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Fritzl-Roman: Inzest sei typisch österreichisch

13.09.2012 | 10:44 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Der Autor Régis Jauffret stellt in seinem Roman, „Claustria“, die Ehefrau als Mittäterin dar. Auch Österreich kommt nicht gut weg. Doch am Ende bleibt beides auf der Strecke, Literatur und Realität.

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Frau Fritzl hat es gewusst. Hat ihrer Tochter das Cola hingestellt mit dem Schlafmittel. Hat einen Koffer gepackt mit Sachen für den Keller. Hat geholfen, die Betäubte hinunterzutragen. Hat ihre Tochter vergessen. Wie ihr Mann es befahl.

So erzählt es der französische Autor Régis Jauffret. In seiner Heimat wird der Roman „Claustria“ über den Fall Fritzl als Literaturereignis des neuen Jahres gefeiert, der österreichische Ecowin-Verlag hat das Buch auf Deutsch herausgebracht. Josef Fritzl heißt darin Josef Fritzl, Amstetten heißt Amstetten, der 26. April 2008 ist der 26. April 2008. Nur die Vornamen der Kinder und der Ehefrau sind geändert. Jauffret hat in Österreich recherchiert und war beim Prozess dabei. In „Claustria“ ist Fritzls Frau dessen Mittäterin, und die Nachbarn hörten weg, wenn etwas nicht zu überhören war.

In Österreich liebt man Türen

Bis über die Mitte des 21. Jahrhunderts hinaus führt Jauffret die Geschichte weiter, bis zum Tod aller ehemaliger Kellerinsassen. Zwei Geschwister sterben in der Kellerwohnung, die sie bald nach ihrer Befreiung bezogen und nie mehr verlassen haben. Die Luft der Ecowin Freiheit hat sie getötet wie giftige Dämpfe. Mutter Angelika wird dank ihrer Memoiren Multimillionärin und erkrankt an Alzheimer. Der jüngste Sohn von Josef Fritzl und Angelika ist der einzige „Gerettete“: Als altes, fettleibiges Kind verliert er sich in seinen Computerspielen – gar nichts so Abnormales unter seinen Zeitgenossen. Er ist auch der Einzige, der seinen Vater weiterhin liebt. Der Autor imaginiert auch das Innenleben des „Monsters von Amstetten“ und seiner Tochter, in deren Seele Verzweiflung, Gleichgültigkeit und sexuelles Verlangen nach ihrem Peiniger zugleich Platz haben. „Sie fragt sich, ob sie ihn nicht irgendwann geliebt hat, aus lauter Verzweiflung.“ Die Entwicklung Fritzls vom ungeliebten Sohn zum Kindseinsperrer passiert ebenso Revue wie die 24 Jahre im Keller. In diesem unterirdischen Familienleben ist viel Platz für Normalität, für Idylle sogar – da bäckt Angelika in ihrer modernen Küche duftende Kuchen und holt appetitliche Braten aus dem Rohr.

Entmenschlichung Österreichs

Viel steht in „Claustria“ auch über Österreich im Allgemeinen. Das ist ziemlich vernichtend, französische Kritiker sprachen denn auch von der „Entmenschlichung eines vom Nazismus und Egoismus zersetzten Österreich“ oder davon, dass die Zeugen der Ereignisse „einem ganzen Land den Spiegel vorhalten“. Inzest sei demnach „eine typisch österreichische Angelegenheit“ und das Prügeln von Kindern „eine hartnäckige Erziehungsmaßnahme in Österreich“, wo man „sich einen Dreck um die Wahrheit“ schert. Sein Land sei sehr mysteriös, alle seien blind und taub, sagt Fritzls Anwalt, der hier Gretel heißt. „Die Realität hat uns immer schon enttäuscht. Der Fall Österreich-Ungarns, das Dritte Reich mit dieser Shoah, mit der man uns die Ohren vollgeschlagen hat, und selbst Mozart, der in Salzburg geboren wurde, als die Stadt nicht in Österreich lag.“ Angesichts eines Hauses in Wien („eine Stadt wie ein Opern-Bühnenbild“) bemerkt der Erzähler: „In Österreich liebt man Türen.“

Literatur und Realität bleiben auf der Strecke

Ein Problem daran ist, dass Jauffret nicht Deutsch kann und vor dem Fall Fritzl, wie er selbst sagt, keine Ahnung von Österreich hatte. Trotzdem zieht er aus ein paar kaum überzeugenden Recherchen weitreichende Schlüsse, bis hin zu mannigfachen Anspielungen auf die angeblich unaufgearbeitete NS-Vergangenheit. Außerdem will er nicht den Fall Fritzl in Literatur verwandeln, sondern benutzt die Literatur, um den Fall Fritzl zu erklären. Am Ende bleibt beides auf der Strecke, Literatur und Realität. Dabei hatte Jauffret Großes im Sinn, bemüht eingangs gleich Platons Höhlengleichnis. Seelensezierung, Gesellschaftskritik, Parabel auf die menschliche Natur will „Claustria“ sein – und bietet schließlich zu wenig von zu vielem.

