Es herrscht die Pest. Keine Zeit für Vergnügungen, sollte man meinen: Aber sieben junge Frauen und drei junge Männer in Giovanni Boccaccios „Das Dekameron“ sehen das anders – sie flüchten vor der todbringenden Seuche, die allein in Florenz 100.000 Tote fordert, aufs Land und vertreiben sich dort die Zeit mit – nein, nicht mit Sex, aber zumindest mit Erzählungen davon. Jeden Tag gibt eines der Mitglieder des illustren Kreises ein Thema vor, zu dem sich die anderen möglichst unterhaltsame Geschichten einfallen lassen müssen.
Vor allem an Tag drei werden die tollsten Stücke von Ehebruch und Eifersucht, von verbotenen Stunden und reizvollen Verwechslungen erzählt: Da verkleidet sich die schöne Catella, um ihren Mann bei einem Seitensprung zu ertappen – und landet stattdessen selbst mit einem Verehrer im Bett. Eine wohlbehütete Tochter erfindet unerträgliche Hitzewallungen, damit der Vater ihr erlaube, auf der Terrasse zu schlafen: Dort besucht sie ihr Geliebter und die beiden gewähren einander „alle Lust, wobei sie denn begreiflicherweise die Nachtigall gar vielmals schlagen hören“. Und eine junge Naive trifft auf einen alten Mönch, der ihr erklärt, sein Penis sei der Teufel: „Du hast aber ein anderes Ding, das ich wiederum nicht habe, und das ist ebenso schlimm [. . .] Du hast die Hölle, und wenn du dich meiner erbarmen willst, dass ich, sooft dieser Teufel mich plagt, ihn in die Hölle heimschicken darf, so wirst du mir große Erleichterung gewähren.“
„Nachtigallenfang“. Ein wenig erinnert das an Nicholson Bakers neues Buch „Haus der Löcher“, das ja auch eher wie eine Geschichtensammlung wirkt denn wie ein Roman. Natürlich ist das „Dekameron“ diskreter: Giovanni Boccaccio schreibt von „Hölle“, von „Nachtigallenfang“ und von dem „Ding, das ihr Mädchen euch, zumal vor Männern, zu nennen scheut“ – wo bei Baker ungeniert „Möse“, „Sex“ und „Schwanz“ steht. Aber beiden ist eine unbekümmerte Heiterkeit zu eigen: Es geht um die Beschreibung eines sinnlichen Vergnügens, eines Spaßes, den man sich und einander gönnt. Und das ist – überraschend harmlos.
Andere Autoren schildern sexuelle Akte weit weniger vergnüglich. Das Gebiet der Erotik sei „im Wesentlichen das Gebiet der Gewalttätigkeit, der Vergewaltigung“, befand George Bataille, auf den sich all jene Autoren berufen, die im sexuellen Akt die Machtverhältnisse sich widerspiegeln sehen. Man denke an Elfriede Jelinek, die mit ihrem Roman „Lust“ (1989) nach eigenen Aussagen einen Porno für Frauen schreiben wollte – sich dann aber doch dagegen entschied und statt dessen die pornografische Sprache sezierte, verdrehte, persiflierte. Ein böser Spaß! „Er entblödet sich nicht, seinen Schwanz dahingestellt zu lassen“, schreibt sie. Bei Jelinek röstet der Mann „seine Wurst im Blätterteig von Haut und Haar in ihrem Ofen“ und will „seinen wilden Karren in den Dreck der Frau“ fahren. Da „zuckt krachend sein Schwanz in ihre Büsche“ und endlich „stimmt der Mann mit seiner Sache, die an ihm baumelt und bockt, überein“.
„Ulysses“, „Lady Chatterley“. Weit entfernt ist da die Höflichkeit, der wir bei Nicholson Baker begegnen, wo Mann und Frau brav „Bitte“ und „Danke“ und „Sehr nett“ sagen, bevor sie aneinander weiterspielen. Hier geht es um die Dynamik einer Beziehung – und mancher Rezensent warf Jelinek vor, allzu einseitig die Demütigung der Frau durch Sex in Szene zu setzen.
Sicher ist: Pornografie schaut anders aus. Aber wann ist Literatur pornografisch? Jener Richter, der 1933 in einem aufsehenerregenden Prozess das gegen den „Ulysses“ von James Joyce ausgesprochene Verbot wieder aufhob, tat das mit der Begründung, das Buch rufe im verständigen Leser keine „sexuelle Stimulation“ hervor. Und zwar, weil es künstlerisch zu anspruchsvoll sei. Ähnlich argumentierte ein Gericht, das 1959 über D. H. Lawrences „Lady Chatterley“ zu urteilen hatte – und auch Robert Gernhardt zog klar eine Grenze zwischen hoher Literatur und Pornografie: „Die fünf Genres Horror, Porno, Melodram, Spannung und Komik entsprechen fünf Körperausscheidungen: Erbrochenes, Sperma, Tränen, Schweiß und Urin.“ Jedes Genre wolle eine dieser Ausscheidungen herbeiführen – und hier liege auch der Unterschied zur Hochkunst: „Alle fünf Genres wollen den Konsumenten eindeutig außer Gefecht setzen.“
Im Umkehrschluss gilt: Einem Buch, dem der Vorwurf gemacht wird, es sei pornografisch, wird damit die künstlerische Qualität abgesprochen. Kunst ist nicht Porno! Wer die Romane des hochgefeierten John Updikes liest, wird zwar darin Passagen finden, in denen Sex nicht weniger explizit und ausführlich beschrieben wird als etwa bei Michel Houellebecq. Aber nur Houellebecq gilt als sogenannter Skandalautor.
