Mehr Kafka als Krimi

Der Franzose Philippe Claudel hat eine düstere und mitunter ermüdende Parabel über die moderne Arbeitswelt geschrieben.

Schließen
(c) EPA (Lydie)

Ein Ermittler kommt in eine Stadt, um eine Serie von Selbstmorden in einem großen Unternehmen zu untersuchen. Doch von Beginn an scheint sich alles gegen ihn verschworen zu haben. Erst dauert es Stunden, bis er die Firma findet. Dann wird er vom Pförtner abgewiesen, weil ihm eine Genehmigung fehlt. Wer nun den spannenden Auftakt zu einem spannenden Krimi erwartet, wird enttäuscht.

Mit „Die Untersuchung“beschreitet der französische Autor Philippe Claudel andere, ausgetretene Pfade. Jene von Kafka, Orwell und Huxley. Kämen nicht Handy und Computer vor, könnte man glauben, noch einmal die ausweglosen Leiden von Kafkas Figuren zu durchleben. Die handelnden Personen haben keine Namen, sie werden nach Berufsbezeichnungen kategorisiert: Sie sind der Ermittler, der Abteilungsleiter, der Polizist und der Psychologe.

Claudels Parabel über die moderne Arbeitswelt ist pessimistisch. „Träume kann man sich später noch kaufen, auf Kredit“, heißt es einmal. Und: „Der Mensch ist heute eine vernachlässigbare Größe, eine untergeordnete Spezies mit einer besonderen Begabung für Katastrophen. Er ist künftig nur noch ein Risiko, mit dem man leben muss.“ Da bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Wer niveauvolle Krimis sucht, die der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, dem seien Claudels Romane „Die grauen Seelen“ und „Grodecks Bericht“ empfohlen. Wer düstere Parabeln bevorzugt, ist besser dran, wenn er eine verstaubte Ausgabe von Kafkas Meisterwerken aus dem Regal holt. phu


Philippe Claudel: Die Untersuchung.Kindler, 221 Seiten, € 19,50.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)

Kommentar zu Artikel:

Mehr Kafka als Krimi

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen