Grass und die Torheit der Intellektuellen

Von Brecht bis Sartre haben Schriftsteller oft desaströs geirrt - so wie andere Menschen auch. Niemand vermisst die Poseure und Ideologen. Doch Europa bräuchte auch heute noch Skeptiker, die genau hinsehen.

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grass – (c) AP (JENS MEYER)

Glaubt man George Orwell, sind manche Ideen so töricht, dass nur ein Intellektueller daran glauben kann. Es fällt dieser Tage schwer, da nicht an Günter Grass zu denken und sein Gedicht „Was gesagt werden muss“. Wäre man noch boshafter, könnte man den englischen Dichter Samuel Johnson bemühen, der über einen gebildeten Zeitgenossen urteilte: „Es muss ihn ganz schön viel Anstrengung gekostet haben, so zu werden, wie wir ihn hier sehen. Ein solcher Exzess an Dummheit, Sir, liegt nicht in der Natur.“

Es ist und bleibt eine beharrliche Schattenseite des politischen Engagements von Schriftstellern und anderen „geistigen Menschen“, wie man in Deutschland lange Zeit sagte: Sie irren sich oft – und nicht nur ein bisschen, sondern ungeheuerlich. Der irische Dramatiker George Bernard Shaw verkündete auf Besuch in den USA, Diktatur sei „die einzige Regierungsform, in der man etwas weiterbringt“, das war 1933. Sechs Jahre später freute er sich, dass Hitler vom „mächtigen Daumen Stalins“ niedergehalten werde, dem der Friede über alles gehe. „Und alle außer mir haben Angst vor den beiden!“ Eine Woche später begann der Zweite Weltkrieg. Shaw war damals kaum jünger als Grass. Der Philosoph Bertrand Russell war ebenfalls bereits ein alter Herr, als er die Abrüstung der britischen Armee forderte, zu einem Zeitpunkt, als Hitler fleißig aufrüstete.

Aber auch Jugend schützt vor Torheit nicht, man braucht nur an jene Autoren denken, die in ihren Sturm-und-Drang-Jahren Oden auf Stalin schrieben und nach China reisten, um sich Maos schöne neue Welt zeigen zu lassen. Jean-Paul Sartre besuchte sogar Andreas Baader im Gefängnis. Pablo Picasso, Bert Brecht, Hanns Eisler glaubten fest an den Kommunismus. Peter Handke verteidigte Milošević.

Neu ist diese vermeintliche oder wirkliche Inkompetenz nicht. Sie begleitet das Engagement des „Intellektuellen“, seit von diesem die Rede ist. Émile Zola und weitere französische Schriftsteller und Journalisten bezeichneten sich bei ihrer Kampagne für Alfred Dreyfus so. Ein „Intellektueller“ war für sie der gebildete Mensch, der seinem Gewissen folgte und seinen Beruf, seinen Ruf und die Presse nutzte, um für Demokratie und Menschenrechte einzutreten. Kritiker nannten sie „instinktlos-abstrakt“ und „inkompetent“, sie hätten von Außenpolitik und Spionage keine Ahnung.

Da ist er schon, der Intellektuelle, der angeblich über luftigen Ideen die Realität aus den Augen verliert, der nicht versteht, was Schiller seinen Wallenstein sagen lässt: „Leicht beieinander wohnen die Gedanken / Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“ Lange galt gerade das als seine Stärke.

Moralische Mahner. Ein Intellektueller sei einer, „der sich um das kümmert, was ihn angeht, und von dem die anderen sagen, er kümmere sich um das, was ihn nichts angeht“, dekretierte Sartre, der diesen Typus wie kein anderer verkörperte. Gleichzeitig formierten sich auch im Deutschland der 1960er-Jahre die engagierten Schriftsteller, wie Hans Magnus Enzensberger, Siegfried Lenz und natürlich Günter Grass. Sie plädierten für die SPD, gegen Wiederbewaffnung und Atomrüstung – Grass' Israel-Kritik greift also ein Urthema seines öffentlichen Engagements auf.

Frankreichs linke Intellektuelle sahen sich mehr als soziale Revolutionäre, in Deutschland überwiegen die moralischen Mahner. Der Schweizer Max Frisch machte den Vorwurf der Inkompetenz mit einer Geschichte lächerlich: Ein Mann, der die Bedrohung einer Kirche durch eine riesige Überschwemmung gemeldet habe, sei gefragt worden, ob er Fachmann im Kirchenbau sei!Nachdem die religiösen Autoritäten zerbrochen waren, brauchte die Öffentlichkeit wohl Menschen, die einem die Welt erklärten und „das Ganze“ zu sehen vorgaben. In gut romantischer, aber auch aufklärerischer Tradition waren das Literaten und Philosophen, die Medien lieferten das Sprachrohr. Der Tod dieser „universalen Intellektuellen“ wurde aber schon in den 1970er-Jahren verkündet, heute sind sie fast verschwunden.

Die Medienlandschaft hat sich pluralisiert, Naturwissenschaften drängen sich vor und produzieren neue Welterklärer wie Richard Dawkins, und die Vorstellung einer kleinen Geisteselite, die die Massen leitet, hat sich überholt. Einzig im Geburtsland der „Intellektuellen“ Frankreich spielen Einzelne noch das Gewissen der Nation, mit weniger Pathos und genauerem, auf die Tagespolitik konzentrierten Blick. Wie aus Grabestiefen, wenn auch sehr verständlich, hallt dagegen Elfriede Jelineks Wutlitanei über den „kleinen Niko“ Pelinka zu uns herüber, oder eben, viel weniger verständlich, Günter Grass' Gedicht „Was gesagt werden muss“.

Ungeprüft. Ein Ingenieur werde daran gemessen, ob seine Arbeit zu brauchbaren Bauwerken führe, für die Intellektuellen gebe es keine externe Prüfung, kritisiert der US-Wirtschaftswissenschaftler Thomas Sowell im Buch „Intellectuals and Society“. Dabei hätten ihre Ideen oft desaströse Auswirkungen. Schon der Soziologe Max Weber bemängelte die „ins Leere laufende Romantik ohne alles sachliche Verantwortungsgefühl“.

Trotzdem ist das Leiserwerden des „engagierten Schriftstellers“ in Westeuropa nicht unbedingt erfreulich. Sein Einsatz kann zwar zur Pose werden, er kann irren Ideen folgen genau wie andere Menschen; es gibt aber auch unzählige Gegenbeispiele wie Václav Havel, Albert Camus oder heute Juli Zeh und Kathrin Röggla, Skeptiker, die keinen ideologischen Verlockungen erliegen und genau hinsehen – und zwar nicht nur auf das, was draußen passiert. Camus zufolge sind Intellektuelle Menschen, deren „Geist sich selbst beobachtet“. Den 84-jährigen Günter Grass hätte er sicher nicht dazugezählt.

Günter Grass
wurde 1927 in Danzig geboren. Er machte eine Steinmetzlehre, studierte zunächst an der Kunstakademie Düsseldorf Grafik und Bildhauerei und später an der Hochschule für bildende Künste in Berlin.

„Die Blechtrommel“
verschaffte Grass 1959 den Durchbruch als Schriftsteller. Mit „Katz und Maus“ und „Hundejahre“ folgten die Teile zwei und drei der Danziger Trilogie. Weitere wichtige Werke Grass' sind „Der Butt“, „Die Rättin“, „Ein weites Feld“ und „Im Krebsgang“.

1999
erhielt Günter Grass den Literaturnobelpreis. Der Schriftsteller sah sich selbst stets als moralische Instanz, gerade auch was den Umgang der Deutschen mit dem Nationalsozialismus betraf.

Mit den Erinnerungen
„Beim Häuten der Zwiebel“ sorgte Grass 2006 für Aufsehen. Darin schrieb er nämlich, dass er mit 17 Jahren zur Waffen-SS eingezogen worden war – ein Umstand, den er bereits kurz vor Erscheinen des Buches in einem Interview kundgetan hatte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2012)

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