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Kärnten: Ein Beichtstuhl aus Himmelsluft

02.07.2010 | 18:27 |  JOSEF WINKLER (Die Presse)

„Allianz von Kapitalverbrechern, Wirtschaftsteufeln und korrumpierbaren Politikern“: Der Büchner-Preisträger kritisiert die Politik seines Landes scharf.

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Die ganz große Gemeinheit entsteht heute nicht dadurch, dass man sie tut, sondern dadurch, dass man sie gewähren lässt. Sie wächst ins Leere – überallhin.“ Im Sinne dieses Satzes von Robert Musil, der in Klagenfurt geboren wurde und wohl einer der bedeutendsten Schriftsteller ist, seit es die deutsche Literatursprache überhaupt gibt, seit also 1000 Jahren, in diesem Sinne ist die christlich-soziale Kärntner ÖVP als Steigbügelhalter im Land Kärnten durch jeden politischen Darm hindurchgekrochen. Und kaum haben die mit Orden (Keks) dekorierten Parteisoldaten diese Schutzhülle verlassen, haben sie wieder sinnliche Ausschau gehalten nach den lebensnotwendigen Bakterien und sind als Bandwurmfortsatz in den nächsten sehr geehrten und wohligen Mastdarm, der natürlich ein vergoldeter sein muss, hineingeschlüpft. Zum Schluss hatten sie schon so eine dicke, abgehärtete Kot- und Fettschicht als moralisch appetitlichen Panzer auf ihrer Haut, dass auch ihrer Skrupel- und Schamlosigkeit nichts mehr anhaben konnte, alles an ihnen abgeperlt ist.

Der Kärntner ÖVP-Vorsitzende Josef Martinz ist kürzlich beim Landesparteitag mit einem Votum von 90 Prozent wiedergewählt worden, es hat also keinen Stunk gegeben, er hat sich dreimal entschuldigt, weil er gemeinsam mit dem verstorbenen Landeshauptmann dafür gesorgt hat, dass ein Villacher Steuerberater, ein gutherziger Bekannter seiner Familie, für ein Sechs-Seiten-Papier, nämlich die Erstellung eines Gutachtens zur Kärntner Hypo, sechs Millionen Euro (88 Millionen Schilling) aus Landesvermögen eingesackelt hat.

 

Gemeinplätze und Plattitüden

In diesem Papier stehen erbärmliche Gemeinplätze und Plattitüden, wie zum Beispiel: „Über die Philosophie von Wertberichtigungen kann man trefflich streiten“, oder „Die Spanne des Wertes ist breit“, so wörtlich dieser Steuerberater, der auch die Familie Martinz seit Jahrzehnten in Steuerangelegenheiten berät. Warum wird dieses Sechs-Seiten-Papier nicht zur Gänze der Öffentlichkeit präsentiert, damit man Zeile für Zeile nachlesen kann, wie viel pures Gold jeder einzelne Satz wiegt und wert ist oder ob man sich vielleicht dieses Papier überhaupt hätte ersparen können, für das, so war es auch einmal angedacht, die Herrn Jörg Haider, unser lieber Verstorbener, und Wolfgang Kulterer, unser lieber Getreide-Ceausescu, sich 100.000 Euro als Abgeltung vorgestellt haben. Dieses geheimnisvolle und sagenumwobene Sechs-Seiten-Papier, über das inzwischen schon seit Jahren im In- und Ausland spekuliert wird, ist selbstverständlich eine Facharbeit und sonst gar nichts, und vielleicht ist sie sogar auf Teufel komm raus wirklich „sagenhaft“, wer weiß. Doch, wir wollen es endlich wissen! Also her damit! Die arbeitende und steuerzahlende Bevölkerung hat ein Recht darauf zu erfahren, warum ein Steuerfachmann für sechs maschinengeschriebene Seiten mit dem herzensguten Willen von zwei Spitzenpolitikern, aus Landesvermögen sechs Millionen Euro kassiert.

