Was ist nur dran an Istanbul? Einst Byzanz und Konstantinopel, heute die viel zitierte Brücke zwischen Ost und West. Unbarmherzig zu seinen Einwohnern, imposant für seine Gäste. Istanbul ist schwer zu begreifen. Das vermittelt auch Oya Baydar in ihrem viel beachteten Buch „Das Judasbaumtor“ (2004), das nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Gleich vier Protagonisten lässt Baydar zu Wort kommen: der Kunsthistoriker Teo sucht das sagenumwobene, byzantinische „Judasbaumtor“. Die wohlbehütete Studentin Derin versucht herauszufinden, warum ihr Vater ermordet wurde. Die Altlinke Ülkü sucht nach ihrer Vergangenheit. Und der Revolutionär Kerem Ali versucht, Gerechtigkeit zu finden.
Eine Reihe von Zufällen führt das Quartett in Istanbul zusammen, „diese untergehende Stadt, in der das Hässliche das Schöne überdeckt“. Eine Stadt, die ihre Kinder frisst, wie Baydar mehrmals betont. Die persönlichen Geschichten der Protagonisten sind tragisch bis aufwühlend, ihr Umgang miteinander aber vertraulich und liebevoll. „Das Judasbaumtor“ handelt von Freundschaften, von Familie, von Bäumen und Sträuchern, von Geschichte, Gegenwart, von Hungerstreiks – und von einer türkischen Linken, die Mühe hat, zwischen Ideologie und Illusion zu unterscheiden.
Dass Baydar Gründungsmitglied der Türkischen Sozialistischen Arbeiterpartei war, ist nicht zu überlesen – auch wenn sie mit Kritik nicht spart. Fazit: Nicht nur für Istanbul-Fans ein Muss. duö
Oya Baydar: „Das Judasbaumtor“, übersetzt von Monika Demirel, Ullstein, 480 Seiten, 14,99 Euro.
»Das Judasbaumtor«: Istanbul frisst seine Kinder
04.02.2012 | 16:38 | (Die Presse)
In »Das Judasbaumtor« lässt die türkische Schriftstellerin Oya Baydar vier Erzähler zu Wort kommen. Sie alle sind (vergeblich) auf der Suche nach dem Sinn ihres Daseins. Geschichten sind tragisch bis aufwühlend,
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