Und, wie halten Sie es mit der Political Correctness? Gehören Sie zu jenen, die noch heiter „Neger“ sagen, weil Sie einen Schwarzen kennen, der es Ihnen erlaubt hat? Oder gehören Sie zum ganz anderen Lager, in dem der „Mohr im Hemd“, wenn schon, denn schon, mit zwei „o“ geschrieben wird und der Begriff „Schwarzfahren“ bereits eine Beleidigung vorstellt? Zwischen diesen – extremen – Polen bewegt sich ein lebhaft geführter gesellschaftlicher Diskurs, oder soll man sagen: eine immer wieder entgleisende Auseinandersetzung, bei der die einen laut „Tugendterror!“ rufen und die anderen genauso laut „Respekt!“.
In diese Debatte haben sich nun Matthias Dusini, Kunstkritiker des „Falter“, und Thomas Edlinger (u. a. bei FM4 und Ö1 sowie Kunstkurator) eingemischt, mit einem Essay, der den Titel „In Anführungszeichen“ trägt – und um Missverständnissen gleich vorzubeugen: All jene, die sich eine amüsant-süffisante Attacke gegen den gar nicht so neuen Trend der PC erwarten, vielleicht noch zur Auflockerung hübsch fein garniert mit besonders absurden Beispielen, der mag zu einem anderen Band greifen. Denn Dusini und Edlinger haben mitnichten vor, sich in den Kreis derer einzureihen, die beim bei der Erwähnung des Wortes „PC“ gleich in höhnisches Gelächter ausbrechen: „Vertically challenged“, entdecken sie uns etwa, sei keineswegs (wie von Sloterdijk behauptet) eine Wortfindung amerikanischer Korrekter zur Umschreibung klein gewachsener Menschen. Sondern ein Witz: Er stammt aus dem satirischen „Offiziellen Handbuch und Lexikon des Politisch Korrekten“.
Wehleidiger Sarrazin
Wie ja auch oft gern vergessen wird, dass nicht von der „Meinungsdiktatur“ entnervte Publizisten diesen Begriff erfunden haben, sondern dass er von Linken selbst ins Spiel gebracht wurde. Selbstironisch übrigens. Was sich mit dem Befund, die „politisch Korrekten“ verstünden keinen Spaß, durchaus nicht deckt.
Wer nun aber meint, Dusini und Edlinger würden PC als Ausdruck von gutem Benehmen und Feinfühligkeit würdigen und ihre Argumente gegen all jene in Stellung bringen, die sich vom Binnen-I genervt und vom Rauchverbot bevormundet fühlen, wird ebenfalls enttäuscht sein: Die beiden wagen stattdessen eine soziologisch, literarisch, auch psychoanalytisch unterfütterte Studie über den „politisch korrekten Menschen“ – und ihre erste Diagnose ist: Er ist wehleidig.
Wobei sie betonen, dass es natürlich Menschen gibt, die tatsächlich leiden. Darum geht es ihnen nicht: Sondern um einen Diskurs, der sicherheitshalber alles unter Anführungszeichen setzt, der nicht die Täter stellt, sondern immer mehr gefühlte „Opfer“ produziert. Wer als Opfer gelte, sei klar im Vorteil, das Opfer ist „gut“, ja es hat gut zu sein, weil es schwach ist – und es hat schwach zu bleiben, um den Diskurs nicht zu stören (im Übrigen lässt sich so ganz gut der sogenannte linke Antisemitismus erklären). „Der Opferbegriff leidet unter galoppierender Inflation“, diagnostizieren Edlinger/Dusini. So weit gehe diese Inflation, dass am Ende ein jeder unter den „Verhältnissen“ und dem „System“ leidet.
Im Übrigen auch – hier wird die Sache charmant – die Gegner der Political Correctness. Sie stehen in Wehleidigkeit den „Korrekten“ oft in nichts nach. Sind Strache und seine Leute die neuen Juden? Wurde Grass ein Maulkorb verpasst, sodass er gerade noch mit „letzter Tinte“ ein paar Zeilen über den Unrechtsstaat Israel zu Papier brachte? Wird Sarrazin unterdrückt? Hier werden Dusini und Edlinger dann auch polemisch: „Seine mediale Ausgrenzung bringt er in marginalen Gegenöffentlichkeiten wie der „Bild“-Zeitung, den bürgerlichen Großfeuilletons und zahlreichen TV-Shows flächendeckend zum Ausdruck.“
Im zweiten Teil des Bandes beschäftigen sich Dusini und Edlinger mit der psychischen Verfasstheit einer Gesellschaft, die statt eines strengen Über-Ichs von einem nicht minder strengen Ich-Ideal beherrscht wird. Wo äußere Normen fehlen, begibt sich der Einzelne auf die Suche nach dem „perfekten“ Leben – und gerät in Stress. In jeder Lebensäußerung kann der Mensch „fehlen“, sich selbst nicht genügen, die Welt ist voller Obst, das nicht „fair trade“ ist, voller Lieder aus der Kindheit, die man nicht mehr singen darf. Entlastung versprechen dann Komiker wie Ali G oder – früher – Harald Schmidt.
Ach ja: Wer sich amüsieren will, dem sei das Glossar empfohlen, in dem sich die Autoren kreativ austoben, oft auch Stellung beziehen, denn die Debatte über PC lässt sich dann doch nicht führen, ohne ein klein wenig den eigenen Standpunkt zu politisch korrektem Denken und Handeln einfließen zu lassen. In so manchem knappen Eintrag bringen sie das Dilemma auf den Punkt: „Atomstrom: billig, aber böse. Bzw. nur billig, solange nichts in die Luft fliegt. Bzw. nur böse, solange man nicht von CO2 spricht.“ Oder anders gesagt: Was politisch korrekt war, entscheidet die Nachwelt.
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