Der britische Comedian Jimmy Carr (39) hat seit kurzem einen neuen, nicht ganz druckreifen Witz im Programm: „Du weißt, dass du ein richtiger A... bist, wenn der Premierminister wegen dir einen G20-Gipfel unterbricht. Er sagte zu Obama: Entschuldige, aber ich muss mich schnell um was kümmern; Jimmy Carr ist ein verf****** A****.“
Abgesehen von den Schimpfwörtern gibt der Komödiant, den die Briten für seine bissigen „Oneliner“ (Einzeiler) lieben und der sich politisch höchst unkorrekt gerne über Kinder mit Downsyndrom, Zigeuner und Schwule lustig macht, mit diesem eher müden Scherz die Wirklichkeit wieder. Denn seit die „Times“ aufdeckte, dass Carr dank eines (allerdings legalen) Steuerschlupfloches Millionen Pfund am Fiskus vorbeigeschmuggelt hat, steht der blasse Mann, der meist im Anzug auftritt und rein optisch auch als Finanzbeamter durchgehen würde, in seiner Heimat am Pranger. Sogar Regierungschef David Cameron mischte sich aus dem fernen Mexiko per Statement in die Fernsehkameras ein: Was Carr sich da steuertechnisch leiste sei „moralisch abstoßend“ und „unrecht“.
Dabei ist Carr längst nicht der einzige Multimillionär, der mithilfe kreativer Finanzberater Steuern spart: Nach Hochrechnungen des britischen Finanzministeriums gingen dem Staat 2010 etwa 45 Mrd. Pfund verloren – mindestens 10 Mrd. davon ganz legal, weshalb es im britischen Sprachgebrauch auch die feine Unterscheidung zwischen „Steuerhinterziehung“ („tax evasion“ und illegal) und „Steuervermeidung“ („tax avoidance“) gibt.
Doch anders als bei weiteren „Steuervermeidern“ die von der „Times“ geoutet wurden – darunter ein Hedgefonds-Manager und Tory-Unterstützter, mehrere Manager, ein Professor und sogar ein Staatsanwalt – hängt die Messlatte bei Künstlern offenbar höher. Zumal Carr, der mit seinen Scherzen auch den moralischen Kompass seiner Landsleute neu ausrichten will, mit einem seiner Sketche die Vorlage für Häme lieferte: Im Februar 2011 hatte er sich über den „Steuerbetrug“ von Barclays Bank lustig gemacht, die mithilfe des „größten Teams an amoralischen und blutdürstigen Steueranwälten der Welt“ ihre Steuerzahlungen auf nur 1 Prozent gesenkt habe – so wenig wie laut „Times“ auch Carr bezahlte. Auf YouTube war der Barclays-Scherz dieser Tage einer von Carrs meistgeklickten Hits.
Öffentliche Steuererklärungen
Spätestens seit dem Spesenskandal 2009, der die politische Klasse in Westminster nachhaltig in Misskredit brachte, wird in den britischen Medien und der Öffentlichkeit die bis dahin verbreitete Kultur des „Entitlement“, des „Anspruchdenkens“, hinterfragt. Zumal in diesen Zeiten britischer Austerität und Rezession der Sozialneid Konjunktur hat – egal ob es dabei um Banker-Boni in Millionenhöhe oder das angebliche Schmarotzertum von Sozialhilfeempfänger geht: Laut einer aktuellen „YouGov“-Umfrage finden es 74 Prozent der Briten deshalb ganz richtig, dass Premier Cameron den Wohlfahrtsstaat reformieren und beispielsweise das Wohngeld für alleinerziehende Eltern mit mehr als drei Kindern drastisch kürzen will. Steuerhinterziehung – egal ob legal oder nicht – wird nicht mehr als bloßes Kavaliersdelikt akzeptiert. Vor allem Politiker werden genötigt, ihre Steuererklärungen zu veröffentlichen – tun sie es nicht, stehen sie unter Generalverdacht. Und werden sie bei allzu kreativer Buchführung erwischt, sind die Strafe nicht nur ein paar Negativschlagzeilen. Ein Grund für die jüngste Wahlniederlage von Ken Livingstone für das Amt des Londoner Oberbürgermeisters waren dessen Steuermauscheleien: „Scheinheilig“ war die Hauptkritik vieler Wähler an dem Labour-Kandidaten, der sich zuvor noch über die Steuermodelle der Superreichen mokiert hatte.
„Take That“ fand Schlupflöcher
Mit seiner Attacke auf Carr wollte Cameron diesen Zeitgeist wohl instinktiv ausnützen. Als Parteichef war er schließlich einst angetreten, um seinen Tories den Ruch der eiskalten Thatcherianer zu nehmen und ihnen stattdessen das Image der „compassionate conservatives“, der Konservativen mit Herz, zu verpassen. Doch viele Briten sehen in dem Eton-Absolventen vor allem den Vertreter einer privilegierten Elite, der sich im Kabinett mit gleichgesinnten „Posh Boys“ („vornehmen Jungs“) umgeben hat, am Wochenende wie ein Landadeliger lebt und von den Sorgen seiner Landsleute keine Ahnung hat. Nicht einmal seine Empörung über den „moralisch verwerflichen“ Steuervermeider (und Labour-Anhänger) Carr mögen ihm viele abnehmen – denn wie vor allem die linken britischen Medien genüsslich vermeldeten, taxiert der Premier offenbar mit zweierlei Maß. So wollte Cameron die Steuerzahlungen des Popmusikers Gary Barlow nicht kommentieren. Dabei hatte der „Take-That“-Sänger, der vor zwei Jahren noch für Cameron Wahlkampf machte, ganz ähnliche Schlupflöcher genutzt.
Barlow, der kürzlich das Popkonzert zum 60. Thronjubiläum der Queen organisierte und dafür einen Orden bekam, äußerte sich bislang nicht zu den Vorwürfen. Anders als Carr: Der entschuldigt sich derzeit bei seinen Auftritten immer wieder für sein steuerliches Fehlverhalten. Den Barclay-Witz spielt er schon lange nicht mehr.
Die „Times“ geht seit Tagen den Steuervermeidungspraktiken verschiedener Berufsgruppen nach – den Anfang machten die Künstler, darunter Jimmy Carr und der Take-That-Sänger Gary Barlow. Die öffentliche Entschuldigung Carrs rückte das Blatt sogar auf Seite eins: Er werde sich in Hinkunft verantwortlicher verhalten, erklärte der Komödiant.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2012)

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