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„Political Correctness“: Warum wir uns alle als Opfer fühlen

19.06.2012 | 17:19 |  Von Bettina Steiner (Die Presse)

„Der Opferbegriff leidet unter galoppierender Inflation“, diagnostizieren Dusini und Edlinger in ihrem soeben bei Suhrkamp erschienenen Essay „In Anführungszeichen“. Am Ende leidet ein jeder unter dem „System“.

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Und, wie halten Sie es mit der Political Correctness? Gehören Sie zu jenen, die noch heiter „Neger“ sagen, weil Sie einen Schwarzen kennen, der es Ihnen erlaubt hat? Oder gehören Sie zum ganz anderen Lager, in dem der „Mohr im Hemd“, wenn schon, denn schon, mit zwei „o“ geschrieben wird und der Begriff „Schwarzfahren“ bereits eine Beleidigung vorstellt? Zwischen diesen – extremen – Polen bewegt sich ein lebhaft geführter gesellschaftlicher Diskurs, oder soll man sagen: eine immer wieder entgleisende Auseinandersetzung, bei der die einen laut „Tugendterror!“ rufen und die anderen genauso laut „Respekt!“.

In diese Debatte haben sich nun Matthias Dusini, Kunstkritiker des „Falter“, und Thomas Edlinger (u. a. bei FM4 und Ö1 sowie Kunstkurator) eingemischt, mit einem Essay, der den Titel „In Anführungszeichen“ trägt – und um Missverständnissen gleich vorzubeugen: All jene, die sich eine amüsant-süffisante Attacke gegen den gar nicht so neuen Trend der PC erwarten, vielleicht noch zur Auflockerung hübsch fein garniert mit besonders absurden Beispielen, der mag zu einem anderen Band greifen. Denn Dusini und Edlinger haben mitnichten vor, sich in den Kreis derer einzureihen, die beim bei der Erwähnung des Wortes „PC“ gleich in höhnisches Gelächter ausbrechen: „Vertically challenged“, entdecken sie uns etwa, sei keineswegs (wie von Sloterdijk behauptet) eine Wortfindung amerikanischer Korrekter zur Umschreibung klein gewachsener Menschen. Sondern ein Witz: Er stammt aus dem satirischen „Offiziellen Handbuch und Lexikon des Politisch Korrekten“.

Wehleidiger Sarrazin

Wie ja auch oft gern vergessen wird, dass nicht von der „Meinungsdiktatur“ entnervte Publizisten diesen Begriff erfunden haben, sondern dass er von Linken selbst ins Spiel gebracht wurde. Selbstironisch übrigens. Was sich mit dem Befund, die „politisch Korrekten“ verstünden keinen Spaß, durchaus nicht deckt.

Wer nun aber meint, Dusini und Edlinger würden PC als Ausdruck von gutem Benehmen und Feinfühligkeit würdigen und ihre Argumente gegen all jene in Stellung bringen, die sich vom Binnen-I genervt und vom Rauchverbot bevormundet fühlen, wird ebenfalls enttäuscht sein: Die beiden wagen stattdessen eine soziologisch, literarisch, auch psychoanalytisch unterfütterte Studie über den „politisch korrekten Menschen“ – und ihre erste Diagnose ist: Er ist wehleidig.

Wobei sie betonen, dass es natürlich Menschen gibt, die tatsächlich leiden. Darum geht es ihnen nicht: Sondern um einen Diskurs, der sicherheitshalber alles unter Anführungszeichen setzt, der nicht die Täter stellt, sondern immer mehr gefühlte „Opfer“ produziert. Wer als Opfer gelte, sei klar im Vorteil, das Opfer ist „gut“, ja es hat gut zu sein, weil es schwach ist – und es hat schwach zu bleiben, um den Diskurs nicht zu stören (im Übrigen lässt sich so ganz gut der sogenannte linke Antisemitismus erklären). „Der Opferbegriff leidet unter galoppierender Inflation“, diagnostizieren Edlinger/Dusini. So weit gehe diese Inflation, dass am Ende ein jeder unter den „Verhältnissen“ und dem „System“ leidet.
Im Übrigen auch – hier wird die Sache charmant – die Gegner der Political Correctness. Sie stehen in Wehleidigkeit den „Korrekten“ oft in nichts nach. Sind Strache und seine Leute die neuen Juden? Wurde Grass ein Maulkorb verpasst, sodass er gerade noch mit „letzter Tinte“ ein paar Zeilen über den Unrechtsstaat Israel zu Papier brachte? Wird Sarrazin unterdrückt? Hier werden Dusini und Edlinger dann auch polemisch: „Seine mediale Ausgrenzung bringt er in marginalen Gegenöffentlichkeiten wie der „Bild“-Zeitung, den bürgerlichen Großfeuilletons und zahlreichen TV-Shows flächendeckend zum Ausdruck.“

