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Alternativgeschichte(n): Die Politik von Gingrichs Parallelwelten

10.02.2012 | 18:38 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Was, wenn Hitler den Kampf um Europa gewonnen hätte? Oder der Süden die Schlacht von Gettysburg? Was hinter den spekulativen Romanen von US-Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich steckt.

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Wir stehen an der Kreuzung zwischen zwei unterschiedlichen Zukünften [sic].“ Das ist der Eröffnungssatz des ersten Sachbuchs des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Newt Gingrich: „Window of Opportunity: A Blueprint for the Future“ von 1984. Wegweisend ist er jedenfalls für Gingrich selbst, politisch wie literarisch: Egal, ob er in die Fußstapfen Wernher von Brauns tritt, um mit der Wahlkampfforderung nach einer US-Mondbasis (bis 2020) auf Stimmenfang zu gehen, oder ob er sich schreiberisch als „ein Mann der Ideen“ vermarktet – eines steht immer fest: Die Zeit drängt, und Gingrich ist der einsame Warner in der Wüste.

Im Erstling sinnierte er nicht nur über riesige Spiegel im All, die dunkle Stadtviertel durch die Leuchtkraft „mehrerer Monde“ erhellen sollten. Gingrich beschwor vor allem drastisch den Ernst der Lage: „Wir stehen an der Schwelle zu einer Welt voller Gewalt, die fast unsere Vorstellungskräfte übersteigt.“

Als eine der schillerndsten Figuren der Republikaner ist Gingrich ein Mann voller Widersprüche: Vehement kämpft er gegen staatliche Interventionen ins Wirtschaftsleben, aber er ist Repräsentant von Sponsoren, die dank Rüstungsaufträgen mit öffentlichen Geldern florieren. Als Sprecher des Repräsentantenhauses war Gingrich federführend im Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Bill Clinton beim Lewinsky-Skandal – und musste sich zugleich vorläufig aus der Politik zurückziehen, weil er selbst ebenfalls eine außereheliche Affäre hatte.

 

Detaillierte Schilderung des Gemetzels

Im Gegensatz dazu bietet der (Ko-)Autor Gingrich in seiner Literatur eindeutige Versicherungen: Zu einem Dutzend Sachbüchern kommt eine Reihe von Romanserien, die Geschichtsprofessor Gingrich mit seinem Kollegen William R. Forstchen verfasst hat. (Die Nennung „beitragender“ Redakteure legt allerdings in politischen Kreisen bewährte Ghostwriter-Arbeit nahe.) Dank Militärgeschichte-Spezialist Forstchen stieg Gingrich mit Renommee in die belletristische Welt ein und kam öfter auf die Bestsellerliste der „New York Times“. Denn Forstchen war schon etabliert im spekulativen Science-Fiction-Subgenre, in das seine Bücher mit Gingrich fallen: Alternate History, Alternativweltgeschichten, die historische Parallelszenarien ausmalen. Bei Gingrich/Forstchen ist das stets ein anderer Kriegsverlauf: Die liebevoll detaillierte Schilderung blutiger Gemetzel erlaubt es, dem Leser eine Welt voller Gewalt doch vorstellbar zu machen.

„Gettysburg“ war der Auftakt einer Trilogie (2003–2005) über den amerikanischen Bürgerkrieg nach dem Sieg von Südstaatengeneral Robert E. Lee in der entscheidenden Schlacht, „Pearl Harbor“ leitete einen Doppelschlag (2007/8) zum Zweiten Weltkrieg ein: Was, wenn der schneidige japanische Admiral Yamamoto selbst den Angriff auf den US-Stützpunkt geleitet hätte und nicht sein zögerlicher Vize Nagumo? Eben hat sich das Autorenduo mit „Battle of the Crater“ wieder dem Bürgerkrieg zugewandt – und Gingrich damit clever zwei gegensätzlichen Wählerklientelen: Es geht um ein berüchtigtes Massaker an gefangenen schwarzen Unionssoldaten durch konföderierte Truppen – nur dass alleSüdstaatenoffiziere im Buch, historisch doch etwas zweifelhaft, diese Massentötung verhindern wollten.

 

Nazi-Attacke auf das US-Atomprogramm

Das Strickmuster der Gingrich-Romane ist stets dasselbe, seit 1995 von seinem sensationellsten Opus „1945“ etabliert: Hitler hat die Schlacht um Europa gewonnen, der Weltkrieg blieb wegen eines Unfalls des Führers am Tag vor Pearl Harbor aus (die Narben lassen ihn beim Auftritt im Buch noch monströser wirken). Der Waffenstillstand im Kalten Krieg zwischen den USA und Deutschland wird durch die verschlagene Attacke blutrünstiger Nazis gegen das Atomprogramm auf US-Boden gebrochen. Da hilft nur jene Heldenfigur, die alle Gingrich-Bücher beschwören: ein stramm patriotischer Individualist, der mithilfe historisch verklärter Militärs (hier u.a. General Marshall und die wundersam auftauchende Erster-Weltkriegs-Legende Sergeant York) das Schlimmste verhindert. Trotz Komplikationen durch ahnungslose Wissenschaftler und „bürokratischen Nebel“ auf der eigenen Seite.

Das Groschenromanniveau der Erzählung – „Folter von Anfang bis Ende“ schrieb die „Washington Post“ – passt dabei zu Gingrichs populistischem Plan. Satirische Alternate-History-Bücher mit vergleichbarem NS-Thema wie Philip K. Dicks „Das Orakel vom Berge“ oder Otto Basils „Wenn das der Führer wüsste“ haben dem Subgenre einen Gegenkulturnimbus gegeben. Aber Gingrich will nicht progressive Parallelweltbilder, sondern rekonstruktiert eine imaginäre kriegerische Nostalgievergangenheit, die sein erzkonservatives Menschenbild als historisch verbürgte Konstante feiern. Es passt zum politischen Programm: Gingrich attackiert seine Gegner als „sekulär-sozialistische“ Gefahr, die so bedrohlich für Amerika ist wie „Nazideutschland und die Sowjetunion“. Als Grund für seine Pearl-Harbor-Bücher nannte er, „die Leute daran zu erinnern, wie wirklich diese Gefahren sind“.

Die Grenze zwischen Fakt und Fiktion scheint für Gingrich keine Rolle mehr zu spielen. Die Geschichte wiederholt sich, und es braucht Retter wie ihn. „Die Wahl 2012“, heißt es folgerichtig in Gingrichs jüngstem Sachbuch, „A Nation Like No Other“, „wird uns an eine historische Kreuzung bringen.“

Zur Person

Newt Gingrich, geboren 1943 in Harrisburg, Pennsylvania, ist Präsidentschaftskandidat der Republikaner für 2012. Der studierte Historiker war Kongressabgeordneter für Georgia und Sprecher des Repräsentantenhauses bis 1999, stolperte über eine Affäre und war danach als Lobbyist tätig. Er ist außerdem Koautor von über 20 Büchern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)

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