Menasse: Günter Grass als "Clown der Medienindustrie"

11.04.2012 | 16:05 |   (DiePresse.com)

Den eigentlichen Skandal würden die Medien produzieren, meint der Essayist und Autor. Josef Haslinger verteidigt den Literaturnobelpreisträger.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Der eigentliche Skandal um das Israel-kritische Gedicht von Günter Grass liegt nach Ansicht des österreichischen Schriftstellers Robert Menasse darin, dass fünfzehn deutsche Zeitungen und fünfundzwanzig Blätter der Weltpresse diesen Text des Literaturnobelpreisträgers publiziert haben und ihn "sofort mit aufgeregten Kommentaren umrankten". In einem Beitrag für das am Donnerstag erscheinende Wiener Magazin "News" schrieb Menasse: "Die Medien produzieren selbst den Skandal, den sie dann berichten, kommentieren und diskutieren."

Mehr zum Thema:

Grass sei nicht erst mit diesem Text ein "Clown der Medienindustrie" geworden, "die Medienmacher schauen ihm lachend und händereibend zu, wie er offene Türen dort einzurennen versucht, wo gar keine sind, sondern nur aufgemalte Scheunentore in der Kulissenlandschaft der Öffentlichkeit", kritisiert Robert Menasse. Als "lyrisch" könnte man das "Gedicht" nur insofern bezeichnen, als es "eine Befindlichkeit und Gestimmtheit ausdrückt, die ich literaturgeschichtlich nur von einigen weitgehend vergessenen Beispielen jener Rauschgedichte kenne, die entstanden, als Dichter beim Schreiben mit Drogen experimentierten. Aber auch das stimmt nicht ganz - denn der Anspruch war damals immerhin Bewusstseinserweiterung."

Menasse: Grass ist kein deutscher Intellektueller

"Traurig ist an dieser Geschichte, dass sie nun zum Anlass genommen wird, die Idee der engagierten Literatur und den Begriff des Intellektuellen grundsätzlich infrage zu stellen und der Lächerlichkeit preiszugeben", schreibt der Autor und Essayist. "Grass war ja, das weiß man seit längster Zeit, nie ein Intellektueller im Sinn des Begriffs. Der Intellektuelle kritisiert Herrschaft, er engagiert sich nicht für Herrschaft. Er bekämpft Übel, er verwendet sich daher auch nicht für eine so trostlose Idee wie das 'geringere Übel'. Grass aber hat seit Jahrzehnten immer wieder dies gemacht: zur Wiederwahl regierender Kanzler aufgerufen, wenn sie nur Sozialdemokraten, also das 'geringere Übel' waren."

"Mir ist schleierhaft, wie Grass jemals mit einem 'deutschen Intellektuellen' verwechselt werden konnte", schreibt Menasse. "Er ist ein gefundenes Fressen für jene Medien, die zynisch oder womöglich ernsthaft glauben, dass ihr Dünnschiss, den sie nach dem Fressen haben, eine wichtige Nachricht in der Rubrik 'Shit happens' ist."

Haslinger: "Im Prinzip wichtigen Punkt angesprochen"

Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger, Direktor des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig und Professor für literarische Ästhetik, dem Literaturnobelpreisträger bescheinigt, Grass hingegen, "im Prinzip einen wichtigen Punkt angesprochen" zu haben. Grass habe nämlich aufgezeigt, dass in Verhandlungen über die Beschränkung von Atomwaffen die israelischen Atomwaffen und ihr Beitrag zur Aufrüstung im Nahen Osten stets ausgespart würden, sagte Haslinger der "Leipziger Volkszeitung" (Mittwoch). "Bloß fehlt Grass die nötige moralische Autorität für dieses Thema", fügte Haslinger hinzu.

Der deutsche Schriftsteller Erich Loest hat seinerseits Grass verteidigt. "Es wäre wünschenswert, zuständige internationale Behörden würden sich Israels heißeste Keller zeigen lassen", heißt es in einem Brief des 86-Jährigen, den die "Leipziger Volkszeitung" am Mittwoch veröffentlichte.

Die Causa
In dem Gedicht "Was gesagt werden muss" hatte Grass gemeint, die Atommacht Israel bedrohe den Weltfrieden und könne das iranische Volk mit einem Erstschlag auslöschen. Das brachte ihm international heftige Kritik ein. Israel verhängte ein Einreiseverbot gegen Grass.

(Ag.)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

Mehr aus dem Web

13 Kommentare

menasse?

Verzeihung, wer oder was ist menasse?

Grass ist Nobelpreistraeger und weltbekannt für alle zeit - in oesterreich gibt es grad einmal die jelinek und des woars...dann kommt laaange nix und dann vielleicht...naja.

Antworten Gast: Tonus
17.04.2012 01:07
0 0

nomen est omen

eben NUR hausverstand

Gast: FrankFreiUnabhängig
12.04.2012 10:58
1 0

Nun ja...

