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Bringt Joseph Aloisius Ratzinger die „Titanic“ zum Sinken?

11.07.2012 | 18:24 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Der Papst sieht in Fotomontagen des Satiremagazins seine Persönlichkeitsrechte verletzt, er hat ein Verbreitungsverbot erwirkt. „Titanic“ will durch alle Instanzen, „bis zum Jüngsten Gericht“.

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Heutigentags wollen keine Satiren mehr gelingen“, bedauerte Hegel in seinen „Vorlesungen zur Ästhetik“ (1835 bis 1838). Ernst kann er das nicht gemeint haben, zu seiner Zeit waren Großmeister des Genres am Werk, Büchner goss aus dem Exil Gift und Galle über alle Autoritäten – vor allem im „Woyzeck“ –, Daumier brachte in Paris die Archetypen der Justiz und der Politik so treffend zu Bild und Skulptur, dass er dafür ins Gefängnis kam. Aber immerhin, eine der beiden zentralen Fragen war mit Hegels Diktum in der Welt: Wann ist eine Satire gelungen und wann nicht?

Die andere Frage ist, wann eine Satire sein darf und wann nicht, hier geht es nicht um Ästhetik, hier geht es um Recht: Am Dienstag hat das Landgericht Hamburg in einer Klage von Joseph Aloisius Ratzinger – so heißt der Papst nach wie vor in seinem Pass – gegen das Satiremagazin „Titanic“ dem Kläger vorläufig recht gegeben, es erließ eine einstweilige Verfügung: Die aktuelle Ausgabe von „Titanic“ darf nicht mehr verbreitet werden. Denn sie zeigt auf der Titelseite den Papst in einer Soutane mit einem gelben Fleck im Schritt – und darüber die Schlagzeile: „Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden“, es spielt auf die „Vatileaks“-Affäre an. Auf der Rückseite sieht man den Papst von hinten, diesmal mit einem braunen Fleck. Ratzinger sah seine Persönlichkeit und Ehre verletzt und beauftragte einen in Medienrecht und insbesondere in Sachen „Titanic“ erfahrenen Anwalt, Gernot Lehr. Der brachte die Klage ein und den Antrag auf einstweilige Verfügung. Über den ist entschieden, ausgeliefert darf kein Exemplar mehr werden, 250.000 Euro Strafgeld sind angedroht, in der Sache selbst wird später geurteilt.

 

„Freund des Erfrischungsgetränks ,Fanta‘“

„Titanic“ nahm es gelassen, Chefredakteur Leo Fischer kündigte den Weg durch sämtliche Instanzen an – „bis zum Jüngsten Gericht“ –, und im Übrigen sei alles ohnehin nur ein Missverständnis: Der gelbe Fleck komme „von einem Glas Limonade“, das der Papst im Überschwang der Freude über die Aufklärung von „Vatileaks“ über seine Soutane verschüttet habe: „Es ist allgemein bekannt, dass der Papst ein großer Freund des Erfrischungsgetränks ,Fanta‘ ist.“ (Zur Illustration stellte „Titanic“ das oben gezeigte neue Titelbild online.)

Fischer hat einigen Grund für seinen Humor: Zwar wurden von dem 1979 gegründeten Satireblatt bisher 35 Ausgaben verboten, und der Verlag war in 55 Gerichtsverfahren verwickelt, was ihn bisweilen an den Rand der Insolvenz brachte. Aber erfolgreiche Klagen kamen vor allem von Politikern, 2006 etwa vom SPD-Vorsitzenden Kurt Beck. Unter dessen Konterfei stand: „Problembär außer Rand und Band: Knallt die Bestie ab!“ Beck nahm einen Anwalt, der hatte Erfolg, es war Gernot Lehr.

Wird er auch beim Klienten Ratzinger Erfolg haben? „Titanic“-Fischer verweist darauf, dass der Spielraum für Satire in Deutschland sehr groß ist. Das gilt vor allem dann, wenn es um Religion geht: Die katholische Kirche scheiterte bisher achtmal mit Klagen gegen „Titanic“ (entweder wegen Verunglimpfung des Papstes oder wegen Religionsbeschimpfung). Es ging dabei etwa um ein Titelbild, das den Gekreuzigten als Halter einer Klopapierrolle zeigte: „Spielt Jesus noch eine Rolle?“ Auch die Bezeichnung eines Erzbischofs als „Kinderschänder“ ließen Gerichte passieren.

