Günter Grass sieht sich als Opfer einer Kampagne

Mit seinen Auftritten im deutschen Fernsehen hat Günter Grass die Debatte um sein Israel-kritisches Gedicht weiter angeheizt. Seinen Gegnern wirft er Nazi-Methoden vor.

Guenter Grass sieht sich
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Guenter Grass sieht sich
(c) AP (JENS MEYER)

Im Atelier seines abgelegenen Anwesens bei Lübeck, wo er auch sein umstrittenes Gedicht verfasst hat, empfing Günter Grass (84) am Donnerstag Kamerateams, Fotografen und Journalisten. Im Interview mit Tom Buhrow von den ARD-„Tagesthemen“ sprach Grass – Pfeife in der Hand, im Hintergrund imposante Bücherregale – davon, nichts zurücknehmen oder präzisieren zu wollen. Ihm sei klar gewesen, dass er mit seinem Israel-kritischen Gedicht „Was gesagt werden muss“, in dem unter anderem zu lesen ist, dass Israel den Weltfrieden gefährde, eine Kontroverse auslösen würde. Er habe bewusst ein Tabu brechen und vor den verheerenden Folgen eines israelischen Angriffs auf den Iran warnen wollen. Auch die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland, die Grass in seinem Gedicht ausspart, kritisierte er im Interview mit Buhrow. „Das muss kritisiert werden, wenn man es mit Israel gut meint, und das tue ich“, sagte Grass. Und fügte im Gespräch mit dem ZDF hinzu: „Mit kritikloser Hinnahme hilft man Israel nicht. Das ist Nibelungentreue, und wir wissen, wohin das führt.“ Grass räumte lediglich ein, dass es besser gewesen wäre, nicht von Israel generell zu sprechen, sondern von der derzeitigen Regierung des Landes.

 

„Gleichschaltung der Meinung“

Erzürnt über den Vorwurf des Antisemitismus sprach er von einer „Kampagne“ gegen seine Person und klagte, dass nicht auf den Inhalt seines Gedichts eingegangen werde. Grass fühlt sich nach der heftigen Kritik an seinem Gedicht durch Politik und Medien missverstanden und unterstellt seinen Gegnern Methoden, wie sie von den Nazis verwendet wurden: „Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht“, sagte er im NDR. Der Begriff Gleichschaltung entstammt der nationalsozialistischen Terminologie, er bezeichnet die Beseitigung der pluralistischen Gesellschaft durch die Auflösung freier Medien, Vereine, Gewerkschaften und anderer Organisationen bzw. ihre Überführung in NS-Organisationen.

Gegenstimmen zur Kritik an ihm würden gar nicht an die Öffentlichkeit dringen, so Grass. Dabei bekäme er „haufenweise“ E-Mails, die seine Ansicht unterstützten. Auf Buhrows Frage, ob er auch Zustimmung von der rechten Ecke erhalte, erwiderte Grass, er habe „keine Angst vor dem Beifall der falschen Seite“, sonst „verbietet man sich selbst das Maul“. Vielmehr sei es Verpflichtung eines Schriftstellers, diese Dinge anzusprechen. Darum sehe er sich und sein „politisches Gedicht“ in der „deutschen Tradition“ und somit in einer Reihe mit Walther von der Vogelweide, Brecht, Fried und Goethe.

 

„Eher ein Leserbrief und kein Gedicht“

Nach dem Interview kommentierte Thomas Hinrichs von der ARD-Nachrichtenredaktion: „Für mich ist das kein Gedicht, es ist wohl eher ein Leserbrief, den Sie, Herr Grass, gestern platziert haben.“ Der Inhalt, so Hinrichs, sei außerdem falsch. Grass nenne einen Erstschlag Israels gegen den Iran in einem Atemzug mit den von Deutschland an Israel gelieferten U-Booten. Aber diese wären immer für einen Zweitschlag, als Antwort auf einen Angriff gedacht. Weiters meinte Hinrichs, es sei der iranische Präsident Ahmadinedschad, der das Existenzrecht Israels infrage stelle und nicht umgekehrt. Kritik an Israel sei außerdem kein Tabu, wie Grass behaupte. So habe zuletzt Verteidigungsminister Thomas de Maizière einen Angriff auf den Iran als unkalkulierbar bezeichnet. „Wären Sie nur ein alter Mann, man würde es in die Ablage packen“, sagte Hinrichs: Denn Grass habe seine Mitgliedschaft bei der SS zu lange (nämlich bis 2006) verschwiegen und anschließende Kritik an ihm ebenfalls als Kampagne gegen ihn abgetan. Mit der Debatte habe er nun „Sedimente der braunen Brut nach oben gespült“ und von der wahren Sorge um Frieden abgelenkt.

Scharfe Kritik äußerte auch die mehrfach für die Verfolgung von NS-Verbrechern ausgezeichnete deutsche Publizistin Beate Klarsfeld: „Wenn Grass sich mit seiner magischen Brille im Spiegel anblickt, sieht er heute den Literaturnobelpreisträger oder einen alten Waffen-SS?“, fragt Klarsfeld in einer Aussendung. Sie zitierte außerdem aus einer Drohrede, die Hitler 1939 gegen „das internationale Finanzjudentum“ hielt. Ersetze man den Ausdruck durch „Israel“, so Klarsfeld, „dann werden wir von dem Blechtrommelspieler (Anm.: gemeint ist Grass) die gleiche antisemitische Musik hören“.

Zustimmung kommt hingegen aus dem Iran. Während die politische Führung sich mit einer öffentlichen Stellungnahme zurückhält, lobte die staatliche Nachrichtenagentur Irna Grass für seinen „Tabubruch in einem Land, wo die Politik und Taten des zionistischen Regimes ohne Wenn und Aber unterstützt werden“. Die Irna verurteilte israelische und westliche Medien wegen ihrer „brutalen und zum Teil beleidigenden“ Kritik an Grass, nur, weil er offen gesagt habe, dass nicht der Iran, sondern Israel die eigentliche Gefahr für den Weltfrieden sei. Gegengift Seite 23

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2012)

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