Theweleit: „Rock'n'Roll hat uns befreit!“

Klaus Theweleit, provokanter deutscher Kulturwissenschaftler, war für eine Tagung über den Kalten Krieg in Wien. Mit der „Presse“ sprach er über James Dean und Coca-Cola, Brecht und HartzIV.

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(c) � Ho New / Reuters

Die Presse: Sie sagen, dass nicht die Alliierten, sondern der Rock'n'Roll Nazi-Deutschland befreit hätte? Wie ernst ist diese Provokation gemeint?

Theweleit: Die reale Befreiung kam 1955 auf Plattentellern – nicht mit den Panzern 1945. Die Nazis waren schließlich noch da: Sich von den Eltern zu lösen gelang erst mit Elvis und Chuck Berry. Das meine ich nicht einmal metaphorisch, sondern ganz wörtlich: Die neuen Stimmen aus dem Radio übertönten die alten, autoritären. Selbst diejenigen, die man in der Schule für angepasste Idioten hielt, hörten diese Musik mit Begeisterung.

 

Welche Rolle spielte Rockmusik fortan im Kalten Krieg?

Im Ostblock galt Rock'n'Roll als Inkarnation des westlichen Teufels. Man wollte ihn verbieten, doch der hat sich nicht verbieten lassen – genauso wenig wie in Amerika. Fast wäre es dort ja gelungen. Wären da nicht die britischen Gruppen wie die Beatles und die Rolling Stones gekommen. Und dann Bob Dylan. Tja, da hatten die Alten verloren!

 

Wie war die Situation im Ostblock?

Da spielte sich viel im Untergrund ab, weil Rock eigentlich verboten war: Es gab Razzien, Festnahmen und Gefängnisstrafen. Und die Befürchtungen der Politiker bestanden ja zu Recht – weil die Jugend eben mehr an Rock'n'Roll hängt als an russischer Folklore oder Tschaikowsky! Man kann ohne Übertreibung sagen: Rockmusik ist eine der Kräfte, die am meisten dazu beigetragen haben, dass sich die Blöcke des Kalten Kriegs aufgelöst haben.

 

Und andere Medien wie Film oder Fernsehen?

Fernsehen spielte bis in die 1960er-Jahre gar keine Rolle. Kino sehr wohl: James-Dean-Filme, Western. In manchen Filmen der Nouvelle Vague wird Burt Lancaster zitiert. Jean-Paul Belmondo macht einmal dessen Grinsen nach. Diese Filme hatten wir im Körper und im Kopf. Nach Antonioni, Godard und Renoir konnte man eigentlich keine deutschen Filme mehr ansehen. Wer so was schaute, für den war die Welt verloren.

Spielten nicht auch neue Konsumartikel von Coca-Cola bis zur Waschmaschine eine Rolle?

Ja, das war für viele der Einstieg in den Amerikanismus. Waschmaschine und Kühlschrank kamen lange vor dem Fernseher in die Haushalte. Das machte die Leute aber nicht amerikageneigt. Es waren deutsche Geräte wie Miele und AEG. Das ist ein Prozess, der in Amerika schon in den 1920ern gelaufen ist. Hierzulande passierte das mit 30Jahre Verspätung, beim Comic waren es bloß 20Jahre. Erst nach Hitler, als der Kalte Krieg herrschte, hatten Mickey und Donald freies Feld.

 

Hat man im Westen etwas von der sowjetischen Propaganda gemerkt?

Was hinter dem eisernen Vorhang passierte, war faktisch nicht vorhanden – für das Gros der Leute. Freilich, man wusste was vom Stalinismus und den Säuberungen. Kulturell hat man wenig mitbekommen, außer es kam mal eine tschechische Theatergruppe in den Westen. Dann gab es freilich eine gewisse Geneigtheit zu Brecht, der aber nicht zum sozialistischen Realismus gezählt wurde. Brecht war zwar in Berlin beim Ensemble, aber die Stücke waren westlich. Man kann sagen, dass das Westtheater sich überhaupt erst mit Brecht gerettet hat. Aber eigentlich war das Theater relativ untergegangen bei der Jugend – eben angesichts von Rock'n'Roll und Kino.