Wenn es dem christlich-sozialen Marienwallfahrer Josef Martinz, der sich bei der „Lourdes-Mitzi“, so seine wörtliche und beschämend gottlose Ausdrucksweise, bedankt hat, dass sie ihm bei einem schweren Verkehrsunfall in Kärnten das Leben gerettet hat, gelingen sollte, diesen Steuerberater mit allem im Rechtsstaat zur Verfügung stehenden Mitteln zu ermuntern, diese also nun 5,9 Millionen Euro in die Kassa des Landes Kärnten zurückzuzahlen, dann könnte sich Herr Martinz für diese großzügige, über alle menschlichen Arbeits-Ermessen hinausgehende Wohltat an einen guten Bekannten, zusätzlich noch entschuldigen, nämlich dafür, dass er damals gemeinsam mit dem Verstorbenen imstande war, auf diese Art und Weise die Kassa des Landes Kärnten zu erleichtern und diesen Geldbetrag in die Brieftasche eines guten Bekannten zu stopfen. Die politische Mitverantwortung für diese sechs Millionen Euro trägt für den christlich-sozialen Vorsitzenden der Kärntner ÖVP schlicht und einfach den Vulgonamen: „Entschuldigung!“ und damit ist die Sache abgetan und erledigt und das Land Kärnten ordentlich erleichtert, nämlich mit einem namhaften Geldbetrag, mit dem man ein Jahrzehnt lang die Aus- und Fortbildung unserer Kinder und Jugendlichen fördern könnte.

Es ist bekannt, dass in Kärnten jeder zweite nicht mehr in die Schule gehende Jugendliche arbeitslos ist, Klagenfurt hat als einzige Stadt Mitteleuropas keine eigene Stadtbibliothek, überall fehlt Geld, in allen Schulen und an der Universität, die jetzt immerhin schon über 10.000 Studierende hat, selbstverständlich auch. Der ungarische Dichter Peter Esterhazy hat einmal gesagt: „Weißt du, mein lieber Freund, Sätze sagen, das kann ich auch!“

 

Sechs Millionen für Sechs-Seiten-Papier

Inzwischen weiß man, dass der Herr Martinz, nachdem er gemeinsam mit dem ehemaligen Landeshauptmann einem Steuerberater für ein Sechs-Seiten-Papier sechs Millionen Euro zugeschanzt hat, dafür wenigstens das Wort „Entschuldigung“ sagen kann, das ist zwar kein ganzer Satz, aber immerhin hat er es in dreifacher Ausfertigung über die Lippen gebracht, nur ist die Kassa des Landes Kärnten dadurch nicht „entschuldet“, die Schulden haben sich vermehrt. Also in typischer katholischer und heuchlerischer Manier: „Entschuldigung! Entschuldigung! Entschuldigung!“ Und für dieses uns alle tief bewegende Lippenbekenntnis hat er über 20 Monate gebraucht. Da kann man dem Vizekanzler und Bundesfinanzminister der Republik Österreich nur gratulieren für so einen genialischen Filialleiter, den er in Kärnten in seiner christlichen und sozialen Partei hat. Ich kann mir nicht helfen, aber den Marienwallfahrer Josef Martinz sehe ich in meiner artigen Fantasie in Klagenfurt an der Straßenecke in zumindest dreifacher Entschuldungs-Ausfertigung als ÖVP-Pappkamerad mit einem Sechs-Seiten-Papier stehen, auf dem in großen Lettern zu lesen ist: „Erwachet!“

 

„Zwei arbeitsintensive Monate“

Ein Wort des Bedauerns bringt der begünstigte Villacher Steuerberater sicher nicht über die Lippen, das kann man allein schon am Klang seiner Worte ablesen, denn er hat die Höhe dieses Honorars damals mit den hochnäsigen und die Steuer zahlende Bevölkerung verhöhnenden Worten begründet: „Es waren zwei arbeitsintensive Monate!“

Ist wahrscheinlich eh besser, dass der die Papp'n hält, das Geld hat er ja, was braucht er denn mehr, und den Enkelkindern wird's auch nicht schaden, er selber kann's eh nicht verbrauchen! Zuerst hätten es, wie man weiß, das steht jeden Tag in den Zeitungen, und man muss es gebetsmühlenartig wiederholen, zuerst hätten es also zwölf Millionen Euro sein sollen, dann hat man sich das schlechte röm.-kath. Gewissen, das „Patriotenrabatt“ genannt wurde, großzügigerweise über Nacht, nachdem der Herr wohl zehnmal durch einen Beichtstuhl aus Luft gegangen ist, sechs Millionen Euro kosten lassen. Der großzügige Kärntner-Anzug-Träger hat also nur mehr sechs Millionen Euro aus Landesvermögen in seine Brieftasche eingesackelt für dieses Sechs-Seiten-Papier, er hat also anstandshalber sechs Millionen Euro im Beichtstuhl verloren, wir sind gerührt, zu Tränen.

