In ihrem zweiten Jahr seit der Gründung sind die „Europäischen Literaturtage“ von der Südoststeiermark in die Wachau übersiedelt. Im behutsam renovierten Schloss Spitz hat diese Literaturveranstaltung in diesem Jahr eine würdige Herberge gefunden. Die eigentliche Heimat des Unternehmens ist die von Walter Grond betreute Internet- Plattform für Literatur „readme.cc“. Doch einmal im Jahr will man sich auch ganz analog begegnen.
Eröffnet wurde der Literatur-Event am vergangenen Donnerstagabend mit einer Rede des slowenischen Lyrikers Aleš Šteger. „Was bedeuten nationale Grenzen für das literarische Schreiben?“, fragte der Dichter und schlug am Ende seines Vortrags vor, dass jeder Mittelschüler Europas fünf Gedichte lebender Autoren aus Mitgliedstaaten der EU auswendig lernen sollte. Dass die Literaturen und damit auch die Völker Europas zusammenfinden, ist ein Ziel des Treffens.
Im Grunde will man jedoch eine Art „Weltempfänger“ werden. So nannte der in Wien angesiedelte Dichter Ilija Trojanow sein Projekt einer Gegenliste zur SWR-Bestenliste. Er hat ein Jahr lang die bekannte Bestsellerliste beobachtet und festgestellt, dass sich in dieser Zeit nur ein einziger Titel eines afrikanischen Landes darauf fand. Deshalb hat er eben unter dem Titel Weltempfänger eine Liste im Internet gegründet, die sieben Bücher aus der ganzen Welt empfehlen.
In der Diskussion mit dem Verleger des Unionsverlags, Lucien Leitess, beklagte Trojanow, dass zwei Drittel der Weltliteratur von unserem Buchmarkt ignoriert werden. In Europa herrscht noch immer die Ansicht, dass indische oder afrikanische Literatur nicht dem europäischen Standard entsprechen.
Aber wird es in Zukunft überhaupt noch gedruckte Bücher geben? Diese Frage wurde vom Schriftsteller Matthias Politycki, vom Wissenschaftspublizisten Jürgen Neffe und Gernot Hausar vom Jelinek-Archiv am Freitagnachmittag diskutiert. Davor hatte Politycki über „Die Authentizität des Digitalen“ (siehe auch „Spectrum“ vom 18. September) referiert. Neffe plädierte dafür, sich die Produktionsbedingungen nicht von Technikern diktieren zu lassen und kritisierte heftig die Zeitungsverleger, die eine „Kultur des Verschenkens“ im Internet eingeführt haben und sich jetzt darüber beschweren, dass niemand für Inhalte im Netz zahlen will. Politycki meinte, dass Autoren kein Globalisten, sondern Kosmopoliten sein wollen.
Höhepunkt der diesjährigen Veranstaltung war die Fahrt auf der Donau mit der MS Austria nach Dürnstein und zurück. Gereicht wurde ein „Abendmenü mit Gedichten“ von Ferdinand Schmatz und Zsuzsanna Gahse. Bei prächtigen Herbstwetter lauschte das Publikum zuerst den Donaugedichten des österreichischen Lyrikers sowie der rhythmisierten Prosa der ungarischen Autorin unter dem Titel „Donauwürfel“. Der über den Hügeln der Wachau aufgehende Mond sorgte für eine stimmungsvolle Atmosphäre beim Buffet auf der Rückfahrt.
Zurück im Schloss Spitz stellten der französische Autor Mathias Enard seinen in Kürze auf Deutsch erscheinenden Roman „Zone“ vor sowie der argentinische Autor Ariel Magnus den kürzlich erschienenen Roman „Ein Chinese auf dem Fahrrad“. Wie es sich für eine solche internationale Veranstaltung gehört, lasen die beiden in ihren Muttersprachen, dahinter lief ein Spruchband mit der Übersetzung. Diese Methode hat sich allerdings nicht bewährt. Der übersetzte Text lief viel zu schnell und grell und strengte die Augen viel zu sehr an, um dem Inhalt folgen zu können. Da war man im Vorjahr besser dran, als man die übersetzen Texte ausgedruckt auf den Sesseln vorfand.
Der Samstag stand im Zeichen des Kulturaustausches des Landes Niederösterreich mit dem Kanton Aargau. Im Zentrum dabei die „Eat Art Aktion“ des Schweizer Künstlers Daniel Spoerri“. Am Sonntag übersiedeln die „Europäischen Literaturtage“ ins Literaturhaus nach Krems.
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