Im zweiten Teil des Bandes beschäftigen sich Dusini und Edlinger mit der psychischen Verfasstheit einer Gesellschaft, die statt eines strengen Über-Ichs von einem nicht minder strengen Ich-Ideal beherrscht wird. Wo äußere Normen fehlen, begibt sich der Einzelne auf die Suche nach dem „perfekten“ Leben – und gerät in Stress. In jeder Lebensäußerung kann der Mensch „fehlen“, sich selbst nicht genügen, die Welt ist voller Obst, das nicht „fair trade“ ist, voller Lieder aus der Kindheit, die man nicht mehr singen darf. Entlastung versprechen dann Komiker wie Ali G oder – früher – Harald Schmidt.

Ach ja: Wer sich amüsieren will, dem sei das Glossar empfohlen, in dem sich die Autoren kreativ austoben, oft auch Stellung beziehen, denn die Debatte über PC lässt sich dann doch nicht führen, ohne ein klein wenig den eigenen Standpunkt zu politisch korrektem Denken und Handeln einfließen zu lassen. In so manchem knappen Eintrag bringen sie das Dilemma auf den Punkt: „Atomstrom: billig, aber böse. Bzw. nur billig, solange nichts in die Luft fliegt. Bzw. nur böse, solange man nicht von CO2 spricht.“ Oder anders gesagt: Was politisch korrekt war, entscheidet die Nachwelt.

Auf einen Blick
Der Essay „In Anführungszeichen“, mit dem Untertitel „Glanz und Elend der Political Correctness“, ist soeben im Suhrkamp-Verlag erschienen (297 Seiten/16 Euro). Die Autoren: Matthias Dusini ist Kunstkritiker und Redakteur der Wiener Stadtzeitung „Falter“, Thomas Edlinger ist Kurator und gestaltet Sendungen für FM4 und Ö1.

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32 Kommentare
 
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Die Wahrheit ist:

Political correctness is poitically incorrect.

Danke für die Rezension

die mich davor bewahrt hat, das Buch versehentlich zu lesen.

Antworten Gast: ahaa
21.06.2012 20:11
0 1

Re: Danke für die Rezension

Weil Sie sich angesprochen fühlten6uy?

Ganz gute Werbung...

...allerdings nicht als solche gekennzeichnet.

Meinungsdiktatur

kann jeder fast täglich erleben, wenn er in der Presse posten möchte. Was genau "politisch inkorrekt" ist, wird nach Lust und Laune des Zensors ausgelegt.

Gast: gert3344
20.06.2012 09:07
12 3

das kommt von den vielen soziologen und psychologen

all diese leute brauchen jobs und die bekommen sie von rot grün, wir alle müssen bezahlen für diese hetze gegen alles und jeden

Antworten Gast: Frommer Gast
20.06.2012 16:05
3 1

Re: das kommt von den vielen soziologen und psychologen

Wer hetzt da jetzt in diesem Posting - konkret nicht gegen alles und jeden, sondern gegen die vielen Soziologen und Psychologen und gegen rot und grün ...?

Kunstkritiker des „Falter“, FM4 und Ö1 sowie Kunstkurator

Vielleicht bin ich ja vorurteilsbehaftet, aber der Verweis auf die Funktionen der Autoren stellt vorweg schon klar, dass es sich bei dem Text nicht um eine besonders scharfe Kritik der Political Correctness handeln sollte. Political Correctness ist vor allem innere Selbstzensur des Denkens und Tyrannei gegen das Denken. So manche "Qualitätszeitung" treibt dieses Gehaben auf die Spitze. Womit ich DIE PRESSE jetzt ausdrücklich nicht meine! sondern ein Konkurrenzblatt, das meint stolz auf seine intellektuellen Leistungen sein zu dürfen.

Political Correctness

Ist nichts anderes als die Bigotterieprothese ehemaliger Kerzerlschlucker. Wo die Oma und die Eltern an jeder Ecke Unsittlichkeit und Gottlosigkeit fanden, regen sich die Kinder und Enkerln halt über Sexismus und Rassismus auf. Beide gingen und gehen dem Gros der Menschen damit unsäglich auf die Nerven und beide richten gesellschaftliche Katastrophen aus, wenn man ihnen nicht adäquat drüberfährt.

Re: Political Correctness

Grossartiger Vergleich, Danke! Den borge ich mir für zukünftige Diskussionen aus, wenn es gestattet ist!

