eva Herman. Inzwischen hat Kerner sein Verhalten einen Fehler genannt, Eva Herman hat Prozesse gegen das „Hamburger Abendblatt“, die „taz“ und die Deutsche Presse Agentur gewonnen. Doch die Nazikeule eignet sich (nicht nur) in Deutschland immer noch am besten, um Menschen mit politisch unkorrekten Meinungen unmöglich zu machen. In der Öffentlichkeit bleibt die gekündigte Moderatorin bis heute jene Frau, die die „die Familienpolitik im Nationalsozialismus verharmlost“ hat.

Um das widerlich zu finden, ist es gar nicht nötig, Eva Herman und ihre merkwürdige Mission zu mögen. Bis dato schweigen die deutschen Zeitungen übrigens über Hermans neues Buch, in dem sie nicht nur Feministinnen und Kollegen, sondern auch schlampige Journalisten kritisiert. Es ist ihnen wohl – in jeder Hinsicht – zu peinlich.

Zu Person und Buch

Eva Herman war von 1989 bis 2006 Nachrichtensprecherin der „Tagesschau“, außerdem moderierte sie verschiedene Sendungen für den Norddeutschen Rundfunk. 2006 brachte das Politikmagazin „Cicero“ die „Herman-Debatte“ ins Rollen, indem es einen Vorabdruck aus ihrem Buch „Das Eva-Prinzip“ zum Thema Kinderlosigkeit in Deutschland brachte.

Ihr neues Buch „Die Wahrheit und ihr Preis. Meinung, Macht und Medien“ ist
im Kopp Verlag erschienen (geb., 281S., 20,60Euro).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2010)

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