Befreiung? Einsamkeit! Dabei geht es dem französischen Schriftsteller sogar noch weniger als anderen um die Darstellung von Sex der Erregung willen. In Romanen wie „Elementarteilchen“ und „Ausweitung der Kampfzone“ untersucht er den Sex in der Moderne und kommt zu wenig erfreulichen Ergebnissen. Sex sei wie Kapital – nämlich ungleich verteilt. „Manche haben täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf- oder sechsmal in ihrem Leben oder überhaupt nie. Das nennt man das Marktgesetz.“ Während Jelinek die Machtstrukturen innerhalb der Ehe bloßstellt, scheinen sich die Figuren von Houellebecq nach einer Zeit zurückzusehnen, als noch galt: bis dass der Tod euch scheidet. Der Autor setzt dabei sexuellen Liberalismus mit Wirtschaftsliberalismus gleich: „In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben, andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt.“
Und wie passt nun eine Erscheinung wie Charlotte Roche ins Bild? Immerhin kommt die ehemalige Moderatorin mit ihren „Feuchtgebieten“ dem Anspruch, einen weiblichen Porno geschrieben zu haben, zumindest näher als Elfriede Jelinek. Ihr zweiter Band „Schoßgebete“ beginnt mit einer seitenlangen Beschreibung von Fellatio – die technisch so detailliert ausfällt, dass man sie als Handlungsanweisung lesen könnte. Interessant übrigens das Argument, mit dem sich Charlotte Roche selbst von jedem Pornografieverdacht freispricht: In Filmen sei „Pornografie ein erigierter Penis und eine weit geöffnete Scham, die beim Vollzug des Geschlechtsaktes gezeigt werden, wobei der Mann derbe abgeht und die Frau die Unterlegene spielt“, erklärte sie in einem Interview mit dem „Spiegel“.
Eine bei aller Rotzigkeit durchaus schlüssige Grenzziehung – die notwendig geworden war, weil die Autorin nicht wie Joyce oder D. H. Lawrence mit dem Hinweis auf „künstlerische Qualität“ punkten kann. Tatsache ist: Für Pornografie sind Roches Romane zu introspektiv, und in ihren Betten treten nicht Mann und Frau, sondern feministische Regeln gegen alte Ängste an, die eigene Prüderie gegen den Wunsch, möglichst aufgeschlossen zu sein. Vieles tut die Ich-Erzählerin dem Mann zuliebe. Jelinek lässt grüßen.
Aber kommen wir wieder zu Nicholson Baker und zu Boccaccio mit ihrer Feier der Lust und des Leibes: Da sind Ängste überflüssig, Männer und Frauen in ihrem Begehren gleich. Erlaubt ist, was den Beteiligten einfällt, bei Baker alles, bei Boccaccio einiges. Beide zeichnen ein utopisches Bild, das Paradies vor der Erkenntnis. Und beide haben einen Hang zu ungewöhnlichen Wendungen.
Wir erinnern uns an die Geschichte vom alten Mönch, der die junge Naive verführt, indem er behauptet, sein Penis sei der Teufel, der in die „Hölle“ der jungen Frau „heimgeschickt“ werden müsse. Boccaccio löst die Geschichte auf, indem er die (Macht-)Verhältnisse einfach umdreht: „Ich weiß gar nicht, warum der Teufel wieder aus der Hölle herausgeht“, sagt das Mädchen. „Denn wenn er so gerne drinnen wäre, wie die Hölle ihn gerne aufnimmt und festhält, so würde er ewig drinnen bleiben.“
So viel Lust wird denn auch dem Mönch zu viel – irgendwann verlässt ihn die Kraft. Er gibt auf.
Was wohl Jelinek aus dieser Konstellation gemacht hätte?
Beim Sex sage man »Bitte« und »Danke«
04.02.2012 | 17:33 | von Bettina Steiner (Die Presse)
Wenn Jelinek über Sex schreibt, seziert sie das Machtgefüge in der Moderne. Legt Baker ein Buch über Sex vor, dann bleibt es hübsch vergnüglich. Über die Last mit der Lust und Lust an der Lust in der Literatur.
6 Kommentare
jeliwer?
wer ist das, muss man die kennen?lustig finde ich, wenn Frauen sich nach den Wünschen der Männer richten werden sie unterdrückt. wenn sich Männer nach den Frauen richten, dann sind sie dressierte Weicherei... ha ha ... zeit diese stupide Zeitung abzubestellen.
Das Decameron
gehört wenigstens zur anspruchsvollen Lektüre, während dieser Artikel ziemlich nichtssagend ist.Wo eigentlich kommt das in der Überschrift erwähnte "Bitte und Danke" vor?
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