Er war 20 und College-Student, als seine Eltern das erste Mal Post bekamen. Ihr Sohn habe als 16-Jähriger im Internet illegal sieben Musiksongs heruntergeladen und müsse deshalb 5270 US-Dollar (ca. 4300 Euro) bezahlen, hieß es darin. Heute ist Joel Tenenbaum 28, hat vor Kurzem seinen Doktor in Physik abgeschlossen – und das Verfahren hat er immer noch am Hals. Aus sieben Liedern wurden 30, die Schadensforderung von einigen tausend Dollar wurde auf 675.000 Dollar (fast 550.000 Euro) erhöht. „Eine Summe, die ich nicht bezahlen kann“, sagt der Amerikaner.
Joel Tenenbaum ist zum Sündenbock für illegales Filesharing geworden und hat es als „Story“ zu einer gewissen Netz-Berühmtheit gebracht. Derzeit reist er durch Europa, bevor er im Herbst an der Boston Business School zu unterrichten beginnt. „Die Presse am Sonntag“ traf ihn am Rande der „Vienna Business Research Days“, einer Konferenz, zu der ihn die Musikuniversität eingeladen hat. Dort sollte er auf einem Podium mit Robert Levine, dem Autor („Free Ride“, 2011) und früheren Chef des Musikmagazins „Billboard“ über Internetpiraterie streiten. Daraus wurde aber nichts, weil die beiden erstens gar nicht so unterschiedlicher Ansicht waren, und weil Joel Tenenbaum zweitens nicht für eine große Sache kämpft.
Wie Falschparken. Ihm geht es nicht um das Bewahren des freien Zugangs zu Inhalten im Netz, er sieht sich auch nicht als Pirat, und angesprochen auf das in Europa soeben abgelehnte, sehr umstrittene Anti-Piraterie-Abkommen, sagt er nur: „Acta? What is that again?“ Tenenbaum will einfach nur nicht so viel Geld bezahlen. Dabei hat er sogar ein gewisses Schuldbewusstsein. Ihm sei als Jugendlicher klar gewesen, dass das Herunterladen von Musiksongs von Internettauschbörsen wie Kazaar nicht erlaubt sei. Sein Delikt vergleicht er allerdings mit zu schnellem Fahren oder Falschparken: „Es leuchtet mir nicht ein, dass ich 22.500 Dollar für einen Song bezahlen muss.“ Die Strafe sei im Verhältnis zur Schadenssumme von maximal einem Dollar pro Song einfach nicht angemessen, glaubt er. Zudem wolle das Gesetz mit den astronomischen Schadenersatzsummen nicht Normalverbraucher, sondern gewerbliche Nutzer treffen.
Sein Kampf gegen den US-Verband der Musikindustrie (RIAA), der ihn angezeigt hat, dauert nun schon Jahre. Nachdem zur Anzeige von 2003 weitere hinzukamen, wurde das Verfahren gegen ihn eröffnet. 2009 wurde er in erster Instanz zu einer Geldstrafe von 675.000 Dollar verurteilt, ein Berufungsgericht in Boston folgte 2010 der Argumentation von Tenenbaum und reduzierte die Strafe auf ein Zehntel (67.500 Dollar). Doch die RIAA erreichte die Wiedereinsetzung der ursprünglichen Strafe. Erst im Mai hatte der Oberste Gerichtshof der USA eine Verfassungsbeschwerde von Tenenbaum abgewiesen. Nun wird der Fall vor einem neuen Richter wieder aufgerollt.
Der 28-jährige Beklagte kämpft nicht allein, juristische Unterstützung erhält er durch den Harvard-Professor Charles Nesson und dessen Studenten. Die haben die Webseite joelfightsback.com eingerichtet, auf der sie über den Fall informieren und um Unterstützung, auch finanzielle, bitten. „Ich bin deren Hausaufgabe“, sagt der eher klein gewachsene Tenenbaum, der mit einer ordentlichen Portion Selbstbewusstsein gesegnet ist. Über 4000 Dollar sind über die Webseite hereingekommen. „Das reicht gerade, um die Prozesskosten zu decken.“
How did they catch you? Nach vielen Interviews fiel ihm auf, dass die erste Frage von Journalisten über 40 meist laute: „Why did you do this?“, während Journalisten unter 40 und mit Kindern immer wissen wollen: „How did they catch you?“ Die Frage nach dem Warum würden jüngere Menschen gar nicht stellen, weil es zum normalen Internetverhalten vieler gehört, sich illegal zu besorgen, was man will. „Wer fragt denn Autofahrer, warum sie zu schnell gefahren sind?“
Joel Tenenbaums Verfahren ist mittlerweile zu einem Anachronismus geworden. Die Musikbranche hat sich verändert, nicht zuletzt dank praktisch benutzbarer Plattformen wie Amazon kommt wieder genügend Geld in deren Kassen. Heute verfolgt die Musikindustrie illegale Tauschbörsennutzer längst nicht mehr so konsequent wie noch vor einigen Jahren.
Joel Tenenbaum kann den Missmut von Künstlern verstehen, deren Inhalte im Netz gestohlen werden. Er glaubt aber an die grundsätzliche Bereitschaft der Menschen, für Inhalte zu bezahlen, wie der Erfolg des Apple-Onlineshops iTunes zeige. „Sie wollen es billig, sicher und bequem haben. Wenn sie das bekommen, zahlen sie auch.“ Beim illegalen Herunterladen komme man schließlich mit der dunklen Seite des Internets in Berührung: Es kann sein, dass man nicht das gewünschte Lied, nur eine schlechte Qualität erhält oder irrtümlich einen Virus einfängt. „Da ist es oft leichter, du zahlst 99 Cent.“
Ist das die Botschaft auf seinen Reisen? Das illegale Downloaden wird zum aussterbenden Delikt. Aber nein, Joel Tenenbaum denkt nicht an das große Ganze, er sagt: „My main message is: Thanks for the free trip.
Filesharing: Joel schlägt zurück
07.07.2012 | 17:22 | von Anna-Maria Wallner (Die Presse)
Der amerikanische Physikabsolvent Joel Tenenbaum soll 675.000 Dollar für 30 illegal erworbene Lieder zahlen. Er wehrt sich gegen die Unverhältnismäßigkeit der Strafe. Derzeit reist er durch Europa.
2 Kommentare
In Summe schadete die Einladnung weit mehr als sie nutzte!
Bekommt Unterstützung von Namhaften Verbänden die für die Freiheit des Netzes eintreten für die er sich nicht nur nicht einsetzten will, sondern sogar mit etwas stolz sagt, ACTA, was ist das? So gesehen sind die 675.000 Dollar durchaus gerechtfertigt, nicht für die 30 Titel, sondern schlicht dafür wie er sich im Netz für die doch sehr gute Unterstützung zu bedanken versteht!Angesichts dessen, wie jene die in den letzten Monate auf die Straße gegangen sind um gegen ACTA zu protestieren, verhöhnt und verspottet werden ist die Summe ohnedies viel zu gering!
Ein Reporter einer kritischen Zeitung hat durchaus auch das Recht kritischere Fragen zu stellen wie sie hier erfolgt sind, auch die Frage bleibt warum die Musikuniversität eingeladen hat, es gibt bei weitem bessere Köpfe mit weit mehr Verständnis zu dem Thema, auch hier hätte der Reporter Möglichkeiten gehabt die Einlandung kritisch zu hinterfragen!
Persönlich interpretiere ich die Einlandung so, sie hat nicht nur der Universität selbst schaden zugeführt, sondern war auch ein Bärendienst für die zukünftigen Absolventen!

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