Gestern gegen fünf Uhr Nachmittag gelang es der 47-jährigen Köchin Anna Kratochwil, einen Autobus der Linie 12 an der Haltestelle Stephansplatz noch knapp zu erreichen.“ „Wie wir erfahren haben, nahm der 34-jährige Handelsvertreter Jonas Grün am Dienstag im Gasthaus ,Zum wilden Mann‘ das Mittagsmahl ein, bestehend aus Schöberlsuppe, Rindfleisch garniert und Apfelstrudel. Es hat ihm sehr gut geschmeckt.“
Diese Beispiele aus der Rubrik „Der Freudenbote“ gab Friedrich Torberg in den „Erben der Tante Jolesch“. Diese für erfreuliche Meldungen reservierte Zeitungsspalte fand sich in der einmalig erschienenen (und längst verschollenen) Zeitschrift „Die Binse“, die den Untertitel „Zeitschrift zur Verbreitung von Licht und Wahrheit“ trug.
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Tatsächlich: Die erfreuliche Meldung hat für gewöhnlich wenig Platz auf den Chronikseiten der Zeitungen. Auch wenn es dem Handelsvertreter nicht geschmeckt hat oder der Bus der Köchin davongefahren ist, reicht das noch nicht. Da müsste schon eine Übelkeit mit Verdacht auf bakterielle Infektion via Schöberlsuppe oder eine spezielle Bosheit des Busfahrers dazukommen, um eine Chance auf Erwähnung zu haben.
Der Krieg, das ist die Unkultur
Im Kulturteil ist das anders. Hier ist Platz für die gute Nachricht. Man muss ihn nur richtig lesen. Er ist voll davon. Allein die Tatsache, dass sich Menschen zusammengefunden haben, um z.B. eine Symphonie oder ein Drama zu spielen, und dabei nicht grob gescheitert sind, ist höchst erfreulich. Es ist der Triumph eines Rezepts, das unsere Art groß gemacht hat: der Arbeitsteilung, möglichst unter Gleichen, jeder nach seinen Fähigkeiten. Von „Demokratie der Könige“ sprechen die Philharmoniker.
Es hat seinen Sinn, dass nach Kriegen die Wiedereröffnung des Theaters, der Oper, des Konzertsaals feierlich begangen wird: Die Kultur wird wieder in ihr Recht gesetzt, die Unkultur – und das ist der Krieg! – hat wieder zu schweigen.
Der Sport wird gern als friedliche Alternative zum Krieg gepriesen. Zurecht. Aber er ist oft auch ein sublimierter Krieg, ein Kampf: Zwei Nationen kämpfen z.B. nicht mit Waffen um Boden, sondern mit beschuhten Füßen um einen Ball. Gut so. Doch in der Kultur geht die Sublimation weiter: Sie verzichtet auch auf die Form des Kampfes. Nur selten wird z.B. in der Musik gekämpft, etwa bei einer „Drum Battle“ zweier Swing-Schlagzeuger oder der „Rap Battle“ im Hip-Hop. Mit musischen Waffen natürlich! Selbst im wildesten Westen darf man nicht mit der Knarre in den Saloon, und auf den Klavierspieler schießt man sowieso nicht ...
Und warum liest sich eine Kulturseite dann nicht wie der „Freudenbote“? Weil das zu fad wäre. „Alles in der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen“, schrieb Goethe. „Das mag immerhin eine Übertreibung sein“, kommentierte Freud im „Unbehagen in der Kultur“, blieb aber dabei: „Jede Fortdauer einer vom Lustprinzip ersehnten Situation ergibt nur ein Gefühl von lauem Behagen; wir sind so eingerichtet, dass wir nur den Kontrast intensiv genießen können, den Zustand nur sehr wenig.“
Streit der „himmlischen Mächte“
Auch darum also die Dissonanz, der Bruch, die verzögerte Auflösung. Um das Match zu verlängern, das für einen ernsten Streit steht, den Freud am Schluss des „Unbehagen“ als Ringen zwischen Eros und Thanatos bezeichnet hat. Nun sei zu erwarten, schrieb er 1929, „dass die eine der beiden ,himmlischen Mächte‘, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten“. 1931 fügte er skeptisch hinzu: „Aber wer kann den Erfolg und Ausgang vorhersagen?“
In der Kultur – ob in der „Binse“ oder der „Presse“ – haben wir's leichter. Wir berichten jeden Tag über Freundschaftsspiele. Und wenn wir Ergebnisse melden müssten, dann läsen sie sich zum Beispiel so: Eros–Thanatos 2:1. Nach drei Akten. Ohne Elferschießen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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