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Donna Leon: Die "Prima-Donna" von Venedig

02.06.2012 | 17:36 |  von Doris Kraus (Die Presse)

Seit 20 Jahren lässt Donna Leon Commissario Brunetti durch die Lagunenstadt streifen, mit ebenso viel Gewissen wie Grazie. Der jüngste Krimi, "Reiches Erbe", wird ihren Fans gefallen.

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Vielleicht mangelte es Donna Leon vor 20 Jahren an Selbstbewusstsein – obwohl man sich das nicht so recht vorstellen kann. Vielleicht war es aber auch einfach nur irgendein Titel, der einem Lektor einfiel. So oder so, ihr erster Roman rund um Commissario Guido Brunetti gab eine Prophezeiung ab, die falscher nicht hätte sein können: Denn „Venezianisches Finale“ war nicht das Ende, sondern der Anfang einer der erfolgreichsten Krimiserien der Gegenwart. Seit 1992 hat die in Venedig lebende Amerikanerin jedes Jahr einen neuen Brunetti auf den Markt gebracht, die Zahl ihrer Fans geht in die Millionen, ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt – außer ins Italienische. Das hat Donna Leon verboten, um erstens in ihrer Wahlheimat in Frieden leben zu können und zweitens die Italiener nicht mit der Kritik an ihrem Gastland zu brüskieren.

Der 20. Brunetti-Roman „Reiches Erbe“ ist gerade auf Deutsch erschienen. Für weiteren Nachschub ist gesorgt, der 21. Fall, „Beastly Things“, liegt bereits auf Englisch vor; und das Manuskript für den 22. Fall hat Donna Leon auch schon abgegeben. „Reiches Erbe“ wird den zahlreichen Fans der „Prima-Donna“ von Venedig gefallen. Sehr gut sogar. Denn der Roman hat alles, was das Phänomen Donna Leon ausmacht.

Es geht auch ohne Mord. Doch was genau ist es, das ihre Fans gierig zugreifen, viele erklärte Krimiliebhaber aber dankend abwinken lässt? Es mag daran liegen, dass Donna Leon zwar Krimis schreibt, den kriminellen Aspekt ihrer Bücher aber nicht immer sehr wichtig nimmt. Manche ihrer Romane kommen sogar ohne Mord aus, das höchste der Gefühle ist dann ein ungeplanter Totschlag. Donna Leon macht auch kein Geheimnis daraus, dass dieser Aspekt sie am wenigsten interessiert.

Viel wichtiger sind ihr – und ihrer Fangemeinde – andere Dinge: Das eine ist der Schauplatz, Venedig, in Donna Leons Romanen viel mehr als nur der Ort der Handlung. Die Stadt beansprucht selbstbewusst die wichtigste Nebenrolle. Sie steht für Schönheit, für Vergänglichkeit, für Reichtum, für Geschichte; getragen von unsichtbaren Stelzen, die vor sich hin rotten. Ein Sinnbild für die venezianische Gesellschaft, wie Donna Leon sie gerne kritisch schildert: Auch sie wird beherrscht von jenen, die oft seit Generationen Macht und Einfluss ausüben, gestützt auf ein unsichtbares Geflecht aus Beziehungen und Protektion.

Dem gegenüber steht Commissario Guido Brunetti, ein Held der alten Polizeischule, den Donna Leon seit 20 Jahren mit ebenso viel Grazie wie Gewissen durch die Lagunenstadt streifen lässt. Brunetti ist milde den Schwachen gegenüber (auch wenn ihre Weste, wie in „Reiches Erbe“, nicht immer ganz weiß ist), bei den Starken, den Arroganten schaltet der Sohn einer Arbeiterfamilie hingegen gerne auf stur. Brunetti ist Familienmensch und liebt Frau und Kinder abgöttisch. So was liest man gerne, da ist die Welt noch heil.

Als Vorbild für Brunetti soll ein Polizist gedient haben, den Leon einmal aus einem venezianischen Polizeiboot steigen sah. Gefragt, ob sie sich vorstellen könne, den Commissario jemals sterben zu lassen, schlug Donna Leon angeblich die Hände über dem Kopf zusammen: „Niemals, ich werde niemals etwas ändern.“

Wie ein gutes Kürbisrisotto. So haben die Leser die Garantie, dass auch in den nächsten 20 Brunetti-Romanen alles beim Alten bleiben wird: beim dümmlich-eitlen Vice-Questore Patta, bei der schlauen Signorina Elletra, dem aufrechten Sergente Vianello und der liebenswürdigen Brunetti-Familie, in deren Lebensmittelpunkt das gemeinsame Abendessen steht. Weshalb es bereits ein Kochbuch gibt, „Bei den Brunettis zu Gast“, woraus man auch Donna Leons Lieblingsspeise, Kürbisrisotto, nachkochen kann.

Und genau das macht wahrscheinlich den Reiz der Donna-Leon-Krimis aus. Sie sind wie ein perfekter Teller Kürbisrisotto. Wenn man das wieder und wieder macht, dann auch nicht deshalb, weil man eine kulinarische Überraschung erwartet. Sondern weil man damit einfach das perfekte Comfort Food gefunden hat.

Donna Leon - „Reiches Erbe. Commissario Brunettis zwanzigster Fall“. Übersetzt von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, 320 Seiten, 23,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2012)

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