Günter Grass, ein Clown mehr oder weniger in der Medienlandschaft?
Was spielt denn das für eine Rolle, denkt sich einer, der die Medienlandschaft schon seit Jahrzehnten beobachtet.
Und aber klar doch: Ein Intellektueller ist immer nur derjenige, der ins je nachdem allgemein gültige "intellektuelle" Programm passt.
Da hat sich ja wohl auch nichts geändert seit Urzeiten.

Gast: Bärenfalle...
12.04.2012 06:37
2 0

Ablenkungsmanöver

Die Medien palavern lauthals über die Privatmeinung eines Grass und schweigen gleichzeitig zu wesentlich bedeutenderen Dingen.

Etwa dem Demokratieverlust und die Entmachtung der Wähler durch den ESM.

Aber wir berichten ja lieber über angebliche Wahlfälschungen Putins in irgendwelchen bedeutungslosen Gebirgsregionen *G*


...

das gedicht ist eigentlich eine persönliche meinung und stellungnahme von grass

ich verstehe nicht die enorme aufregung nach der lektüre.

ahja:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-76551143.html


Gast: Nujja
11.04.2012 22:50
3 5

Grass hat absolute Realitätsverlust.


Antworten Gast: EAK
12.04.2012 11:03
0 0

Re: Grass hat absolute Realitätsverlust.

Unter Realitätsverlust leiden meist einzelne Verbohrte, die zu schwach sind auf andere zuzugehen. Man kann das auch beschönigend als Betriebsblindheit bezeichnen, wenn es sich um die Führung von Firmen, von Gesellschaften handelt.

Gast: eschenbach
11.04.2012 20:53
3 1

selbstkritik?

zitat menasse: "... Der Intellektuelle kritisiert Herrschaft, er engagiert sich nicht für Herrschaft ..." demnach gibts in österreich aber nicht wirklich irgendeinen s.g. intellektuellen unter den s.g. künstlern, oder herr menasse???

Antworten Gast: Yep-
12.04.2012 11:28
2 0

Re: selbstkritik?

Seit Jahrzehnten sind in Österreich Herrschende von Intellektuellen nicht unterstützt worden, haben sich Intellektuelle nie angebiedert aus welchen Gründen auch immer, sind stets auf Distanz gegangen zur politischen Hot Volée.

2 1

Re: selbstkritik?

Seit seiner hingebungsvollen Jublerei für die EU ist Menasse jedenfalls für mich völlig irrelevant. Er soll ein Lob-Gedicht auf Israel schreiben und wie wichtig Kriegstreiberei für den Frieden im Nahen Osten ist.

Erich Loest noch ein Literat mit Fantasie und Mut

Ein nuklearer Angriff Israels auf Iran wäre ein Kriegsverbrechen mit schrecklichen Folgen“, schreibt der Schriftsteller in der"Leipziger Volkszeitung" wow, auf sowas muss man erst kommen... ich sage sogar, ein nuklearer Angriff Israels auf Wien, London, Berlin und St.Pölten wäre ein Kriegsverbrechen mit schrecklichen Folgen“ Habe ich recht? das muss doch ein mal gesagt werden!

Gast: schlÄchter
11.04.2012 18:21
0 5

sg herr menasse, sg herr haslinger!

herr menasse!
von mir ein +

etwas off-topic, aber ein mmn sehr elsenswerter link betreffend die "intellektuellen widerständler" aus einer etwas länger zurückliegenden innenpolitischen epoche (sie steigen übrigens mmn berechtigterweise recht gut aus...):
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-15737872.html

herr haslinger!
"Grass habe nämlich aufgezeigt, dass in Verhandlungen über die Beschränkung von Atomwaffen die israelischen Atomwaffen und ihr Beitrag zur Aufrüstung im Nahen Osten stets ausgespart würden."
jein.
israel hat zwar mit einem militärschlag (der mmn völlig sinnlos wäre, da er lt glaubwürdigen berichten selbst israelischer strategen das iranische atomprogramm nur zeitlich etwas verzögern könnte und gerade deswegen unkalkulierbare folgen hätte)
aber nie mit einem (präventiven) atomschlag gegen den iran gedroht. das hat günther grass völlig verkannt und israel unberechtigterweise unterstellt.
dass israel aufgrund seiner strategischen lage und überlebensnotwenigkeit defensive atomarbewaffnung hat-ist mmn anderst zu beurteilen - es ist eine logische,überlebensssichernde strategie, angesichts der sicherheitslage dieses stets bedrohten frontstaates.
wohl oder übel wird es eben im nahen osten eben zu einer atomaren bewaffnung mehrerer dortiger player kommen und wird sich israel und auch wir westler damit abfinden müssen.

mfg
s.

Re: sg herr menasse, sg herr haslinger!

haha, "künstler", intellektuelle" und "progressive"... man kann die apostrophe gar nicht dick genug machen.

danke für den artikel, war sehr aufschlussreich und unterhaltsam.

Meinung

Jetzt Kultur-Newsletter abonnieren

Die Meldungen des Tages aus den Bereichen Kunst und Kultur. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden