Es ist ein kleines Teufelchen und es sitzt auf des Karikaturisten rechter Schulter: „Was machst du denn da?“, fragt es. „Ach“, meint der: „Ich habe gerade Game of Thrones fertiggelesen und ich schau nach, ob die Serie auf Netflix zu sehen ist.“
Netflix ist eine der beliebtesten legalen Streaming-Dienste in den USA – aber in diesem Fall kann Netflix nicht weiterhelfen. „Warum nicht raubkopieren?“, flüstert das Teufelchen. Aber da taucht auf der linken Schulter prompt ein Engelchen auf und hat gute Argumente: Es sei leicht, illegale Downloads vor sich zu rechtfertigen, wenn man nur an einen CEO mit vollen Taschen denkt. Aber da gebe es doch auch noch die Autoren der Serie. Kreative Individuen! Die wollen auch bezahlt werden. Die müssen auch von etwas leben.
Legal „nicht verfügbar“
Was soll man sagen: Diesmal siegt das Teufelchen. Nicht, weil der Karikaturist Matthew Inman halsstarrig wäre und/oder wie manche Piraten der wunderlichen Meinung, Raubkopieren sei kein Diebstahl, weil ja beim Download nichts weggenommen werde, sondern im Gegenteil sogar etwas entstehe. Nein, er findet einfach keine legale Möglichkeit, die Serie zu sehen: weder auf Netflix noch auf iTunes noch auf Amazon noch auf Hulu, einem anderen in den USA verfügbaren Dienst. Und nur wegen einer Serie gleich den Bezahlsender HBO abonnieren? Das will er dann doch nicht.
Viel ist geschrieben worden über den Jugendlichen mit der schmalen Geldbörse, der sich legalen Stoff nicht kaufen kann oder will. Oft wurde gewarnt, dass hier eine Generation „Gratiskultur“ heranwächst, die nicht mehr versteht, dass die Entwicklung von „Content“ eine Menge Geld und eine Menge Zeit kostet und dass diese Zeit und dieses Geld auf Dauer nur aufgebracht werden, wenn es auch weiterhin Konsumenten gibt, die dafür bezahlen.
Es könnte sich allerdings herausstellen, dass die Frage „gratis“ oder „kostenpflichtig“ gar nicht das eigentliche Problem darstellt. Für Apps zahlen Jugendliche schließlich auch. Vor allem kleine Beträge geben sie so oft und gerne aus – zusammengerechnet ergibt das zum Teil ganz hübsche Sümmchen. Vor allem aber: Jugendliche werden älter. Irgendwann haben sie nicht nur ihr Taschengeld, sondern ein ganzes Einkommen zur Verfügung. Zahlreich sind die Büchernarren, die mit Anfang 20 das eine oder andere Taschenbuch haben mitgehen lassen. Später sind eben diese die besten Kunden.
Nein, es geht nicht nur um den Faktor Geld. Es geht auch um Zeit, und eben darauf weist Matthew Inmans Karikatur hin: Ob bezahlt oder gratis, was junge Konsumenten in jedem Fall verlangen – und auch später noch verlangen werden, wenn ihnen 19 Euro für eine Staffel „Mad Men“ oder „Breaking Bad“ nicht mehr weh tun: Dass sie nicht warten müssen. Sie sind aufgewachsen in einer Welt, in der jeder Einzelne jederzeit zur Verfügung stehen muss, sie sind – spielerisch – trainiert darauf, ständig online zu sein, auch trainiert, rasch auf Moden und Entwicklungen zu reagieren. Darüber kann man lamentieren, man kann beklagen, dass die Schnelligkeit, mit der Informationen „umgewälzt“ werden, die Rasanz, mit der Trends wechseln, uns nicht gut tut, uns überfordert.
Tatsache ist: Die Gesellschaft erwarten prompte Reaktionen. Ist es da zu viel, im Gegenzug prompte Informationen zu erwarten? Und das bedeutet nicht, ein Jahr zu warten, bis endlich die DVD auf den Markt kommt.
Das ist natürlich nicht nur ein Jugendphänomen: Jeder Besitzer eines Smartphones weiß, wie rasch man sich daran gewöhnt, auf der Stelle nachschauen zu können: Woher das Wort „Dinghi“ wirklich stammt, ob die Schlange da im Gebüsch giftig ist, ob das Café Prückl schon offen hat, wann der nächste Zug nach Innsbruck abfährt.
Wenn man es so betrachtet, verschieben sich die Fronten: Sollte der Faktor Zeit wichtiger sein als der Faktor Geld, dann stehen nicht mehr Künstler und Piraten einander unversöhnlich gegenüber, wie das zuletzt der Fall schien. Da erregten – in Österreich genauso wie in Deutschland – Autoren, Musiker, Filmemacher und andere Aufsehen mit Manifesten gegen die „Gratiskultur im Netz“ – und bewiesen dabei auch oft, dass sie oft wenig Ahnung haben vom Kulturwandel, der im Moment passiert. Von der anderen Seite wurden sie dafür wütend attackiert: Dabei zeigten sich Piraten und Digital Natives, also jene, die mit und im Netz aufgewachsen sind, genauso unkundig, wenn es um die Strukturen der Film- und Musikbranche und des Verlagswesens geht. Nur wenige erinnerten daran, dass an den Frontverläufen etwas nicht stimmen kann: Die Autoren Juli Zeh und Ilija Trojanow etwa, die erklärten, die Autoren seien keineswegs durch Raubkopien in ihrer Existenz bedroht – „denn kaum einer lebt vom Buchverkauf“. Autoren sind auf Stipendien, Preise, Lesungen und Gastprofessuren angewiesen. Sie erinnerten an alte Kämpfe, als Verlage und Kreative einander – fast – unversöhnlich gegenüberstanden.
Informationen halten sich nicht an Grenzen
Die Front verläuft also möglicherweise zwischen Konsumenten und einer Industrie, die hartnäckig so tut, als produziere sie im 20. Jahrhundert, als könnte man den Vertrieb organisieren wie anno dazumal, als Information noch reale „Träger“ brauchte, die hergestellt und transportiert werden mussten und einzeln verkauft werden konnten: DVDs, CDs, bedrucktes Papier. Auch mit Lizenzen wird nach wie vor verfahren, als hielte sich die Information im Netz an Grenzen: Wer in Österreich versucht, US-Serien zu erwerben, dem wird allzu oft beschieden, dass er das von hier aus nicht darf. Der – auch nicht ganz legale – Ausweg: Man kreiert eine Adresse in den USA und meldet sich so auf iTunes oder Amazon an. Als vermeintlicher Amerikaner „darf“ man dann kaufen, wobei man natürlich nicht einfach mit Kreditkarte zahlen kann, sondern dafür z. B. auf eBay eine amerikanische iTunes-Karte erwerben muss.
Und das dauert nicht nur der „Generation sofort“ zu lange.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2012)

Filmstarts der WocheDiamantenhandel mit Hader, Autorennen mit Vin Diesel
''The Great Gatsby''Vom Scheitern eines Spektakels
Inge Morath''Menschen'' in der Galerie Leica
Ballett im BerghainKlassischer Tanz erobert den besten Club Berlins