Hört der schräge Albtraum nie auf? Oder ist er die eigentliche Wirklichkeit? „Das ist alles, woran ich mich erinnern werde. Ich wache auf und weiß nicht, wo ich bin“, lauten die ersten, leitmotivisch wiederkehrenden Zeilen in „X“, dem Auftaktband zur neuen Comic-Trilogie von Charles Burns. Der US-Comic-Künstler Burns ist nicht nur zeichnerisch unverwechselbar: harte Striche, schroffe Konturen, tiefschwarze Felder. Inhaltlich zieht es ihn auch immer wieder ins Abgründige: Als Fan der legendären „EC“-Horrorcomics der Fifties mit ihren tiefschwarzen moralischen Geschichten hat Burns ein natürliches Faible für verstörende Details und surrealen Witz, getragen von einer modernen Sensibilität. Er wird gern mit Filmregisseuren wie David Cronenberg und David Lynch verglichen.
Berühmt geworden ist Burns mit dem 2005 abgeschlossenen Comic-Roman „Black Hole“, an dem er über eine Dekade arbeitete: Die Erinnerung an seine Highschool-Zeit der frühen 1970er vermischte er mit dem Horror-Motiv einer geheimnisvollen Virusepidemie. Die Krankheit, „The Bug“, wird sexuell übertragen und löst individuelle Mutationen aus. Manche lassen sich verbergen, andere stigmatisieren: entsetzliche Beulen, Schwimmhäute, sogar ein zweiter Mund. Eine Gruppe infizierter Teens zieht in den Wald und baut ihre eigene Welt auf: Wiewohl erst oft als Aids-Metapher interpretiert, sind die Mutationen in „Black Hole“ eine allgemeinere Allegorie – das Erwachen der Sexualität, der Übergang von Adoleszenz zum Erwachsensein. Buchstäblich: die Krankheit der Jugend. Ist es eine Krankheit? Am Ende ist die Aussicht der Rückkehr in die „normale Welt“ vielleicht der größte Horror.
Rieseneier und Rasierklinge. Mit „X“ führt Burns diese Themenwelt als ungewöhnlichen Tribut weiter: Seine neue Trilogie spielt Ende der 1970er, ein verunsicherter junger Mann namens Doug steht im Zentrum. Er wacht auf und weiß nicht, wo er ist: Seine Katze – ist sie nicht seit Jahren tot? – führt ihn durch ein Loch in der Wand in eine seltsame Endzeitwelt, wo man sich unter anderem von gesprenkelten Rieseneiern ernährt, in denen sich merkwürdige Fötenwesen finden. Einige Seiten später erwacht Doug ein zweites Mal (und sieht etwas anders aus): Noch immer hat er einen unerklärten Kopfverband, seine Medikamente gehen aus, anhand von Polaroids will er rekonstruieren, was geschehen ist. Erinnerungen an seine Auftritte in Punk-Zirkeln mit (verhöhnten) Cut-Up-Vorträgen im Stile von William S. Burroughs. An den Vater, von der gescheiterten Ehe verbittert. An die Begegnung mit der stillen Sarah, die Bondage-Fotos von sich selbst macht, mit der Rasierklinge für Doug posiert und sich den Arm ritzt. Sarah hat am Dach des Punk-Lokals einen Schrein mit einem kleinen Schwein im Einmachglas aufgebaut und wird von einem (vorläufig unsichtbaren) Ex-Freund verfolgt.
Vor der Begegnung mit Sarah hat Doug eine Fantasie: Weiterzugehen als die „Möchtegern-Punks“ rundherum, in eine Zone, die „düster, faszinierend und neu“ ist. Jetzt weiß er nicht mehr: Hat er die Zone betreten? Auf Dougs Trip gehen die Ebenen unvermittelt und doch exakt ineinander über: Der Perfektionist Burns hat seinen Comic als genaue Serie von Echos in Bildern und Worten komponiert. Der Wahrnehmung ist nicht zu trauen – sie wirkt wie die frischen Polaroids, auf denen sich die Bilder erst entwickeln müssen. Aber die Unwirklichkeit hat Methode.
Die verdankt sich verblüffenderweise der Welt von Hergés „Tim und Struppi“, die Burns als Kind entdeckte. Das Cover von „X“ – Doug vor einem Riesenei – zitiert jenes von Hergés Band „Der geheimnisvolle Stern“. In der apokalyptischen Parallelwelt hat Doug das unverwechselbare Profil – Eierkopf und drei aufstehende Haarsträhnen – von Hergés Helden. Dessen Originalname Tintin inspiriert Dougs Performance-Künstlernamen: „Nitnit“.
Die verkehrte Welt von Burns ersteht erstmals in Farbe und im „Ligne claire“-Stil, ohne ihr Verstörungspotenzial einzubüßen. Die Lebendigkeit der sorgfältigen Farbpalette macht sie eher unheimlicher: Die Traumreisen in den bunten Bildgeschichten mögen kindlich wirken, aber sie führten immer schon in Zonen der unbewussten Angst, bereits seit den Anfängen, etwa Windsor McKays „Little Nemo“. Die Kunst von Burns liegt auch in der Verschränkung von Spezifischem – hier der Versuch, sich in der Punk-Ära zurechtzufinden, zwischen „Pissing in a River“ von Patti Smith und „Kill the Hippies“ von The Deadbeats – mit einem allgemeinen Unbehagen, unabhängig von Zeitgeist, Ikonen und Moden.
Unzureichende Erinnerung. Nach der langen Graphic Novel „Black Hole“ hat das knappere Albumformat von je 56 Seiten sichtlich die konzeptuelle Kreativität von Burns angestachelt: Auch Hergé führte Tintin-Abenteuer über in sich geschlossene Bände fort. Am Ende von „X“ weiß Doug noch immer nicht, wo er ist und erinnert sich nur unzureichend. Aber ein erster Kreis hat sich geschlossen. Der zweite Band „Die Kolonie“ ist noch vor der US-Veröffentlichung gerade auf Deutsch erschienen, wieder beim Comic-Verlag Reprodukt. Der Abschluss der Trilogie folgt 2013.
Charles Burns gilt als einer der führenden US-Comic-Autoren. Er wurde 1955 in Washington geboren, lebte als Teenager in Seattle, wo er in den 1980ern das Fanzine des Grunge-Labels Sub Pop illustrierte. Daneben erregte Burns als Comic-Autor im wichtigen Underground-Magazin „RAW“ Aufsehen. Berühmt wurde Burns mit der Graphic Novel „Black Hole“ (1995–2005) über virusinfizierte Teenager. Die langwierige Kreation seiner Comics finanziert er als Illustrator, etwa von Platten (Iggy Pops „Brick by Brick“) und Werbung (Coca-Cola).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)
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