Das ist kein „Titanic“-Privileg: Bei Gerhard Haderers Jesus-Cartoons – mit Joint im Mund etwa – verzichteten die Kirchen selbst auf angedrohte Klagen, und die Bezeichnung „Latten-Gustl“ ging bei Gericht frei. Bei einem ans Kreuz gehefteten Schwein als Aufdruck eines T-Shirts, das die Punkband Wizo vertrieb, hörte sich in einem Entscheid 1997 allerdings die Freiheit auf: Das Gericht sah den öffentlichen Frieden gestört, dann greift der Blasphemie-Paragraf (166 StGB). Aber auch nur dann, religiöse Gefühle per se schützt er nicht. 2002 lehnte der deutsche Bundestag eine Verschärfung ab. Vor vier Wochen hat der Schriftsteller Martin Mosebach wieder eine gefordert. Dabei geht es um Strafrecht.

Bei Ratzinger gegen „Titanic“ geht es um Zivilrecht, irgendwann wird ausjudiziert. Inzwischen fragen sich erste Kommentatoren, ob die Klage klug gewesen sei und die Kirche nicht lieber Humor bewiesen hätte. Nein, antwortet Lucas Wiegelmann in der „Welt“, es gehe nicht nur um die „Schmähung und Verhöhnung“ einer Person, sondern auch um das Amt: „Kirchliche Würdenträger müssen darauf achten, dass das Ansehen dieses Amtes nicht in unzumutbarer Weise beschädigt wird.“ Ganz anders sieht es der Deutsche Journalistenverband (DJV): Auch der Papst müsse sich Satire gefallen lassen, erklärte der Bundesvorsitzende Michael Konken.

 

Sie können die Druckfarben nicht halten

Aber ist es Satire, was „Titanic“ (sich) da geleistet hat? Und, vor allem, ist es in irgendeiner Hegel'schen Hinsicht gelungen oder komplett misslungen? Daumier langte auch grob hin, er kam ins Gefängnis, weil er König Louis Philippe als „Gargantua“ lithografiert hatte, der die Schätze seines Volks in sich hineinstopft und das Volk gleich mit. Aber das war auch noch voll Geist. Die Fotomontagen vorne und hinten auf „Titanic“ muten doch eher reichlich infantil an und rufen einen der ganz Großen der Satire in Erinnerung, Lichtenberg: „Er kann die Tinte nicht halten“, urteilte der über einen allzu geschwätzigen Schriftsteller. Offenbar konnten sie bei „Titanic“ bei ihrem Fäkalspäßchen die Druckfarben nicht halten.

Satire und Recht

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Bild und Schrift frei zu äußern und zu verbreiten. (...) Eine Zensur findet nicht statt. (...) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ So vorbehaltlos garantiert das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die Freiheit. Allerdings ist nicht alles erlaubt: Das Strafrecht bedroht in seinem Blasphemieparagrafen (166 StGB) Gotteslästerung dann und nur dann, wenn sie geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören (in Österreich ist es ähnlich). Das ist in der jetzigen Causa nicht der Fall, deshalb klagt der Papst auf zivilrechtlichem Weg gegen die Verletzung seiner Persönlichkeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2012)

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42 Kommentare
 
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Nein,nicht geistvoll sondern ganz einfach geschmacklos

-egal,auf wen sich die Bilder beziehen, ob Papst oder nicht Papst-Fäkalwitze sind nur dumm.

Was wäre wohl passiert, wenn sich die

Satirikerinnen eine andere Weltreligion vorgenommen hätten?
Besser kann man den Unterschied nicht deutlich machen.

Gast: ökono-mist
12.07.2012 17:49
1 1

Die humorlose Welt der armen Schweine...


Das Gericht sah in der Causa "Wizo" also den (Land-)Frieden gestört? Und das wegen eines einzigen - symbolisch gekreuzigten - Schweins... (in der Realität der Massentierhaltung gibt es Millionen davon - allerdings nicht bloß symbolisch... (Wenn sie das Glück haben, unmittelbar vor Ostern vom Kreuz genommen zu werden, wird ihr Fleisch sogar geweiht, und sie kommen - via Backhendlfriedhof - in den 7. Konsumentenhimmel...).
Alles völlig rechtens - das Kirchenrecht ist hier recht tolerant...
Doch auch der Heilige Vater scheint alles andere als (weltlich-)juridisch ungefährdet zu sein, mit seinen "Fanta"-Flaschen, aus denen Flammen zu lodern scheinen, und die zumindest an jene primitiven Kampfmittel gemahnen (oder als solche interpretiert werden könnten), die nach einem längst verstorbenen sowjetischen Außenminister benannt wurden...

P. S.: Fazit: Eine Nachschärfung bzw. Aufstockung der Verteidigungslinie (=Erweiterung auf das neue Titelbild...) wäre daher der unsinkbaren "Titanic" dringend zu empfehlen. (Hier nur ein freundschaftlicher Vorschlag zur Entschärfung: Man möge einfach behaupten, man habe gemeint, in den Flaschen sei tatsächlich nur "Fanta", und der Papst habe es nur vor Freude so lange geschüttelt, bis es dem Druck der Kohlensäure nicht mehr standhielt...)

P. P. S: Das Beste wäre wohl ein salomonischer Vergleich am 24. 12. - denn: Ohne Vatikan kann die "Titanic" nicht leben - und ohne Satire die Demokratie nicht überleben.

Halleluja!






Antworten Gast: ganz schön lustig
12.07.2012 21:24
0 0

Re: Die humorlose Welt der armen Schweine...

Nachdem so viele Schweine schweinigln und Sauerereien Schweinisches goutieren, haben doch die Schweinderln unter sich den größten Spass. Und wenn das Grunzen bald durch Gackern ersetzt werden wird, werden die Schweine aber ganz schön arm sein. Humor ist, wenn die Zensur das durchlässt.

Antworten Gast: ökono-mist
12.07.2012 18:35
0 0

Re: "Die humorlose Welt der armen Schweine..."


Korrektur: Die Klammer in der zweiten Zeile gehört weg.


Gast: Täubeli
12.07.2012 13:07
2 2

Warum diese Aufregung?

Ich bin überrascht, in diesem Forum ausschließlich vernichtende Kommentare in Richtung Titanic Magazin zu lesen.
Das Magazin ist sicher sehr derbe und immer hart an der Grenze des guten Geschmacks, aber Vieles davon ist auch einfach nur unglaublich witzig. Die Bemerkungen, dass deutscher ("teutonischer") Humor eben einfach geschmacklos sei, finde ich dagegen äußerst niveaulos!
Was den Papst angeht: Personen, die derartigen im öffentlichen Leben stehen, müssen schon was vertragen. Ich würde keinen Prozess anstrengen, wenn ich eine Berühmtheit wäre - da hätte ich garantiert Besseres zu tun und würde mich nicht über ein paar Schreiber aufregen. Ich finde, dass die juristischen Mittel, die eingelegt werden, ein Zeichen von Schwäche sind und einfach recht kleinlich.

Antworten Gast: Cloop
12.07.2012 14:41
3 1

Re: Warum diese Aufregung?

Daran sehen Sie, dass die Mehrheit Ihre Art von Humor nicht teilt. Auch nicht, dass sich Personen des öffentlichen Lebens nicht zur Wehr setzen dürfen. Magazine wie "Titanic", die zuhauen und sich dann unter dem Deckmantel von Presse- und Kunstfreiheit verstecken: Das ist Schwäche. Und Feigheit!

Antworten Antworten Gast: Die Freiheit der Kunst
12.07.2012 16:39
2 1

Re: Re: Warum diese Aufregung?

Unter diesem Titel kann inzwischen jedermann Geschmacklosigkeiten und Beleidigungen jeder Art äußern. Verbaler und visueller Meinungsäußerung muss aber in einer
Demokratie gewaltlos widersprochen werden können- zumindest noch in Europa. Meinungsterror ist ebenfalls Terror - Punkt. Und: noch gibt es großteils Rechtstaatlichkeit.

Wenn das nicht die Christen

sondern die Moslems betreffen würde - wäre das der 3. Weltkrieg!

Gast: Durchschnittsbürger
12.07.2012 10:01
2 0

...

Bin bestimmt kein Kind von Traurigkeit, aner nach meiner Meinung war die Sache einfach schlecht. Das zuzugeben, sollte auch die Titanic die Grösse haben. Und wenn man weiss, wo der DJV steht, ist dessen Meinung auch nicht relevant.

Gast: CoKg
12.07.2012 09:59
1 0

Titel:

Bringt Joseph Aloisius Ratzinger die „Titanic“ zum Sinken?

Das sich das heuer zum 100. Mal jährt, könnte jedenfalls ein schlechtes Omen sein...

1 9

Joseph Aloisius Ratzinger

Die Wahrheit tut halt weh. Der Untergang hat schon lange vor Ratzinger begonnen, wo er noch im Hintergrund die Fäden zog. Jetzt, mit ihm, geht es nur ein wenig schneller.

Antworten Gast: Mike Hammer
12.07.2012 09:56
1 2

Re: Joseph Aloisius Ratzinger

Ihnen scheint nur nicht bekannt zu sein, dass Text und Bild in keinem erkennbaren Zusammenhang stehen. Gelesen?

Gast: Jusstudent86
12.07.2012 00:11
9 0

Satire

"Satire ist eine Spottdichtung, die mangelhafte Tugend oder gesellschaftliche Missstände anklagt."

Dass das Bild des Papstes keines dieser Merkmale erfüllt hätte einem etwas gebildeten Journalisten schon auffallen können. Aber andererseits soll man diesen Berufsstand auch nicht geistig überfordern...

Antworten Gast: NX8
12.07.2012 12:22
0 3

Sie habens nicht verstanden, gell.

Und nach 26 Jahren könnten Sie auch mal Ihr Studium fertig kriegen!

Gast: Jusstudent87
12.07.2012 00:07
12 1

Nicht jede Frechheit lässt sich...

...mit dem Schlagwort Satire verkaufen. Es gibt auch so etwas wie Anstand. Dass das weder der Titanic-Redaktion noch der der Presse bekannt ist wundert nicht.

Leider können Journalisten gar nicht mehr tiefer sinken, denn sie sind schon lange am Grund der Dummheit angelangt...

Dieser Beruf hat seine letzte Würde schon vor Jahren verloren...

Antworten Gast: soetwaswie nana
12.07.2012 16:47
1 0

Re: Nicht jede Frechheit lässt sich...

Wo hab`n S`denn das Wort Anstand her? Aus dem Lexikon? So wie auch das Wort Kultur im Aussterben begriffen ist. Also ist Klartext angesagt: wer`s nicht hat, der kriegt`s auf`s Aug` `druckt. Und lass`n das Wort Satire weg - das versteht auch keiner mehr.

Gast: UKW
11.07.2012 21:51
11 3

Bringt Joseph Aloisius Ratzinger die „Titanic“ zum Sinken?

Ohoho, Ihr seid ja allesamt so lustig.

Bitte kauft, dieses Blättchen und bewahrt es vor dem Untergang, sonst müssen sie in ihrer Panik zu noch kindischeren Veruchen greifen um auf sich aufmerksam zu machen. Oder seid so nett und klickt wenigstens ein paar mal auf die Internetseite, das bringt Unique-Clients und lockt die kapitalistischen Werbekunden (bzw. die öffentlichen Inserenten) an. Danke.

Gast: Klaus
11.07.2012 20:40
4 1

in diese Verlegenheit ...

.... kann "diePresse" kaum kommen weil eh zu 99% nur von der APA kopiert wird.

Gast: Elisabeth Johnny
11.07.2012 20:17
17 4

Satire?

Hier wird Satire mit gnadenloser Ignoranz und Dummheit verwechselt. Grauslich.....! Und so etwas von von einer Chefredaktion abgenommen und wahrscheinlich noch für lustig befunden.

Gast: der.gegenpapst
11.07.2012 18:33
14 2

titanic

titanic-magazin:das ist halt der typisch teutonische schenkel-klopf-holzhammerpseudohumor.
nicht die feine klinge......

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Re: titanic

Bei Fäkalien und Genitalien können sich die Deutschen vor Lachen nciht halten. Das verstehen wir halt nicht.

Titanic wehrt sich

und wenn es sein muss, durch alle Instanzen bis zum Jüngsten Gericht!

Gast: gast001
11.07.2012 16:08
30 3

Das sollten sie sich

beim Mohammed trauen. Sollen sie ihn abbilden. Was eh schon schlimm genug is in den Augen der Moslems. Aber dann genauso wie jetzt beim Heiligen Vater. Mal schauen, wie lange deren Redaktion stehen bleibt^^

Antworten Gast: mei,sanmirfeig
12.07.2012 10:28
4 0

Re: Das sollten sie sich

tja, bei denen, wo man sich nicht sicher sein kann, dass der kopf nächsten tag noch an seinem platz ist, da ist man eben zu feig. sonst passiert eben ..... siehe dänemark.

Antworten Gast: Huni
11.07.2012 21:20
0 2

Re: Das sollten sie sich

Das hat das Titanic Magazin scho gemacht...war halt kein Aufsehen und deshalb kein Medienbericht

 
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