 

Dämonische Allianz

Unsere Kinder, die vielleicht in zehn oder fünfzehn Jahren eine Arbeit bekommen, werden die Steuern nicht mehr für ihre eigene zukünftige Vorsorge einzahlen, sondern sie werden mit ihrer Arbeit – falls sie überhaupt eine bekommen – abzahlen müssen, was in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten von ein paar Kapitalverbrechern, Wirtschaftsdämonen und von korrupten Politikern angerichtet worden ist. Oder gilt vielleicht für die dämonische und das Land und also auch die Zukunft unserer Kinder ruinierenden Allianz von Kapitalschwerverbrechern, Wirtschaftsteufeln und korrumpierbaren, einen goldenen Mastdarm als Himmels-Schlüpfer benutzenden Politikern, die Unschuldsvermutung?

Leben und Werk

Josef Winkler wurde 1953 als dritter Sohn des Enz-Bauern in Kamering im Drautal geboren. 1979 Romandebüt: „Menschenkind“. Sein Werk erscheint bei Suhrkamp; Prosa: u. a. „Das wilde Kärnten“, „Der Leibeigene“, „Natura Morta“. Er erhielt den Büchner- und den Großen Österreichischen Staatspreis. Derzeit lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Klagenfurt. „In Kärnten“, sagte er in einem „Spectrum“-Interview, „habe ich nur einen einzigen Freund, und das ist Julien Green, und der liegt in der Stadtpfarrkirche in Klagenfurt in einer Gruft.“ [EPA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2010)

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2 Kommentare
Gast: photographer
15.07.2010 07:52
0 0

Verrottete Moral

Das Gewähren-Lassen sieht Robert Musil als das eigentliche Problem seiner Zeit.
Das mahnende Gewissen Josef Winkler erinnert fortwährend an eine übergroße Sauerei.
In Frankreich stolpert ein Präsident wahrscheinlich über 150 000 Euro einer unerlaubten Wahlkampfunterstützung und in Kärnten werden von zwei Personen 12 000 000, nach "Patrioten-Rabatt" nur mehr 5 900 000.- Euro (88 Millionen Schilling) freihändig vergeben. Parteien werden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion millionenschwer aus dem Landessäckel bedient.
Das schreit nach einem möglichst vielstimmigen Protest, nach einem Schluss-mit- Lustig, hier darf nicht zur Tagesordnung übergegangen werden!
Wo bleiben die Konsequenzen daraus für Josef Martinz, von seinen Parteifreunden Jausen-Sepp genannt, wo ist das Machtwort von Josef Pröll?

Gast: bubbasharx
03.07.2010 14:54
0 0

Danke!

Danke an Josef Winkler für die klaren und direkten Worte. Ich verfolge aus Graz als "Exil-Kärtner" wütend und traurig mit, wie das schönste Bundesland Österreichs abgewirtschaftet wird.

Kärnten stand vor der Notverstaatlichung der Hypo kurz vor dem Konkurs, wäre es jetzt nicht selbstverständlich die Politiker die den Deal einfädelten zumindest auszutauschen (wenn man sie schon nicht in Verantwortung für ihre Handlungen nehmen kann)? Und dann wird ein Hr. Martinz, nachdem er 6 Mio €, Geld der Kärntner Steuerzahler, an einen Spezl für 6 Seiten Analyse gezahlt hat mit 90% wiedergewählt? Weil er hat sich ja eh entschuldigt! Wie tickt die ÖVP Kärnten, ja die Bundes ÖVP die über den Generalsekretär Glückwünsche ausrichten ließ anstand alle Hebel in Bewegung zu setzen um im Sinne von Schadensbegrenzung diesen Martinz abzusägen?

Und haben meine Kärntner Mitbürger- und -innen es denn in der Zeit der Haider-Herrschaft ganz verlernt selbst zu denken und auch aktiv zu werden? Ich fürchte, ja. Zu Haiders Zeiten war kritisches Denken und Hinterfragen nicht erwünscht, Zuwiderhandelnde wurden mit allen Mitteln bekämpft und behindert, nur Steigbügelhalter und Helfer hatten eine Daseinsberechtigung. Man könnte ja Gabi Schaunig Kandut fragen warum sie so plötzlich aus der Politik ausgeschieden ist... nachdem sie versucht hatte Haider Paroli zu bieten.

Haider hat ein politisches "Wasteland" hinterlassen. Und ich fürchte, bis zu einer "normalen" politischen Kultur ist es noch ein Stück Weg.