Günter Grass sieht sich als Opfer einer Kampagne

06.04.2012 | 18:42 |  SIOBHÁN GEETS (Die Presse)

Mit seinen Auftritten im deutschen Fernsehen hat Günter Grass die Debatte um sein Israel-kritisches Gedicht weiter angeheizt. Seinen Gegnern wirft er Nazi-Methoden vor.

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Im Atelier seines abgelegenen Anwesens bei Lübeck, wo er auch sein umstrittenes Gedicht verfasst hat, empfing Günter Grass (84) am Donnerstag Kamerateams, Fotografen und Journalisten. Im Interview mit Tom Buhrow von den ARD-„Tagesthemen“ sprach Grass – Pfeife in der Hand, im Hintergrund imposante Bücherregale – davon, nichts zurücknehmen oder präzisieren zu wollen. Ihm sei klar gewesen, dass er mit seinem Israel-kritischen Gedicht „Was gesagt werden muss“, in dem unter anderem zu lesen ist, dass Israel den Weltfrieden gefährde, eine Kontroverse auslösen würde. Er habe bewusst ein Tabu brechen und vor den verheerenden Folgen eines israelischen Angriffs auf den Iran warnen wollen. Auch die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland, die Grass in seinem Gedicht ausspart, kritisierte er im Interview mit Buhrow. „Das muss kritisiert werden, wenn man es mit Israel gut meint, und das tue ich“, sagte Grass. Und fügte im Gespräch mit dem ZDF hinzu: „Mit kritikloser Hinnahme hilft man Israel nicht. Das ist Nibelungentreue, und wir wissen, wohin das führt.“ Grass räumte lediglich ein, dass es besser gewesen wäre, nicht von Israel generell zu sprechen, sondern von der derzeitigen Regierung des Landes.

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„Gleichschaltung der Meinung“

Erzürnt über den Vorwurf des Antisemitismus sprach er von einer „Kampagne“ gegen seine Person und klagte, dass nicht auf den Inhalt seines Gedichts eingegangen werde. Grass fühlt sich nach der heftigen Kritik an seinem Gedicht durch Politik und Medien missverstanden und unterstellt seinen Gegnern Methoden, wie sie von den Nazis verwendet wurden: „Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht“, sagte er im NDR. Der Begriff Gleichschaltung entstammt der nationalsozialistischen Terminologie, er bezeichnet die Beseitigung der pluralistischen Gesellschaft durch die Auflösung freier Medien, Vereine, Gewerkschaften und anderer Organisationen bzw. ihre Überführung in NS-Organisationen.

Gegenstimmen zur Kritik an ihm würden gar nicht an die Öffentlichkeit dringen, so Grass. Dabei bekäme er „haufenweise“ E-Mails, die seine Ansicht unterstützten. Auf Buhrows Frage, ob er auch Zustimmung von der rechten Ecke erhalte, erwiderte Grass, er habe „keine Angst vor dem Beifall der falschen Seite“, sonst „verbietet man sich selbst das Maul“. Vielmehr sei es Verpflichtung eines Schriftstellers, diese Dinge anzusprechen. Darum sehe er sich und sein „politisches Gedicht“ in der „deutschen Tradition“ und somit in einer Reihe mit Walther von der Vogelweide, Brecht, Fried und Goethe.

 

„Eher ein Leserbrief und kein Gedicht“

Nach dem Interview kommentierte Thomas Hinrichs von der ARD-Nachrichtenredaktion: „Für mich ist das kein Gedicht, es ist wohl eher ein Leserbrief, den Sie, Herr Grass, gestern platziert haben.“ Der Inhalt, so Hinrichs, sei außerdem falsch. Grass nenne einen Erstschlag Israels gegen den Iran in einem Atemzug mit den von Deutschland an Israel gelieferten U-Booten. Aber diese wären immer für einen Zweitschlag, als Antwort auf einen Angriff gedacht. Weiters meinte Hinrichs, es sei der iranische Präsident Ahmadinedschad, der das Existenzrecht Israels infrage stelle und nicht umgekehrt. Kritik an Israel sei außerdem kein Tabu, wie Grass behaupte. So habe zuletzt Verteidigungsminister Thomas de Maizière einen Angriff auf den Iran als unkalkulierbar bezeichnet. „Wären Sie nur ein alter Mann, man würde es in die Ablage packen“, sagte Hinrichs: Denn Grass habe seine Mitgliedschaft bei der SS zu lange (nämlich bis 2006) verschwiegen und anschließende Kritik an ihm ebenfalls als Kampagne gegen ihn abgetan. Mit der Debatte habe er nun „Sedimente der braunen Brut nach oben gespült“ und von der wahren Sorge um Frieden abgelenkt.

