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Viola di Grado: Das tote Leben in Leeds

16.06.2012 | 17:55 |  Von Duygu Özkan (Die Presse)

In ihrem Debütroman platziert die junge Italienerin Viola di Grado ihre Protagonistin in einen Sumpf voller Melancholie. Ihr Umgang mit der Sprache ist beeindruckend.

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Wer den Vorplatz zur Hölle sucht, wird in Leeds fündig. Hier, in Nordengland, schneit es ununterbrochen, ist immer Dezember, zu jeder Tages- und Nachtzeit kalt und dunkel und die Lebenden bereits tot, „so wie manche Lebensmittel schon das Verfallsdatum überschritten haben, bevor man sie überhaupt aufmacht“. Leeds ist ein „eiterndes Muttermal“, das gescheiterte Existenzen zerkaut und ausspuckt. Zumindest für Camelia Mega ist die Stadt, in der sie lebt, nicht mehr als ein dunkles und feuchtes Verlies.

Vor drei Jahren verunglückten ihr Vater und seine heimliche Affäre bei einem Autounfall. Die Bluse der Geliebten war noch aufgeknöpft, stellt sich Camelia vor, gleich nach dem Liebesspiel in die Grube und dann in den Himmel. Und seitdem ist für sie nichts mehr so, wie es war. Eigentlich wollte die 19-Jährige Chinesisch studieren, zieht aber nach dem Unfall wieder zu ihrer Mutter, die beschlossen hat, nicht mehr zu sprechen, sich nicht mehr zu waschen und nicht mehr am Leben teilzunehmen. Stattdessen sitzt die einst schöne Flötistin abgemagert und verwahrlost auf dem Boden, fotografiert mit der Polaroidkamera Löcher und Ritzen und quält den Papagei, indem sie ihn zwischen ihre Knie quetscht.

Insgesamt schlechte Welt. Camelia und ihre Mutter kommunizieren mit Blicken, denn auch die Tochter spricht nicht. Sie haben weder eine Uhr zu Hause, noch orientieren sie sich an den Wochentagen oder Monaten (es ist ohnehin immer nur Dezember). Viola di Grados Heldinnen in ihrem Debütroman „Siebzig Acryl, dreißig Wolle“ sind also zwei traurige, emotional kaputte Gestalten in einer insgesamt schlechten Welt.

Es mag zynisch klingen, aber das ist der Stoff, aus dem Erfolgsgeschichten sind. Die 25-jährige Italienerin di Grado hat sich mit ihrem Erstlingswerk in die vorderste Reihe katapultiert. Im vergangenen Jahr wurde ihr der italienische „Premio Campiello“-Literaturpreis verliehen, das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt und liegt nun auf Deutsch vor. Mit Camelia hat di Grado mehreres gemeinsam. Sie kommen aus Italien, leben in England, beide studier(t)en Chinesisch.

Di Grados Buch ist wortgewaltig, streckenweise wird der Leser von der Bildsprache förmlich erdrückt. Der Schreibstil ist an manchen Stellen rotzfrech, an anderen naiv, aber die meiste Zeit herrlich schön. Der Umgang mit der Sprache ist es auch, der di Grado von Camelia unterscheidet. Letztere sammelt die Wörter nämlich nicht, sie spuckt sie ab dem Tag aus, an dem sie beschließt, das Schweigen zu brechen. Camelia kotzt die As, die Es, das ganze Alphabet sprudelt orientierungslos aus ihr heraus, während ihre Mutter standhaft stumm bleibt. Camelias zaghafter Weg zurück in die Lebendigkeit beginnt in einem, wie sie beschreibt, schwachen Moment: „Doch das Leben ist wie Wasser, es gelang ihm sogar, in jenen winzigen Riss einzudringen, den ich der Welt zugestand, indem ich den kleinen Spaziergang zum Videoladen wagte.“

An der Bushaltestelle trifft sie Wen, einen Chinesen, der in einem Textilgeschäft arbeitet und Camelia anbietet, mit ihr Chinesisch zu lernen. Alsbald entwickelt Camelia so etwas wie Ehrgeiz, sie verliebt sich in Wen, schläft aber mit seinem Bruder Jimmy, ein Gefühlschaos beginnt, während ihre Mutter tatsächlich aus dem Haus geht, um im Park ein Foto zu machen. Leicht ist der Weg zurück in das Leben trotz allem nicht.

Viola di Grado: Siebzig Acryl, dreißig Wolle. Übersetzt von: Judith Schwaab. Luchterhand, 256 Seiten, 15,50 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)

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