Erdoğan rügt den US-Schriftsteller Paul Auster

Paul Auster erklärte, er werde das Land nicht bereisen. Grund: In der Türkei seien viele Journalisten und Autoren in Haft. Ministerpräsident Recep Erdoğan wehrt sich per Ansprache im Fernsehen.

Erdoan ruegt Paul
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Erdoan ruegt Paul
(c) APA (DPA)

Der türkische Ministerpräsident, Recep Tayyip Erdoğan, zeigt sich in seinen Reden gerne angriffig. Meist gegenüber Vertretern der Opposition, doch hin und wieder auch gegenüber Ausländern. Das können ganz abstrakt „die Europäer“ sein, von deren „Hinterhältigkeit“ Erdoğan anlässlich der Auseinandersetzung mit Frankreich wegen der Armenier gesprochen hat. Manchmal ist es aber auch konkret jemand, der es gewagt hat, Erdoğan oder seinen Staat zu kritisieren. Neuestes Ziel von Erdoğans Pfeilen ist der amerikanische Autor Paul Auster, weltweit bekannt für seine Romane.

Anlässlich Austers neuesten Werks, „Winter Journal“, hatte die „Hürriyet“ ein Interview mit dem Autor geführt. Dabei meinte Auster, er werde nicht in die Türkei reisen, weil so viele Journalisten und Autoren in der Türkei eingesperrt seien. Aus dem gleichen Grunde reise er auch nicht nach China.

Erdoğan nahm Auster darauf in einer im Fernsehen übertragenen Rede scharf aufs Korn. Als habe er ihn persönlich vor sich, sagte Erdoğan: „Als ob wir dich sehr bräuchten! Was ist schon, wenn du kommst, was ist, wenn du nicht kommst?“ Dann warf er dem Nachkommen osteuropäischer Juden vor, er sei erst vor zwei Jahren in Israel gewesen: „Ist in Israel kein Autor oder Journalist im Gefängnis?“

Austers Antwort ließ nicht auf sich warten. Der Ministerpräsident möge über den Staat Israel denken wie er wolle, erklärte er. aber es sei Tatsache, dass in Israel kein einziger Autor oder Journalist im Gefängnis säße, in der Türkei aber alleine über hundert Journalisten. Außerdem erinnerte Auster an das Verfahren gegen den Verleger und Menschenrechtsaktivisten Ragip Zarakolu, das vom P.E.N.-Club verfolgt werde. Auster ist Vizevorsitzender des PEN American Center.

 

Bücher als Grundlage für einen Putsch?

Auch der sozialdemokratische Oppositionsführer, Kemal Kilicdaroğlu, griff zur Feder und schrieb Paul Auster einen Brief, in dem er ihn einlud, die Türkei zu besuchen. Auster nahm diese Einladung an. Damit war der Ball wieder beim Ministerpräsidenten. Er warf Kilicdaroğlu vor, die von Auster geäußerte Kritik als „Material für die Innenpolitik“ zu missbrauchen. Auster solle doch in die Türkei kommen, Kilicdaroğlu besuchen, und dann sollten beide zum Picknick nach Israel fahren, am besten auf einen Hügel mit Blick auf den Gazastreifen. Westliche Journalisten würden nicht begreifen, dass in der Türkei Bücher geschrieben würden, um die Grundlage für einen Putsch zu schaffen. In der Türkei werde also nicht gegen Journalisten und Autoren prozessiert, sondern gegen Leute, die einen Putsch vorbereiteten und Terrorakte begingen.

Ähnlich hatte sich der türkische Innenminister, Idris Neim Sahin, Ende Dezember geäußert. Nach Sahin gibt es „wissenschaftlichen Terrorismus“. Terror könne man unterstützen „indem man ein Bild malt, indem man ein Gedicht schreibt, indem man eine tägliche Kolumne oder eine kleine Geschichte schreibt oder zeichnet“.

Nachdem Erdoğan Paul Auster gerüffelt hatte, flog er nach Istanbul, um an der Beerdigung von Ibrahim Subasi teilzunehmen, einem erzkonservativen Prediger. Der Ministerpräsident selbst schulterte den Sarg. Dass der Rüffel für Auster und die Ehre für den Prediger unmittelbar aufeinander folgten, war Zufall, ist aber bezeichnend. Erdoğan hat mit Auster nicht nur politisch ein Hühnchen zu rupfen, im Grunde kommt er aus einer anderen Welt, in der vor allem Glauben und Autorität zählen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2012)

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