Scharfe Kritik äußerte auch die mehrfach für die Verfolgung von NS-Verbrechern ausgezeichnete deutsche Publizistin Beate Klarsfeld: „Wenn Grass sich mit seiner magischen Brille im Spiegel anblickt, sieht er heute den Literaturnobelpreisträger oder einen alten Waffen-SS?“, fragt Klarsfeld in einer Aussendung. Sie zitierte außerdem aus einer Drohrede, die Hitler 1939 gegen „das internationale Finanzjudentum“ hielt. Ersetze man den Ausdruck durch „Israel“, so Klarsfeld, „dann werden wir von dem Blechtrommelspieler (Anm.: gemeint ist Grass) die gleiche antisemitische Musik hören“.

Zustimmung kommt hingegen aus dem Iran. Während die politische Führung sich mit einer öffentlichen Stellungnahme zurückhält, lobte die staatliche Nachrichtenagentur Irna Grass für seinen „Tabubruch in einem Land, wo die Politik und Taten des zionistischen Regimes ohne Wenn und Aber unterstützt werden“. Die Irna verurteilte israelische und westliche Medien wegen ihrer „brutalen und zum Teil beleidigenden“ Kritik an Grass, nur, weil er offen gesagt habe, dass nicht der Iran, sondern Israel die eigentliche Gefahr für den Weltfrieden sei. Gegengift Seite 23

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2012)

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19 Kommentare

bedingter Reflex

Schade, dass unsere Gesellschaft nicht in der Lage ist gewisse bedingte Reflexe abzulegen Pawlow hätte seine Freude Sarazin, Grass und weitere läuten die Glocke und die Politiker speicheln, man bemerkt gar nicht, dass eigentlich gar kein Fressen da ist. Offensichtlich ist unsere Gesellschaft nicht in der Lage Dinge frei von Vorurteilen zu diskutieren.

Antworten Gast: Anti-Grass
08.04.2012 12:09
0 0

Re: bedingter Reflex

Richtig. Nicht die Juden, sondern die Palästinenser sind die Landräuber (wenn die Juden das zuließen).

Mit angehaltenem Atem gelesen

ein interessanter Beitrag im Spiegel:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826163,00.html

Gast: Andreas Hofer
07.04.2012 09:22
3 1

Frage:

Wer stiehlt Land?
Wer begeht Kriegsverbrechen?
Wer vertreibt Menschen aus ihrem Land?
Wer hetzt zum Krieg?
Vier einfache Fragen - aber die gleichgeschalteten Medien trauen sich nicht zu antworten...

Re: Antworten

Wer stiehlt Land?
Z.B. Italien nach den I. WK

Wer begeht Kriegsverbrechen?
Hamas, täglich mit bis zu 120 Raketen auf zivile Ziele

Wer vertreibt Menschen aus ihrem Land?
Ahmadineschad: knapp 8 Mio. Iraner aus eigenem Land vertrieben

Wer hetzt zum Krieg?
Der selbe. Er will ganz Israel von der Landkarte vernichten.

Der Blechtrommler gibt nicht auf. Und trommelt. Und trommelt...


Grass könnte sich glatt als Testimonial bei Duracell verdingen ;-)

Von wegen „mit letzter Tinte“....

Re: Der Blechtrommler gibt nicht auf. Und trommelt. Und trommelt...

nette analogie, wirklich... ;)

ich sehe ihn aber schon viel mehr als opfer der vergessenheit, gegen die er - offensichtlich mit aller gewalt - antrommelt.

Gast: Ane(c)k Dote - im Kampf gegen *hier Wort einfügen*
07.04.2012 08:27
0 0

Ich erinnere mich,

Als junger Schüler habe ich einmal im Englischunterrischt vor Wut über selbigen den seinerzeit (vermutlich noch akuteren) A-Krieg "ausgemalt". Habe mögliche russische Ziele in England ausgemacht und in vielen genüsslich angefertigten skizzenhaften Zeichnungen während der Unterrichtes, der mich immer weiter erboste die Auslöschung peu a peu fiktiv vermerkt. Über das Fernziel, das ich mir mit ausmalte, dass Englischunterricht mit der Auslöschung hinfällig sein werde, war ich zufrieden (Gegen die Engländer habe/hatte ich nichts, nur gegen die Bevormundung/Nötigung in der Wahl der zu erlernendne Sprache). Aber ich bemerkte zwei Schwachpunkte: wie sollte ich "die Russen" davon überzeugen meinen Plänen zu folgen und wie bleibe ich selbst und mit angemessenen Rahmenbedingungen am Leben. Am Ende der Stunde habe ich mangels Lösung von meinen Plänen Abstand genommen und habe mich in etwas, was man vermessen als persönlichen Partisanenkrieg gegen den Englischunterricht beschreiben könnte, konzentriert (heute sicher "Terrorismus" ^^).

Die Israelische Regierung scheint über ebensolche jugenliche Frische und Kampfgeist zu verfügen. Leider aber auch über die Mittel.

