Andreas Okopenko tot: "Schreib nicht übers Sterben"

28.06.2010 | 18:44 |  BETTINA STEINER (Die Presse)

Andreas Okopenko, der Dichter, der die Sprache nicht beherrschen wollte und deshalb mit ihr auf höchstem Niveau spielen konnte, ist letzten Sonntag in einem Wiener Krankenhaus gestorben. Ein Nachruf.

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Beginnen wir mit seinen Lockergedichten. Beginnen wir mit ihnen, weil alle, die Andreas Okopenko nur dem Namen nach kennen, diese Lockergedichte schleunigst lesen sollten – und weil jene, die Okopenko gelesen haben, garantiert den einen oder anderen Spruch daraus zitieren können. Man kann nämlich nach ihnen süchtig werden, nach diesen Kurz-Kürzestversen, denen man ansieht, mit welcher Leichtigkeit sie geschaffen wurden – und mit welcher Freude auch veröffentlicht. „Da habe ich das naive Mitteilungsbedürfnis eines Kindes, das sagt: Schau, was mir Schönes gelungen ist“, meinte Andreas Okopenko einmal in einem Interview mit der „Presse“ – und sprach von einem „schlaraffigen“ Schaffensprozess. Und ist es nicht so, dass sich in diesen hingetupften Versen – wie das so oft ist mit Skizzen – die Persönlichkeit des Künstlers deutlicher offenbart als im Überarbeiteten?

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Wenn das so ist, war Andreas Okopenko ein heiterer Mensch. Mit großer Lust an der Grenzübertretung. Einer, der scharf beobachtete. Aber keiner, der seine Meinung mit aller Gewalt durchsetzen musste: „Alles, was du sagst, das stimmt./ Nicht umsonst heißt Schiele Klimt“, lautet eines seiner Gedichte. Nein, man muss nicht auf den Tisch hauen – weder um sich Gehör zu verschaffen noch um den Tisch zu zerlegen: Dazu hatte der Lyriker bessere Mittel, subtilere, präzisere, freudvollere auch.

 

In „Sprachzerrüttung“ hineingeboren

Andreas Okopenko wurde, wie er selbst erzählte, in eine „Sprachzerrüttung“ hineingeboren. Er wuchs in der Slowakei auf, seine Eltern sprachen deutsch, wobei das penibel akzentfreie Deutsch seines Vaters, der aus der Ukraine stammte, noch vom Charakter seiner Muttersprache geprägt war – während die Mutter zwischen Deutschböhmisch, Hochdeutsch und Karpatendeutsch hin und her wechselte. Und mittendrin der kleine Okopenko, der sich die Wörter besah. Das Wörtchen „Ja“ bedeutet auf Slowakisch „Ich“. „Zemetrasenie“ klingt bedrohlicher als das deutsche Wort dafür: „Erdbeben“. Und Sprachmelodien lassen sich nicht übersetzen. Mit neun kam die Familie nach Wien, wo der Vater als Arzt arbeitete – und die nächste Umstellung begann, zunächst auf den breiten Wiener Dialekt, dann auf das gebrüllte Deutsch der Hitlerjugend.

Es ist etwas Eigenartiges mit der poetischen Sprache: Jene, die sie beherrschen wollen, kommen nie an sie heran. Andreas Okopenko wollte und konnte nicht herrschen. Er wollte sie betrachten, verstehen, sie verdrehen, mit ihr spielen. Als in den 50er-Jahren das große Experiment ausbrach, war er darum gleich mittendrin – in den Neuen Wegen oder im Art Club oder in der „publikation einer wiener gruppe junger autoren“, die er herausgab. Wobei sich gerade im Vergleich mit einem Gerhard Rühm oder einem Friedrich Achleitner zeigt, wie sehr Okopenko sich von den Kollegen der „Wiener Gruppe“ unterscheidet. Für Sprachzweifel ist bei ihm kein Raum – und seine Freude am Erzählen ist auch dort ungebrochen, wo er Erzähltraditionen radikal infrage stellt und dem Konzept des allwissenden Erzählers das eines mitgestaltenden Lesers gegenüberstellt: Für sein „Lexikon einer sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen in Druden“ – kurz „Lexikonroman genannt“ – hat er Impressionen einer Donaufahrt penibel notiert und für jedes Stichwort ein eigenes Blatt angelegt. Er hat gesammelt und gesammelt – und „am Ende frei improvisiert“.