Wie erklärt sich dann der Erfolg in Frankreich? Offenbar täuscht der Anschein von „Claustria“, ein tiefschürfendes Porträt der Fritzls und österreichischer Zustände zu liefern, über dessen literarische Durchschnittlichkeit hinweg. Vielleicht auch, weil Régis Jauffret nicht der einzige unbeteiligte Beobachter ist, der sich fragt, ob der Fritzl-Prozess wirklich die ganze Wahrheit ans Licht gebracht hat.

Claustria
Regis Jauffret: "Claustria", Deutsch von Gaby Wurster, Roman, Verlag Lessingstrasse 6 (Ecowin), 528 Seiten, 24,90 Euro; Lesung im Literatursalon im Rabenhof: 24.9., 19 Uhr)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2012)

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170 Kommentare
 
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Gast: schecker
08.10.2012 11:49
0 0

Prof. Haller : Medienpräsenz um jeden Preis

zuerst behauptet der Suchtforscher Prof. Haller, er habe F. untersucht (z.B. auf der Seite Rowohlt Verlag Autoren), was nicht stimmt.

Und dann beteiligt er sich an Verschwörungstheorien.

Hauptsache , er ist in den Medien allgegenwärtig.

Ferndiagnosen und Unwahrheiten...

Gast: Ohne Worte
02.10.2012 08:49
0 0

Zusammenhalten es wird eng!

Keine einzige Selbstkritische Äußerung in 168 Kommentaren?
Kein einziger greift ein, wenn Kinder missbraucht werden!
Eine Mehrheit erdrückt den einsamen Rufer bis er in "s t i l l e" erstickt!
Denken?

Gast: besserossi
26.09.2012 04:29
0 0

Ein wenig Chauvinismus

ist bei Monsieur Jauffret schon dabei.

Wie erklärt sich dann der Erfolg in Frankreich?

--> Weil es angenehm ist, zu lesen wie pervers die "Anderen" sind. Und gleichzeitig die "Gewissheit" zu haben, dass man selbst ganz anders ist.

Übrigens, das Schlagen von Kindern ist in Österreich und in der BRD verboten, in Frankreich aber erlaubt.

Gast: radius
15.09.2012 14:08
1 0

Ein gestörter Autor bekommt sehr viel Presseplatz.

Der soll in Frankreich bleiben und über den sexbesessenen Strauß-Kahn ein Buch schreiben.
Der hat ja gerade 3 Verfahren am Hals, einmal ein Zivilverfahren in NY zum bekannten Fall, einmal wegen Korruption im Kongo in Zusammenhang mit seiner IWF-Funktion und ein drittes Verfahren wegen seiner Verwicklung in einem internat. Callgirl-Ring zusammen mit dem Polizeipräsidenten France Nord.

Bleiben Sie bei Ihren Leisten, Herr Franzose. Ihren Namen werde ich mir nicht merken.

Von unserer Nomenklatura erwarte ich mir, gegen den Titel des Buches Claustria wegen Verhetzung zu klagen.

Antworten Gast: Saturn
27.09.2012 22:24
0 0

Re: Ein gestörter Autor bekommt sehr viel Presseplatz.

Es würde mich interessieren auf welchen Mond sie leben.
Die Wahrheit schmerzt...
Sie sollten vielleicht einmal die Kommentare des wohl renomiertesten Gerichtspsychologen Herrn Haller lesen, der sich gewünscht hätte das unsere Justiz so gut regagiert hätte wie dieser Autor :-))))

Gast: Hannibal Lecter
15.09.2012 09:33
1 0

SPÖ: Zuviel Zeit zum Schundserien schauen?

Justizsprecher Jarolim, SPÖ, fordert also. Nur gut, dass damit auch dem dümmsten Österreicher klar gemacht wird, was von diesem Mann und der SPÖ insgesamt in Sachen Justiz zu halten ist:
Gerechtfertigte Ermittlungen gegen den Kanzler blockieren und verhindern, statt dessen sich wichtigmachen als "Mr. CSI und Autopsie". Geht's noch? - Was kommt als nächsten? Das Schweigen der Lämmer?

Gast: Michael70LE
15.09.2012 08:00
0 0

Behörden haben geschlampt...

Denkt hier jemand bitte auch Mal an die Tochter und deren Kinder? Sie haben eine Aufklärung verdient!

Antworten Gast: radius
15.09.2012 14:09
1 0

Was dieser Autor gemacht hat, ist Gewaltanwendung gegen unschuldige Opfer.

Aber als Trittbrettfahrer gutes Geld zu verdienen und dazu noch viel Medienplatz zu bekommen, ist die eigentliche Schweinerei.

Antworten Gast: Mirgraust
15.09.2012 09:40
3 0

Unerträgliche Wichtigtuerei!

