Der Vorwurf saß: Feuilletonist Georg Diez nutzte im Magazin „Der Spiegel“ seine Rezension von Christian Krachts eben veröffentlichtem Roman vor allem dazu, dem Schriftsteller Nähe zu rechtem Gedankengut zu unterstellen. Kracht sei dessen Türsteher, sein „Imperium“ sei „von Anfang an durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht. Hier gibt es noch Herren und Diener, Weiße und Schwarze“, urteilt Diez über den oberflächlich als Abenteuerroman zu lesenden Text, der von einem deutschen Aussteiger in der Südsee Anfang des 20. Jahrhunderts handelt.
Es geht um den Vegetarier und Nudisten August Engelhardt, der auf der Insel Kabakon im Pazifik einen Sonnenorden gründete, sich nur von Kokosnüssen ernährte und mit seiner Lehre sogar einige Jünger in der fernen deutschen Kolonie fand. Kracht stellt Engelhardt auch in Kontext zu Hitler, und das nimmt Diez zum Anlass für Angriffe, als ob hier der Faschismus verherrlicht würde: „Hitler also. Christian Kracht hat eine Stellvertreter- und Aussteigersaga über Hitler, den ,Romantiker und Vegetarier‘, geschrieben“, heißt es im „Spiegel“.
Die erste Lesung in Berlin wurde abgesagt
Als belastendes Material werden Auszüge aus (erklärungsbedürftiger) Korrespondenz Krachts mit dem US-Komponisten David Woodard angeführt, einem „vagabundierenden Kopf, der offen für rechtsradikale Gedanken und Helden ist“. Von Woodards Aussagen über Arier wird ohne Umschweife auf Kracht geschlossen. „Diese E-Mails zeigen die dunkle Seite des Werks, sie führen direkt ins Denken und Schreiben von Christian Kracht und sind von dem Roman nicht zu trennen“, dekretiert Diez in einer eigenwilligen Interpretation von Literaturkritik.
Der solcherart angeklagte Romancier reagierte, indem er die erste Lesung in Berlin absagte, die im ausverkauften Deutschen Theater für nächste Woche vorgesehen war. Kracht sei so bedrückt, meldete sein Verlag Kiepenheuer & Witsch, dass er derzeit nicht nach Deutschland kommen könne. Das Unternehmen, zu dessen Autoren auch Diez gehört („Der Tod meiner Mutter“, 2009), sprach von Rufmord. Zu Recht. Der Vorwurf des Antisemitismus wird erhoben, ohne zwischen Figuren, Erzähler und Autor besonders zu differenzieren. Diez schließt die Bewertung des Romans – das heißt für ihn, auch von Kracht – so: „An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream.“
Wären die Ausfälle im „Spiegel“ nicht so rabiat, könnte man auch von einer gelungenen Werbekampagne im Umfeld des Verlags sprechen, denn so viel mediale Aufmerksamkeit wie derzeit hat Kracht seit seinem Bestseller „Faserland“ nicht gehabt, mit dem er 1995 als 28-Jähriger sein Romandebüt gab. Er initiierte die neue deutsche Popliteratur nach der Wende, wurde in 20 Sprache übersetzt. Sein neuer Roman ist ebenfalls außerordentlich gut gelungen. Die bisherigen Kritiken sind vorwiegend positiv. Elfriede Jelinek zieht einen Vergleich zu Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ und bilanziert: „Ein Abenteuerroman. Kein Zweifel. Dass es das noch gibt.“
Es handle sich um Kunst, nicht um Nazi-Kram. schreibt Erhard Schütz im „Freitag“. Die „Spiegel“-Vorwürfe seien hirnrissig, „Imperium“ sei „glänzende Literatur“. In der „Süddeutschen Zeitung“ lobt Christopher Schmidt „eine furiose Satire auf deutsche Ermächtigungsfantasien“. In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ fragt sich Peter Richter, „wann der erste Depp über das Stöckchen springt“, Kracht wegen Hitler-Parallelen zum Nazi erkläre.
„Schon am Montag war der ,Spiegel‘ dieser Depp“, bemerkt die „SZ“ süffisant und wirft Diez Unredlichkeit vor. Iris Radisch sieht in der „Zeit“ ein ironisches Werk missverstanden: Sein Autor streife „durch das Dickicht der Welterlösungsideologien der Vorweltkriegszeit, erheitert sich gleichermaßen über Körneresser, Lichternährungsanhänger, schwule Antisemiten und wilhelminische Kolonialspießer. Eine hinter dem fidelen Maskenspiel sorgsam getarnte Parteinahme für oder gegen die eine oder andere Spielart des Präfaschismus oder Ökofanatismus lässt sich mit bloßem Auge in dem Roman nicht erkennen.“
Kafka wird homosexuell belästigt
Dazu ist dieser Text tatsächlich zu raffiniert, voller Anspielungen auf Romane, Comics, Filme. In ihm begegnet man historischen Figuren wie Albert Einstein. Hermann Hesse taucht kurz auf, in Florenz, und man glaubt sich im Roman „Gertrud“. Der Stil färbt ab. Kafka wird auf Helgoland das Opfer homosexueller Belästigung, und die Stelle könnte aus seinen Romanen stammen. Thomas Mann, mit der verlobten Katja auf Besuch im ostpreußischen Memel, zeigt den Nudisten Engelhardt an, und in der Tat kommt nun noch stärker als zuvor die dekadente Ironie jenes Meisters zur Geltung, der Kracht offenbar tief geprägt hat.
Würde aber jemand auf die obskure Idee kommen, Hesse, Kafka oder Mann als rechtsextrem einzustufen, weil sich in deren Werken die Strömungen ihrer Zeit wiederfinden? Kracht bewegt sich wie ein Chamäleon durch die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. In seinem „Imperium“, das lustvoll Adjektive anhäuft, finden sich neben Stilelementen der genannten Autoren auch noch Exotik, Abenteuerromantik, Esoterik, vor allem aber Brechungen durch den Erzähler, die all die Perspektiven relativieren.
Man kann Kracht auch als subtilen Kritiker von Imperialismus, Dekadenz, Aussteigertum interpretieren, muss es aber nicht. Sogar als Kitsch und Kolportage funktioniert dieser Roman. Oder als Vorlage für einen Hollywood-Streifen, in dem sich „ein weißes Dampfschiff unter langen weißen Wolken durch einen endlosen Ozean begibt“.
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