 

Viele Theoretiker Ihrer Generation sind regelrecht besessen von Krieg, Militär und Kriegsgerät. Auch in Ihrem Vortrag machen Sie die Pointe, dass der Kalte Krieg nie vorübergegangen sei.

Es geht mir um den Widerspruch hinter dem Kalten Krieg. Die Propaganda meinte immer, es gehe um Demokratie versus Diktatur. Nein, hinter den Demokratien stand ja der Faschismus. Nachdem Hitler weg war, unterstützten die USA in Südamerika allerlei Diktatoren und Putsche. Wenn ich sage, der Kalte Krieg ist nie aus, dann beziehe ich mich aber auf die heutige Situation: Die Machtblöcke sind ja nicht verschwunden. Es geht freilich heute nicht um Ideologie, sondern um Ökonomie.

Klaus Theweleit
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Klaus Theweleit
Klaus Theweleit – (c) Verlag Stroemfeld/Roter Stern

Wo und wie werden die Konflikte heute ausgetragen?

Auf zwei Ebenen: einerseits durch Stellvertreterkriege, etwa in Afghanistan. Die Großmächte liefern Waffen, darum geht es mehr um die Unterstützung einer bestimmten Ideologie. Und sie wollen sich Einflusssphären sichern.

Geht es seit dem 11.September nicht auch um eine Frontstellung zwischen Christentum und Islam?

Überhaupt nicht! Die sich da momentan massakrieren, die glauben das vielleicht. Aber angestiftet sind diese Kriege – und das sind ja heiße Kriege – von ganz anderen Leuten! Der Kalte Krieg spielt sich ganz woanders ab: Heutige Diktaturen leben davon, dass es den Konflikt zwischen Palästina und Israel gibt. Man hilft Palästina nicht, damit es zu einer Lösung kommt, sondern, damit der Konflikt weiterbesteht. Die eigene Bevölkerung will man bei der Stange halten. Außerdem gehen Kriege immer gegen die eigene Bevölkerung.

 

Wie ist das zu verstehen?

Nehmen Sie das Beispiel Internet und die Diskussion über Kontrolle. Das betrifft nicht nur Diktaturen. Der Hintergrund ist, dass die Mächtigen und Regierenden die Angst haben, die Kontrolle zu verlieren über die Bevölkerung, die sich in Netzen äußert. Wenn hier geheime Dokumente auftauchen, dann ist die Kontrolle weg! Unglaublich ist auch, was da mit HartzIV läuft! Ein riesiger Teil der Bevölkerung hat keine Arbeit. Die werden als Gegner gesehen: Die kriegen ihr Arbeitslosengeld nicht, damit sie zu essen haben, sondern damit sie innerhalb ihrer Grenze bleiben – und nicht gegen die Regierung demonstrieren.

Sie sehen also eine Art Kalten Krieg der Staaten gegen ihre Bevölkerung?

Die Zuspitzung davon ist die Bankenrettung. Das ist die reine Erpressung, wenn man den Leuten sagt: Sonst sind eure ersparten Gelder weg. Die Banken kriegen Hunderte von Milliarden. Geld, von dem vorher gesagt wurde, es sei weder für Kindergärten noch für Bildung da. Wir holen ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland, weil wir im Inneren zu wenig produzieren. Dahinter steht nichts anderes als die Angst der Herrschenden vor der Klugheit der eigenen Bevölkerung. Der aktuelle Kalte Krieg sieht so aus: Wir sollen doof bleiben und denen weiterhin ihre Scheiße abkaufen.

Zur Person

Klaus Theweleit, geboren 1942, gilt als einer der wichtigsten deutschen Kulturtheoretiker. Mit „Männerfantasien“ (1977/1978) sorgte er für Furore: Darin verknüpfte er soldatische Erfahrungen und faschistische Männerbilder. In Werken wie „Buch der Könige 1“ (1988) analysierte Theweleit u.a. die Medienerfahrungen der Nachkriegszeit. 2008 erschien ein Buch über „Fußball als Realitätsmodell“, 2008 eines über Jimi Hendrix.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2010)

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