Die Sache IST aufgeklärt! Der Täter wurde zu lebenslanger Haft verurteilt! Schon vergessen? - Was wollen SIE den noch wissen? Glauben Sie im Ernst, die Tatopfer brauchen schmutzige Voyeure als Fürsprecher?

Gast: Michael70LE
14.09.2012 23:26
1 0

Opfern ihre Ruhe lassen!

Wichtiger ist das der Fritzl nie wieder rauskommt man sollte jetzt dem Opfern ihre Ruhe lassen. Was die Fehler der Behörden betrifft so belaße ich das deren Gewissen!

2 0

weniger

Der Niedergang unserer Politik(-er) zeigt sich am besten in solchen Aussagen. Das durchschnittliche Wissen und Weltverständnis entspringt den Drehbüchern Hollywoods.

Es ist für mich unfassbar solche wirren Überlegungen überhaupt anzustellen.
Wir sind (noch) ein souveräner Staat mit zuständiger Exekutive und brauchen daher keine Hilfe von auch nur irgendwem - weder aus den USA oder irgendwo sonst her.
Für was werden dann hierzulande noch Leute für ihre Arbeit entlohnt, wenn es ohnehin dann Fremde nachprüfen sollen.

Der linke Traum der Internationalen.
Yankee go home! ;-)

Re: weniger

Hoffentlich brauchen sie nie den suveraenen Staat und Exekutive, den dann könnten sie eines besseren belehrt werden.

Kooperieren die Behörden

überhaupt mit einander? Wie kann ein verurteilter Vergewaltiger die Obsorge für die Kinder zugesprochen bekommen? (Auch wenn die Verurteilung zugegebenermaßen lange zurück liegt).

Gast: einfacher Bürger
14.09.2012 09:47
3 0

SPÖ will FBI-Prüfung

Ich denke wir haben in Österreich genug Polizisten die selbständig denken können. Finden doch immer wieder Gedankenaustausch mit Polizeibehörden andere Länder, oder sogar Schulungen beim FBI statt. Aber vielleicht wird unsere Polizei ja beim Denken von Vorgesetzten, oder Politikern gehindert?

Antworten Gast: e kloa
14.09.2012 11:57
0 0

Re: SPÖ will FBI-Prüfung

seit Strasser aber nicht mehr in leitenen Positionen

SPÖ will FBI-Prüfung

Die SPÖ schaut zu viel fern.

Wenn ma eh für jeden Sch*ß das FBI brauchen, dann schaffen wir doch mit dem Bundesheer auch gleich die Polizei ab.

Freundschaft

3 0

Re: SPÖ will FBI-Prüfung

Die Antwort wird wohl sehr einfach sein. Sofern wir nicht wieder Blockwarte einführen wollen, die jeden ständig unter KOntrolle haben, so lange ist es möglich, dass jemand in seinem Privatbereich furchtbare Verbrechen begeht.

Es ist halt die Frage ob die Freiheit aller Menschen für ein paar Wahnsinnige geopfert werden soll.

Ich denke das ist lediglich der Anfang der Einführung einer Art Heimatschutzministerium und damit eines Systems, das sich bereits bei den Nazis bewährt hatte.

Man muss einfach akzeptieren, dass manche Menschen Monster sind und Derartiges immer passieren wird. Auch mit kompletter Überwachung ist das nicht vollkommen auszuschließen.

und wenn das f.b.i.

mal seine korruptionsfahnder nach ö schickert?

Das kann ja nicht sein, dass die österreichischen Behörden schon so deppert sind

dass wir, wenn ernstzunehmende Ermittlungsergebnisse erwartet werden, nicht mehr ohne Personal von aussen auskommen?!?

Gast: Hemingway
14.09.2012 07:29
6 0

Und ich möchte eine SPÖ Prüfung durch den FBI !


Gast: Hannes Kannes
14.09.2012 06:55
3 0

"SPÖ will FBI-Prüfung"

Sind die österreichischen Kriminalisten zu blöd dazu, um den Fall aufzuklären?

Re: "SPÖ will FBI-Prüfung"

ja

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Viel lieber sollta das FBI die KORRUPTIONSFÄLLE dieser Bananenrepublik übernehmen, und binnen Wochen hätten wir schon die ersten Erkenntnisse WER mit WEM WO WAS WIE VIEL WESWEGEN, usw.


Re: Viel lieber sollta das FBI die KORRUPTIONSFÄLLE dieser Bananenrepublik übernehmen, und binnen Wochen hätten wir schon die ersten Erkenntnisse WER mit WEM WO WAS WIE VIEL WESWEGEN, usw.

Bravo, genau so ist es!

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Wir sind in Österreich und hier ALLES ist möglich. Österreich ist eine Parallel-Welt, eine Galaxie in der Galaxie selbst! KEINER hat etwas falsches gemacht. Verantwortlich ist soweiso NIEMAND. und SCHULD daran sind bestimmt immer DIE ANDEREN. Also WAS soll bitte das FBI (Famous But Incompetent) liefern?


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armutszeugnis

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