Fehlerhaftes Buch: Mit Kafka die Medien getäuscht

Hinter der fehlerhaften Edition von „Das Schloss“ steht die Aktionsgruppe „The BirdBase“. Sie will auf die schlechte Bildung in Österreich aufmerksam machen.

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(c) Andreas Gustafsson/The BirdBase

Eine vor Fehlern strotzende Ausgabe von Franz Kafkas Roman „Das Schloss“, die an Schulen in Österreich und Deutschland verteilt und angeblich EU-finanziert wurde: Das sorgt seit gut drei Wochen für Empörung und Irritation. Doch es war ein Hoax, ein „Grubenhund“, wie ihn Karl Kraus einst praktizierte. Ein practical joke, eine scherzhafte Aktion mit ernstem Anliegen. Und alle, die sich mit dem Thema befasst haben, sind darauf hereingefallen.

Dahinter steht die Aktionsgruppe „The BirdBase“, die mit der ungewöhnlichen Aktion Kritik am schlechten Bildungssystem in Österreich üben wollte. „Wir wollen, dass über das Bildungs- und Schulsystem in Österreich gesprochen wird, wir wollen, dass ein Land wieder redet, denkt und nicht vor sich hin schweigt. Denn wenn sich nichts ändert, werden vielleicht in 20 Jahren solche Bücher der Normalfall sein“, schrieb die Gruppe gestern, Mittwoch, in einem E-Mail an die „Presse“.

Wer oder was „The BirdBase“ genau ist, will die Gruppe nicht sagen. Denn: „Wir planen schon die nächste Aktion“, sagt Sprecherin Elisabeth S., 26 Jahre alt und studierte Publizistin. Ihren Angaben nach umfasst „The BirdBase“ jedenfalls 100 Teilnehmer, die in Österreich leben, zwischen 20 und 55 Jahre alt, politisch unabhängig und gut gebildet sind. Alles vorwiegend Akademiker, die „ziemlich unzufrieden mit dem Bildungssystem sind, weil die Politiker einfach nichts machen“, sagt S. Auch viele Lehrer sind angeblich dabei. Und „von irgend woher muss die Unzufriedenheit ja kommen“.

Das EU-weite Leseprojekt, für das das (mit einem EU-Logo versehene) Kafka-Buch angeblich zwei Millionen Mal gedruckt wurde, ist jedenfalls frei erfunden, ebenso wie die EU-Förderung (mit angeblich 345.000 Euro) und der ominöse Verlag „Gehlen & Schulz“. „Es gibt diese Auflage so nicht, es gibt auch keinen Verlag, keine weiteren Bücher und schon gar keine Fördermittel“, bestätigt S. Tatsächlich wurden nur 1000 Stück gedruckt und an neun Schulen in Österreich und Deutschland verschickt. „Wir haben die Aktion auf Deutschland ausgeweitet, um den medialen Druck zu erhöhen“, erklärt S.

Gedruckt in Polen um 2000 Euro

Seit Mittwoch gibt auch ein YouTube-Video auf der Facebook-Seite der Gruppe Auskunft über die Entstehung des Buches: Es wurde gescannt und dann mit exakt 1850 Fehlern (schwere Rechtschreibfehler plus völlig unverständliche Passagen) gedruckt. Übrigens in Polen und nicht, wie im Impressum angegeben, in Litauen. Gekostet hat der Spaß rund 2000 Euro. Alles selbst finanziert und in rund 500 Arbeitsstunden umgesetzt. „Wir arbeiten seit Jänner daran“, sagt S.

Funktioniert hat der Schwindel jedenfalls einwandfrei: Die „Kronen Zeitung“ hat den Hoax aufgegriffen („Neues Schulbuch voller Fehler!“), die deutsche „FAZ“ hat das Thema weitergespielt, bis die Geschichte schließlich am Dienstag ihren Weg wieder zurück nach Österreich in die „Wiener Zeitung“ und die „Presse“ fand. Auch weil die Gruppe mit dem fiktiven Verlagsherausgeber „Adrian Schulz“ in einer „offizielle Stellungnahme“ noch einmal dick auftrug: „Die ganze Aufregung um ein paar Tippfehler verstehe ich nicht. Totalitäres Geschwätz“, stand darin. „In Nordkorea ist bestimmt jeder Buchstabe dort, wo er sein soll. Das wäre doch das, was ihr wollt. Staatskonformer Mist, richtig buchstabiert.“ Das ließ manche grübeln: Steht da ein Verrückter dahinter?

Abgekupferte ISBN-Nummer

Ein unabsichtlicher Fehler ist der Gruppe trotzdem unterlaufen: Die ISBN-Nummer im Buch ist nämlich von Thomas Glavinics Buch „Lisa“ abgekupfert („Die Presse“ berichtete) und damit aus rechtlicher Sicht gestohlen. „Das haben wir nicht gewusst“, sagt S. Ob der Hanser Verlag trotzdem rechtliche Schritte einleiten will, bleibt abzuwarten.

Konkrete Forderungen hat die Gruppierung nicht: „Wir wollen die Leute zum Reden bewegen und hoffen, dass so vielleicht auch die Politiker aufmerksam werden“, erklärt S. „Denn nur so kann etwas passieren.“ Ob sich „BirdBase“ in ihrer nächsten Aktion wieder auf das Bildungssystem konzentriert, lässt S. offen: „Aber nach Weihnachten werden Sie wieder von uns hören.“ Dass die Aktion wieder ein paar Gemüter verärgern, zumindest aber beschäftigen wird, ist anzunehmen. Denn wie heißt es im E-Mail? „Wir brauchen keine Zustimmung, wir brauchen Diskussion.“

Das Video

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2011)

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