Bei meinem langen Kampf schaffte ich übrigens am Ende ein Remis. Größte Opfer waren Zeit und Nerven. Dass ich des Englischen nur mangelhaft bis ungenügend mächtig sei, wurde mir schließlich und abschließend bestätigt. Mein Matura/Abitur erhielt ich aber. Die Sozen(-Lehrer) wollten seit Jahren mehr Abiturienten...

Re: Ich erinnere mich,

sie hatten offensichtlich eine komplizierte adoleszenz...

Gast: recherchiertdochmal
07.04.2012 00:59
0 0

ein satz aus meinem lieblingsblog:

"Sie sind verantwortlich für das, was sie getan haben, tun oder tun werden
und nicht für etwas, dass vielleicht ihr Groß- oder Urgroßvater getan hat.

... und jetzt vergessen sie ein für alle Mal die Story vom "schuldbeladenen Volk" ...

... und vor allem eines - SIE HABEN auch NICHTS für ANDERE "WIEDERGUTZUMACHEN"! Wenn sie nichts Böses getan haben, dann haben sie auch nichts Böses getan und sind frei von Schuld.

Es gibt keine "politische Erbsünde" ... also lassen sie sich nicht dummquasseln ..."


2 0

Das Existenzrecht Israels -

es wird auch in diesem Artikel wieder einmal thematisiert - wird von Irans Führung angeblich in Frage gestellt. Viele glauben das, nachdem in allen Medien berichtet wurde, Ahmadinejad hätte in einer öffentlichen Rede gefordert, Israel müsse "von der Landkarte getilgt werden". Helle Empörung war die Folge dieser Meldung - die Sache hat bloß einen Haken: Es wurde falsch übersetzt - und nie mehr berichtigt. Der iranische Präsident hatte tatsächlich gesagt: "Das Besatzungsregime Israels muß Geschichte werden."

1 1

ARD kommentierte - predigt

wieso erinnert mich das Kommentieren immer an die Predigt in der Kirche, an den Missbrauch den die Kirche mit den Predigten betrieben hat.

Nur statt dem Amen kommt die Werbung und die Kirchgänger wurden zur Einschaltquote.

Gast: thewarisamistake
06.04.2012 23:20
2 0

ein couragierter nobelpreisträger, der den frieden einfordert - passt halt nicht in das kriegswaffenexportierende land D; deutsche U boote mit Atomraketen in israels hand passen nicht zu einem ethischen verhaltenskodex.


Gast: vevce
06.04.2012 21:46
4 0

Grass hat recht

Die Fakten sind, dass Israel Atomwaffen seit mehr als 10 Jahren inoffiziel besitzt, dies aber seit ebensovielen Jahren von den internationalen Atombehörden nicht kontrolliert wird.
Bei Iran läuft dasselbe nun zeitversetzt ab. Der Unterschied ist nur, dass hier internationale Sanktionen verhängt werden und ein internationales Mediengerassel dies begleitet.
Das diese Konstellation sehr leicht zum Abwurf der 3. und 4. Atombombe in der Menschheitsgeschichte führen kann ist relativ einfach vorstellbar.
Spricht das jemand aus, so ist er ein Antisemit.

Gast: netter gast
06.04.2012 21:26
6 0

widerlich

Grass hat eine
sachliche und wie ich meine
notwendige Kritik geschrieben .

Die Art in der nun
in unseren Medien
der Grass durch den Dreck gezogen wird
anders kann man das nicht nennen
ist widerlich
und bezeichnend für den Zustand der öffentlichen Medien

Gast: b754
06.04.2012 20:20
7 5

durchhalten ein treffendes gedicht


5 4

beste Freunde

sind immer jene, die aussprechen was man nicht hören möchte.

Unverständlich,

wie viele Minuswertungen diese eigentlich verbreitete Weisheit auslöst. Hier müssen doch Menschen am Werke sein, die ein völlig gegensätzliches Wertesystem vertreten. Schade, dass die nicht zum Dialog bereit sind, nur zum Striche machen.

Gast: Kriegerpoet
06.04.2012 19:10
4 2

Grass besticht Russen

Soeben frisch aus Russland:
Israel und die USA bereiten sich nach der Einschätzung des russischen Militärexperten Leonid Iwaschow auf eine Atomwaffen-Attacke gegen den Iran vor. Für den Fall, dass „Israel sich auf eine Verwicklung in diesen Prozess einlässt und eine Niederlage erleidet, bereiten die Amerikaner und (Israels Regierungschef Benjamin) Netanjahu die öffentliche Meinung darauf vor, dass Atomwaffen eingesetzt werden“, sagte General Iwaschow, einst Ressortleiter für internationale Zusammenarbeit im russischen Verteidigungsministerium und heute Präsident der Akademie für geopolitische Probleme, am Freitag auf einer Konferenz in Moskau.

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