0 0

Re: Re: Political Correctness

Unsittlichkeit und Gottlosigkeit sind absolut nicht äquivalent mit Sexismus und Rassismus! Was für eine gesellschaftliche Katastrophe wenn man keine Fremden mehr hassen und Frauen diskriminieren kann, da muss man wirklich ordentlich drüberfahren!

Political Correctness...

...stört vor allem jene, die gar kein Interesse an gegenseitigem Respekt haben. Ungezogene Flegel, die sich selbst darin gefallen, persönliche Grenzen anderer zu überschreiten, brauchen sich nicht darüber aufregen, wenn ihnen ähnliches entgegenschlägt.

Bestes Beispiel dafür: die FPÖ.
Scheren sich einen Dreck um gesellschaftliche Konventionen, bemühen sich nicht einmal ansatzweise einen respektvollen Umgang zu pflegen und wenn ihnen selbige Unfreundlichkeiten entgegenschlagen, fühlen sie sich ausgegrenzt und sehen sich als Opfer der Jagdgesellschaft.
In Wahrheit ziemlich wehleidige Gestalten.

Antworten Gast: Jassu65
20.06.2012 09:29
15 3

Re: Political Correctness...

Verordneter Respekt ist keiner. Den kann man sich nur verdienen.

Antworten Antworten Gast: Frommer Gast
20.06.2012 16:09
2 0

Re: Re: Political Correctness...

Gegenseitiger Respekt gehört zur Grundausstattung zivilisierter Menschen im Umgang miteinander.
Und gerade am Respekt gegenüber solchen, die einem fremd oder unsympathisch sind zeigt sich der Grad der Zivilisation.

"Respekt muß man sich verdienen"

Das ist eben die Frage, wie man durchs Leben geht; kann jeder handhaben wie er will. Bei mir ists eher so, dass Leute einen Respekt-Vorschuß bekommen.

Antworten Gast: Dreibogengleichdick
20.06.2012 08:46
9 4

Wie böse die FP doch nicht ist!

Ihr weinerliches Gestammel erheitert mich, danke!

Antworten Antworten Gast: waahwaah
21.06.2012 20:14
0 0

Re: Wie böse die FP doch nicht ist!

Sie erheitern nicht nur mich, sondern uns alle!

Re: Wie böse die FP doch nicht ist!

schnief
http://tiny.cc/bm86fw

Gast: Erwin P.
19.06.2012 23:32
7 29

Gerade die ärgsten Täter geben sich gerne als empörtes Opfer.


Bestes Beispiel: H.C. Strache und die Politriege der FP-Gauner.

5 23

Obwohl ich die Codesprache mittlerweile kenne

sowie das Verhalten der Totalitaristen wurde mir nach einem Vorfall heute wieder anschaulich bewusst, wie weit sich der alltägliche Rassismus in meinem Unterbewusstsein festgefressen hat.
Als ich schließlich ein wenig Abstand vom Geschehnis hatte wurde mir das schlagartig klar und ich war entsetzt.


Opfer-Rallye

Die Opfer-Rallye, die jedem offen steht, außer jenen, die dafür auch noch bezahlen dürfen (i.A. arbeitende, weiße, heterosexuelle Männer), wird erst dann aufhören, wenn wir uns von der vorherrschenden Vollkasko-Mentalität verabschieden und Eigenverantwortung fördern und fordern.

Re: Opfer-Rallye

der Weise Mann also ;)

Re: Re: Opfer-Rallye

Ich bezahle auch Ihre Sozialhilfe.

Antworten Antworten Antworten Gast: Frontschwein (pic)
20.06.2012 16:36
3 0

Re: Re: Re: Opfer-Rallye

Aber, aber, in einem Land der Hand aufhaltenden Sozialleistungsforderer ist es politisch völlig unkorrekt darauf hinzuweisen ein Finanzier derselben zu sein!

Im Übrigen ist (pic) nicht ein falsch geschriebenes englisches Schwein, sondern meine Einstellung zum gegenständlichen Thema.

Gast: EFF EFF
19.06.2012 22:03
22 6

Lecks mich doch am Arsch.

Im Internet gab's mal die free speach campaign (blue ribbon campaign). Die wurde durch eine Schwulenkampagne überlagert, genauso wie viele andere gesellschaftlich relevante Kampagnen durch Schwulenkampagnen professionell mit massiver Öffentlichkeitsbearbeitung überlagert worden sind, sobald sie drohten allgemein bekannt zu werden.

Antworten Gast: listeninenglishclass
21.06.2012 20:16
0 0

Re: Lecks mich doch am Arsch.

You mean 'free speech', or?

 
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