Den Eindruck einer „Jam Session“ bekommt auch der Leser des 1970 erschienenen Werks: Er soll sich seinen eigenen Roman basteln, indem er zwischen verschiedenen Varianten wählt, sich einmal von Querverweisen führen lässt, dann wiederum seinen eigenen Weg wählt. 15 Einträge gibt es allein unter dem Stichwort „Katze“, zwölf unter „Bordabenteuer“. Angefangen mit dem Ehepaar auf der Suche nach der Toilette („Stell dir vor, 's ist Herbst und einer hat Süßmost getrunken; eine Katastrophe“) bis zur Verwechslung des Genossen Wewerka. Am besten, man liest sie alle. Und dazu noch seine „Thrill-Geschichten“, die von seiner unverkrampften Lust am Experimentieren zeugen: „Wenn Sie, meine Damen und Herren, ein Ypsilon auf der Straße finden – heben Sie es nicht auf!“ Und wo wir dabei sind, die Leser anzusprechen: Wussten Sie, dass Okopenko für die Humanic-Werbung textete?

 

Radikal ehrlich gegenüber sich selbst

Nicht alle Arbeiten sind Okopenko, der bis zum Erfolg seines Romans „Die Belege des Michael Cetus“ (1967) für einen oberösterreichischen Papierkonzern die Betriebsabrechnung besorgte, so leicht gefallen: Zu dem autobiografischen Roman „Kindernazi“ (1984) musste er sich regelrecht zwingen. Er wollte seine Zeit in der Hitlerjugend nicht mit jenem Wissen beschreiben, das er als Erwachsener hatte. „Kindernazi“ ist ein radikaler Versuch, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und sich nicht „allzustreichelnd“ seiner „Nachhersoklugheit“ nachzugeben. „Hitler hat den Krieg verloren, verstanden?“, erklärt ihm sein Vater: „Stell dir vor, du warst ein großer Star, ein Kinderstar, und jetzt bist du ein Mann und deine Rolle ist aus.“

Und weil das jetzt zu dramatisch wäre für einen Schluss, wie er zu Andreas Okopenko passt, kehren wir doch wieder zu den Lockergedichten zurück, die uns vorführen, wie man das Ernste mit dem Heiteren verbindet: „Ach wieder dieser Rat / Schreib nicht übers Leben, leb. / Schreib nicht übers Schweben, schweb. / Schreib nicht übers Werben, wirb. Schreib nicht übers Sterben, stirb.“ Oder, auch zum Anlass passend: „Three, two, one, zero / Now you are a hero“.

Andreas Okopenko, am 15.März 1930 in Košice geboren, ist letzten Sonntag in einem Wiener Krankenhaus gestorben.

AUF EINEN BLICK: LEBEN UND WERK

Andreas Okopenko wurde am 15.März 1930 als Sohn eines ukrainischen Arztes und dessen österreichischer Frau geboren, die Familie übersiedelte 1939 nach Wien. Nach einem krankheitsbedingt abgebrochenen Chemiestudium trat Okopenko 1950 einen „Brotberuf“ in einem oberösterreichischen Papierkonzern an.

1967 konnte er diesen Brotberuf aufgeben. Der Erfolg seines ersten Prosatexts, „Die Belege des Michael Cetus“ (1967), erlaubte es ihm, als freier Schriftsteller in Wien zu leben. Zuvor schon hatte er Gedichte publiziert, 1949 das erste in der Literaturzeitschrift „Neue Wege“, 1957 den ersten Gedichtband „Grüner November“.

Es folgten weitere Gedichtbände (u.a. „Warum sind die Latrinen so traurig“, 1969, „Immer wenn ich heftig regne. Lockergedichte“, 1992), Romane (u.a. „Kindernazi“, 1984), Drehbücher, Song- und Werbetexte. Dann folgten auch die Ehrungen: 1998 der Große Österreichische Staatspreis für Literatur, 2002 der Georg-Trakl-Preis für Lyrik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2010)

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