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Hollywoods Polit-Tiere: Faszination Washington

16.07.2012 | 18:38 |  Von Thomas Vieregge (Die Presse)

TV-Seifenopern und Filme über das Weiße Haus, den Wahlkampf und Polit-Intrigen überfluten die USA. Die Serie "Political Animals" rückt einen Clan à la Clintons ins Bild.

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Wenn Hollywood einen Blick hinter die Kulissen der Politik wirft, gerät dies mitunter zur Kolportage, zum billigen Klischee: Der Terminus „Hintergrund“ erfährt im Pilotfilm der neuen US-Serie „Political Animals“ eine pikante Note. Als die US-Außenministerin bei einer Pressekonferenz über die bilateralen Beziehungen referiert, greift ihr der russische Amtskollege hinter dem Stehpult lustvoll auf den Po. Die Diplomatin zuckt zusammen, beißt sich auf die Lippen. Mit versteinertem Gesicht redet sie weiter, während ein maliziöses Lächeln um den Mund des Russen spielt. Hinterher zischt sie ihn an: Beim nächsten Mal werde sie ihn dort packen, was Außenministerin Madeleine Albright einmal als „Cojones“ bezeichnet hat – Spanisch für „Eier“. Hollywood hat dem „Kalten Krieg“ eine neue Facette abgewonnen.

Außenministerin Elaine Barrish Hammond ist mit ihrem Faible für Hosenanzüge in Pastellfarben indessen nicht nach Madeleine Albright modelliert, sondern eindeutig nach Hillary Clinton, der Amtsinhaberin. Ihre Biografie spricht Bände. Sigourney Weaver gibt der Rolle der ehemaligen First Lady, die nach einem Sexskandal des Präsidenten zu ihrem Mann steht, später selbst als Präsidentschaftskandidatin antritt, um schließlich als Außenministerin im Team ihres einstigen Gegenkandidaten zu fungieren, Fleisch und Blut. Bis hin zu den Dialogen scheint die Fiktion abgekupfert von der Realität. „Wenn dich der Präsident fragt, ob du deinem Land dienen willst, dann dienst du.“ Darin klingt das Gefühl der Pflichterfüllung und Selbstdisziplin der Hillary Clinton an.

 

Südstaaten-Hallodri

Nur in Nuancen weicht das Skript vom Drehbuch der Clinton-Vita ab. Zwischen Tür und Angel eröffnet sie ihrem Mann, der Karikatur eines Südstaaten-Hallodri mit breitem Akzent, und in weiterer Folge einer vollbusigen Schauspielerfreundin: „Und Bob, ich will die Scheidung.“ Statt einer Tochter wie die Clintons haben die Hammonds Zwillingssöhne: der eine ein ambitionierter Stabschef seiner Mutter im State Department, der andere das schwarze Schaf des Clans – schwul und drogensüchtig. Während im Iran eine Geiselaffäre herandräut, ist die Ministerin vollauf mit Privatdingen beschäftigt – der Verlobung ihres einen Sohnes und einer Drogenaffäre des anderen. Gut, dass in der Polit-Soap alles in der Familie bleibt: Ihr Exmann springt im Iran als Krisenmanager in die Bresche – und schlüpft zuweilen mit seiner Ex auch noch unter die Bettdecke.

Am Ende vertraut sie dem Secret-Service-Mann ein Geheimnis an: „Ich werde noch einmal für die Präsidentschaftswahl kandidieren, und diesmal werde ich gewinnen.“ Der Satz sticht mitten hinein in ein Wespennest an Spekulationen der Polit-Zirkel in Washington: Wird Hillary Clinton, angetrieben von ihrem Mann Bill, nach ihrem schon lange angekündigten Rücktritt als Außenministerin in einem halben Jahr und nach einer Verschnaufpause 2016 noch einmal einen Anlauf aufs Weiße Haus nehmen?

Die Polit-Seifenoper belegt aufs Neue die Faszination Hollywoods mit den Clintons und dem Weißen Haus. Als First Lady, geschlagen mit einem untreuen Ehemann, agierte Sigourney Weaver bereits in der Komödie „Dave“. Darin verliebt sie sich in den Präsidenten-Doppelgänger. Der Film „Primary Colors“, nach einem Schlüssellochroman des Journalisten Joe Klein, beleuchtete den Aufstieg der Clintons, verkörpert von John Travolta und Emma Thompson.

„Political Animals“ flimmert zu einer Zeit über die TV-Schirme, da sich die Spannung des diesjährigen Wahlkampfs dramaturgisch aufbaut. Der Vorspann rückt die Hauptstadt in betörendes Licht. Die Serie schwimmt geradezu im Mainstream von TV-Produktionen und Filmen über Washington aus der kalifornischen Traumfabrik. Vor mehr als einem Jahrzehnt setzte die Serie „West Wing“ aus der Feder des Dehbuchautors Aaron Sorkin den Standard, jetzt flutet nachgerade eine Politwelle von der Westküste aus übers Land. Der TV-Film „Game Change“, die brillante Zuspitzung des Wahlkampfthrillers um Sarah Palin (Julianne Moore), machte den Anfang. In der Serie „Veep“ porträtiert Julia Louis-Dreyfus im Bezahlsender HBO eine unbedarfte Vizepräsidentin, isoliert und abgeschnitten vom Zentrum der Macht – folgerichtig taucht der Präsident auch nur als Popanz auf.

Im August kommt die Komödie „The Campaign“ in die Kinos. Mit derben Späßen nehmen Will Ferrell und Zach Galifianakis als Gegenkandidaten den Kongresswahlkampf in North Carolina aufs Korn. Und im Herbst wird NBC die Serie „1600 Penn“ starten, benannt nach der Adresse des Weißen Hauses. Womöglich werden die Zuseher bis dahin jedoch bereits übersättigt sein von den Polit-Intrigen, ob fiktiv oder real.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2012)

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