Pfaller: "Lassen wir uns das gute Leben nicht schon vor dem Tod nehmen!"

In "Wofür es sich zu leben lohnt" hält der Wiener Philosoph Robert Pfaller ein feuriges Plädoyer für die Kunst des Genießens. Im Interview mit der "Presse" spricht Pfaller über Sex, Politik, Rauchen und Kultur.

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(c) ORF (Ali Schafler)

Die Presse: Sie vertreten die These, dass wir uns maßlos mäßigen. Haben wir verlernt zu genießen?

Robert Pfaller: Genussfähigkeit ist eine gesellschaftliche Ressource so wie Bildung auch. Und die ist uns verloren gegangen. Die Leute sind besessen von Gesundheit und Sicherheit. Aber wie gesund wollen wir noch sein? Es gibt nichts in dieser asketischen Kulturströmung, das die Mäßigungsbestrebungen mäßigt. Heute gibt es Bier ohne Alkohol, Schlagobers ohne Fett, Sex ohne Körperkontakt.

 

Dabei heißt es doch, dass wir in einer hedonistischen Spaßkultur leben.

Bezeichnend ist für eine asketische Kulturepoche, dass sie das andere, das, was sie verliert, sehr grell ausmalt. Und man sich auch nach diesem anderen zurücksehnt.

 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Je weniger Sex es im Film gibt, desto mehr dafür in der Talkshow – jedoch als Privatmarotte. Das Zerrbild des Genusses ist der Süchtige, das Zerrbild der Sexualität ist der Popstar im prostituiertenartigen Outfit, oder der Talkshow-Gast, der von S&M-Praktiken mit der Mutter berichtet. Solch grelle Bilder sind gezielt so gestaltet, dass das Publikum nur gierig hinschaut, aber für sich selbst nichts damit anfangen kann – und sich dann erleichtert wieder davon abwendet. Auch sonst werden wir zwar dauernd mit Genussmitteln bombardiert, haben aber nicht die Fertigkeiten, sie lustvoll zu verarbeiten.

 

Was macht Genuss aus?

Genuss muss nicht sonderlich exzessiv sein, aber ist immer um etwas Zwiespältiges aufgebaut: Im Bier ist Alkohol und wenn man zu viel erwischt, ist man nicht arbeitsfähig. In der Zigarette sind Schadstoffe. Im Sex gibt es Elemente, die unappetitlich oder unanständig sind. Die man also nicht ständig haben will. Die schwierige kulturelle Leistung besteht nun darin, Situationen herzustellen, in der diese Dinge lustvoll werden.

 

Ein Beispiel ist, dass man bei einer Promotionsfeier kein Spaßverderber ist und ein Glas Sekt trinkt – nicht bloß Orangensaft.

Genau. So wie ja das Bier am Abend mit Freunden gut schmeckt. Dasselbe Bierglas am nächsten Morgen zu sehen, löst dann vielleicht Ekelgefühle aus. Feiern heißt ja, einen profanen Alltag zu unterbrechen. Feierimperative haben eine gewaltige Kraft. Nehmen Sie Skirennen her: In Österreich, in einem Land, in dem es kaum zu Arbeitsniederlegungen oder Streiks kommt, würde jeder Chef Kopf und Kragen riskieren, wenn er der Belegschaft verbieten wollte, ein WM-Rennen anzuschauen.

 

Sie behaupten, dass wir uns aktiv für die Abschaffung von Genussressourcen einsetzen. Wieso?

Angesichts des Zwiespältigen der Genüsse sind wir ratlos geworden. Als hätten wir als Erste erkannt, dass Rauchen schädlich ist. Davor haben uns schon die Großeltern gewarnt! Und das führt in einer Kultur, die sich maßlos mäßigt, dazu, dass sie Surrogate produziert wie Kaffee ohne Koffein.

 

Machen uns denn diese Ersatzformen glücklicher?

Nein. Dass wir uns großartig fühlen, wenn wir am Samstag Bier trinken und beim Feiern die Entbehrung der Woche in einem anderen Licht sehen: Das können die Produkte, denen der Zahn gezogen ist, nicht leisten.

 

In den gegenwärtigen Rauchergesetzen orten Sie biopolitisches Kalkül.

