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»Die Außenseiter«: Der Gnadenschuss ist Luxus

04.02.2012 | 16:33 |  von Doris Kraus (Die Presse)

»Die Außenseiter« von Jaimy Gordon wurde im Jahr 2010 zur literarischen Sensation in den Vereinigten Staaten. Ein Roman wie ein amerikanischer Albtraum voller geschundener Kreaturen. Aber mit Hoffnungsschimmer.

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Es startete von hinten. Von so weit hinten, dass kaum einer wusste, dass es überhaupt im Rennen war. Und entgegen aller Wahrscheinlichkeit ging es als erstes durchs Ziel: „Die Außenseiter“ („Lord of Misrule“) von Jaimy Gordon wurde 2010 zur literarischen Sensation in Amerika, zum Gewinner des National Book Award. Gordon, die in einem alten Kleid zur Preisverleihung erschienen war und keinerlei Dankesworte vorbereitet hatte, setzte sich damit gegen bekanntere Namen wie Peter Carey und Nicole Krauss durch und reihte sich in eine Reihe mit William Faulkner, Saul Bellow und Jonathan Franzen ein.

Schon allein diese Geschichte ist der Traum jedes PR-Profis. In Gordons Fall gilt das umso mehr, als Inhalt und Erfolgsgeschichte des Romans durchaus Parallelen aufweisen. Denn „Die Außenseiter“ erzählt vom Leben auf einer Pferderennbahn im amerikanischen Niemandsland in den 1970er-Jahren. Wo abgehalfterte Gäule ihre letzten Rennen bestreiten, geschunden von Menschen, die zwar den großen amerikanischen Traum träumen, jeden Morgen jedoch schweißgebadet und verkatert daraus erwachen. Luxus ist in Indian Mound Downs, wenn dieses Aufwachen in einem verdreckten Trailer passiert und nicht im Stroh, weil's zu mehr nicht reicht.

Gangster und Gäule. Die Personen, die die Rennbahn bevölkern, repräsentieren den sozialen Bodensatz Amerikas und verhalten sich auch so, „Trash“ in allen Farbschattierungen. Kleine Ganoven, brutale Gangster und berechnende Stallmeister bemühen sich, die letzten Aufrechten unter Menschen und Pferden in die Knie zu zwingen. Zu diesen Guten gehören Maggie, die Freundin des psychopathischen Tommy Hansel, der mit seinen vier Pferden in Indian Mound Downs einen Coup landen will und dem die Frauen verfallen, egal was er tut; Deucey, die alte lesbische Besitzerin eines Rennpferdes, die immer ihrem Herzen folgen muss; und „Medicine Ed“, das Rennbahn-Faktotum auf der Suche nach den paar Dollar, die ihm vielleicht doch noch einen Lebensabend mit einem fixen Dach über dem Kopf bescheren würden.

„Gut“ und „böse“ richtet sich bei Gordon im Wesentlichen danach, wer sich wenigstens noch einen Rest von (Mit-)Gefühl für die Pferde und Menschen um sich herum bewahrt hat. Das Mitleid wird zur einzigen Stärke der Schwachen, verschiebt die Quote ein wenig zugunsten der Opfer und macht aus diesem halsbrecherischen Ritt durchs Leben doch noch ein offenes Rennen.

Das gilt zum Beispiel für Maggie, auf den ersten Blick nichts als bedauernswert, von ihrem Freund Tommy gegängelt, ausgenutzt und regelmäßig vergewaltigt. Doch die kraushaarige dürre Maggie ist letzten Endes aus gar nicht so brüchigem Holz geschnitzt und trägt ihren eigenen Kopf auf den Schultern. Den sie auch behält.

Jaimy Gordon hat es sich mit „Die Außenseiter“ nicht leicht gemacht. Das Sujet taugte bisher höchstens zum Kriminalroman. Die Sprache, schwer zu übersetzen, taucht tief in den Slang der Rennbahn ein. Dem Leser wird einiges abverlangt, nicht immer ist aufgrund der legeren Satzzeichensetzung klar, wer gerade spricht, mit wem, worüber.

Ein ganz und gar fremdes Land
. Die große Stärke des Romans ist seine Sprache: ungewöhnlich, ausdrucksstark, die Sprachbilder manchmal präzise ausgemalt, manchmal bildgewaltig hingeworfen. Die Initiation erfolgt schon auf der ersten Seite, wo die Pferde auf dem Führgang im Kreis gehen, an einem „jammervollen Jahrmarktskarussell, das Skelett eines billigen Fahrbetriebs, erträumt von einem Träumer, der zu müde zum Träumen ist“. Von Anfang an weiß man, dass man hier ein völlig fremdes Land betreten hat. Der Besuch lohnt sich. Und Gott sei Dank ist man nur auf der Durchreise.

Neu Erschienen
Jaimy Gordon
Die Außenseiter

Aus dem Amerikanischen von Ingo Herzke
Aufbau
328 Seiten
19,99 Euro

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