Die polnische Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska ist tot. Die 1996 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Dichterin starb am Mittwochabend im Alter von 88 Jahren nach langer Krankheit in Krakau, meldeten polnische Medien unter Berufung auf Szymborskas Assistenten. "Sie starb friedlich im Schlaf", sagte der Mitarbeiter der polnischen Nachrichtenagentur PAP.
Bis zuletzt habe sie, wann immer es ihr Gesundheitszustand erlaubte, an neuen Gedichten gearbeitet, sagte der langjährige Sekretär Michal Rusinek im polnischen Nachrichtensender TVN 24. "Sie starb auf die bestmögliche Weise - in ihrem Zu Hause, im eigenen Bett."
Scheue Lyrikerin
Die im Juli 1923 in der Nähe von Posen geborene Schriftstellerin lebte seit vielen Jahren in Krakau. Szymborska galt als öffentlichkeitsscheu. Der mit dem Nobelpreis verbundene Ruhm und die internationale Aufmerksamkeit waren der zurückgezogen lebenden Autorin eher unangenehm. Anfang der 90er Jahre wurde die auch ins Deutsche übersetzte Szymborska mit dem Goethe-Preis und dem Herder-Preis ausgezeichnet.
"Ich bin keine kulturelle Institution", sagte Szymborska vor Jahren in einem ihrer seltenen Interviews. Sie könne sich nicht ständig zeigen und "von acht Uhr morgens bis zehn Uhr in der Nacht reden, reden, reden". Sie müsse Zeit zum Schweigen haben, denn Poesie entstehe im Schweigen.
"Nur für einen Augenblick bin ich hier"
Szymborska gehörte nicht zu den Vielschreibern - zwischen den Veröffentlichungen ihrer feinsinnigen und mitunter ironischen Gedichtbände konnten mehrere Jahre vergehen. Kritiker lobten ihre schnörkellose Sprache und die Unabhängigkeit von künstlerischen Strömungen. Die Lyrikerin sagte einmal, sie wisse selbst nicht, warum sie Gedichte schreibe. "Nur für einen Augenblick bin ich hier", schrieb sie in ihrer "Reiseelegie" über die eigene Vergänglichkeit.
Krakau war seit vielen Jahrzehnten die Wahlheimat Szymborskas, die in der alten Königsstadt Literatur und Soziologie studiert hatte. Ihr erster Gedichtband "Deshalb leben wir" im Jahr 1952 entsprach noch ganz dem Literaturverständnis des "sozialistischen Realismus". Doch schon das 1962 erschienene Gedichtbuch "Salz" begründete ihren Ruf als führende polnische Lyrikerin.
"Großes Licht der polnischen Poesie"
Als einer der ersten reagierte der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski. "Ein unersetzlicher Verlust für die polnische Kultur", twitterte er am Mittwochabend. "Ein großes Licht der polnischen Poesie ist erloschen", zitierte die polnische Nachrichtenagentur PAP den Schriftsteller und Literaturkritiker Stefan Chwin. "Wenn eine so ausgezeichnete Lyrik verschwindet, ändert sich auch die ganze Literatur." Szymborska habe in ihrem Werk "das alltägliche Leben mit der tiefen Reflexion der menschlichen Existenz verbunden."
Der polnische Kulturminister Bogdan Zdrojewski hob Szymborskas Bescheidenheit und ihr Drängen auf Privatsphäre hervor. "Sie hatte Tiefe und war authentisch, weigerte sich, eine Prominente zu sein." Es passe zu der auf Zurückhaltung bedachten Dichterin, dass sie ihr Leben in zwei Abschnitte geteilt habe: "vor der Nobel-Tragödie und nach der Nobel-Tragödie". Für den Vorsitzenden des polnischen PEN-Clubs, Adam Pomorski, ist der Tod Szymborskas der Verlust eines "hellen Sterns unserer Wirklichkeit".
(Ag.)
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