Die Devise heute ist: Macht, was ihr wollt, es ist uns gleich! Aber wenn ihr bestimmte Grenzen überschreitet, klopfen wir euch auf die Finger. Vor 20 Jahren war das Signal des Staates noch: Wir helfen euch, alles zu erwerben, damit ihr euch entwickeln könnt. Eine Politik, die die Aufgabe der Förderung vernachlässigt, ersetzt dies durch Repressionsmaßnahmen. Wenn wir schon nichts für euch tun können, dann verbieten wir zumindest, was euch schadet. Das ist Pseudopolitik!

Es geht dem Staat gar nicht um die Gesundheit der Menschen?

Der scheinbare Schutz der Individuen dient dazu, die Menschen verantwortlich zu machen. Jetzt haben wir euch das Rauchen verboten: Wenn ihr lungenkrank werdet, dann müsst ihr das selbst bezahlen. Das betrifft aber auch andere Bereiche. Bei Bewerbungsgesprächen wird von Individuen ein bestimmtes Freizeitverhalten abgefragt. Wer riskante Veranlagungen machen muss, sollte auch Risikosportarten betreiben. Nichts wird mehr dem Zufall überlassen. Bald darf man auch nicht mehr dick sein. Das steuert auf eine Gesellschaft zu, in der es wirklich sehr ungemütlich wird.

 

Man könnte vielleicht sagen: Wirtschaftlich wird derzeit dereguliert, gesellschaftlich wird reguliert...

Genau. Man darf nicht vergessen, dass etwa der Rinderwahn den Deregulierungen zu verdanken war – Futterkontrollen bei der Viehzucht wurden gelockert. Das wäre ja die Aufgabe des Staates: Die Individuen dort zu schützen, wo sie sich nicht selbst schützen können. Ich verfüge wirklich nicht über die Expertise, den Weg meines Steaks zurückzuverfolgen. An dieser Stelle lässt der Staat aus und macht Pseudopolitik an anderer Stelle. Er klebt mir auf die Zigarettenpackungen schwarze Ränder wie auf Kondolenzanzeigen.

 

Rauchen Sie selbst eigentlich?

Nur ganz selten, aber dann genüsslich. Doch mir geht es darum, die gesellschaftliche Bedeutung solcher Rituale zu sehen und mich dafür einzusetzen. In Gesellschaft hat man ja nicht nur aus Anhänglichkeit an eine toxische Substanz geraucht. Sondern auch, weil das dazugehört hat, um sich selbst entspannter den anderen präsentieren zu können. Das hat eine soziale Dimension.

 

Rauchen hatte lange auch eine erotische Qualität.

Ja, wenn man sieht, wie Lauren Bacall Humphrey Bogart um Feuer fragt, so gehört das auch zu einem ganz bestimmten emanzipierten Anbahnungsverhalten zwischen den Geschlechtern. Das ist genauso in Verruf geraten. Das ist ein echter Verfall. Ich glaube eben nicht, dass alle Kulturepochen gleichermaßen gut oder leistungsfähig sind.

 

Sie sagen, es gehe in unserer Kultur nicht darum, gut zu leben, sondern darum, besonders lange zu leben.

Schon bei Epikur heißt es: Der Weise wird sich lieber das süßeste Brot nehmen als das größte. So müsste man doch auch mit dem Leben umgehen. Heutige Sicherheitsapostel und Gesundheitsfanatiker dagegen haben die kritische Distanz zu sich selbst verloren. Dabei ist es doch wichtig, das Lebendige am Leben in Erinnerung zu rufen. Sich das gute Leben nicht schon vor dem Tod nehmen zu lassen! Vernünftig sein heißt ja gerade, die Vernunft nicht auch noch dort regieren zu lassen, wo sie nichts verloren hat – und sich manchmal Auszeiten von der Vernunft zu nehmen.

 

Betreiben Sie selbst eine hedonistische Wohlfühlphilosophie?

Wenn das eine Wohlfühlphilosophie ist, dann hat sie nichts Beschwichtigendes an sich. Ich rate ja zur Unzufriedenheit. Uns wurde doch etwas weggenommen. Das ist sicher die schlechte Nachricht. Die gute lautet: Eine materialistische Philosophie, die sich den Würgegriffen der zwanghaften Ideen zu entwinden versucht, ist lustvoll und verrät sich am Kennzeichen des Lachens.

Autor und Buch

Robert Pfaller, geb. 1962 in Wien, ist seit 2009 Ordinarius für Philosophie an der Wiener Uni für angewandte Kunst. Seine Werke (z.B. „Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft“, 2008) führen oft Ideen von Slavoj Žižek weiter.

„Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie“ ist im S. Fischer Verlag erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2011)

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