Der Tweet von Mike Collett von der Nachrichtenagentur Reuters war überschwänglich: „Hab schon sechs Olympische Spiele mitgemacht. Pressezentrum das Beste, das ich je gesehen habe. Olympischer Park auch ziemlich Klasse – wird noch besser, wenn die Sonne endlich scheint!“ Der Olympia-Veteran war Anfang vergangener Woche einer der ersten Sportreporter, die die Arbeitsplätze im olympischen Dorf ausprobierten. Bis zur Eröffnungsfeier werden im sechsstöckigen Pressezentrum und dem benachbarten „International Broadcast Centre“, das aussieht wie ein Flugzeughangar und Platz für fünf Boeings böte, 25.000 Medienvertreter erwartet. Insgesamt werden an den 30. Sommerspielen der Neuzeit rund 28.000 Medienleute aus über hundert Nationen teilnehmen – fast drei Mal so viele wie Athleten.
Platzhirsch BBC ist mit über 765 Leuten dabei, fast 300 mehr als in Peking 2008. NBC schickt 2700 Mitarbeiter. Der US-Sender will auf seiner Website alle 302 Wettkämpfe in voller Länge live übertragen – wollte man das alles anschauen, säße man laut „Guardian“ bis Februar 2012 ununterbrochen vor dem Fernseher. Das Pazifikatoll Kiribati wird durch einen Reporter vertreten, für „Die Presse“ sind Markku Datler und Felix Lill dabei.
Pressezentrum mit Post, Bank, Friseur. Um die Medienmeute mit Internetzugang zu versorgen, wurden 350 Meilen Breitbandkabel verlegt. Über den 860 frei verfügbaren Arbeitsplätzen im riesigen Großraum des Pressezentrums schweben gigantische Fernseher, in der Großkantine im Erdgeschoß können 4000 Leute gleichzeitig Pause machen. Sogar eine kleine Einkaufsmeile gibt es, mit Friseur, Post, Bank, Lebensmittellädchen – und Fitnessstudio.
„Sieht alles gut aus, viel Platz und wir haben sogar Büros mit Fenstern“, freut sich Steve Wilson, Leiter der 200 Mann starken Olympia-Redaktion von AP. Der Amerikaner war schon bei 13 Spielen dabei. London sei trotzdem etwas Besonderes: „Es werden die ersten Spiele, bei denen Social Media eine große Rolle spielen werden“, so Wilson zur „Presse am Sonntag“. „Viele Breaking News werden darüber zum ersten Mal veröffentlicht werden, nicht über Fernsehen oder Nachrichtenagenturen.“ Seit Peking ist die Zahl der Twitter-Nutzer von sechs Millionen auf über eine halbe Milliarde gestiegen, bei Facebook finden sich über 900 Millionen „Freunde“. Wie andere große Medienorganisationen hat AP deshalb erstmals ein Social-Media-Team mit: „Sie bloggen, kümmern sich um den Facebook-Auftritt und haben ständig ein Auge auf Twitter.“
Über die genervten Tweets einiger Athleten wurden die Medien diese Woche auch auf ein Problem aufmerksam, das Wilson und viele Kollegen amüsierte und besorgte: Mehrere Busse mit Sportlern hatten sich auf dem Weg von Heathrow zum Olympiadorf stundenlang verfahren – die Fahrer, freiwillige Helfer, kannten sich nicht aus oder das Navigationsgerät fand die Adresse nicht. „Das hat mich schon etwas nervös gemacht“, sagt Wilson. „Denn das Wichtigste für uns ist, schnell und pünktlich zu den verschiedenen Wettkämpfen und zurück zu kommen.“
Zwar gibt es für Medien wie Athleten ein Shuttleservice, das auf den extra für Olympia-Teilnehmer reservierten Spuren fahren darf. Doch viele sind trotzdem auf U-Bahn und den Hochgeschwindigkeitszug angewiesen, der vom Bahnhof King's Cross zum Olympiapark nur sieben Minuten braucht. „Anfang der Woche war er ganz leer. Aber wer weiß, wie das wird, wenn die Spiele erst mal anfangen“, sagt Reuters-Reporter Collett.
Bis zu 180.000 Menschen werden zu den Stoßzeiten im Olympischen Park gleichzeitig erwartet – die nicht nur hin- und wegkommen, sondern auch die Sicherheitskontrollen passieren müssen. Weil die private Sicherheitsfirma G4S es nicht geschafft hatte, rechtzeitig für die Spiele die benötigten 13.000 Mitarbeiter bereitzustellen, musste die Armee einspringen – bislang, sagt Wilson, klappe das gut: „Einmal diese Woche war die Medienschlange lang, da hat es fünfzig Minuten gedauert, weil einer der Röntgenapparate kaputt war. Sonst sind wir ganz froh, wenn wir die Soldaten sehen. Sie sind freundlich, professionell, sie reden mit einem – besser als so ein privater Rent-a-Cop.“
Transportprobleme werden Thomas Borgmann erspart bleiben. Der Reitsport-Journalist, der u. a. für die „Stuttgarter Zeitung“ und Fachmagazine berichtet, hat ein Quartier in Fußnähe des Greenwich Parks, wo die Bewerbe stattfinden. Er, der auch 2008 in Hongkong dabei war, ist trotzdem skeptisch: „Diese gigantische Zahl von Leuten, wenn da bloß die Organisation nicht in die Knie geht.“ Er habe „Bammel“ vor der Ankunft in Heathrow.
Bei der Einreise zwei Stunden warten. Die langen Schlangen bei der Einreise, in denen Passagiere bis zu zwei Stunden warten müssen, sorgen für Negativ-Schlagzeilen. Und ausgerechnet für Donnerstag, wenn Borgmann fliegen will, hat die größte Gewerkschaft der Grenzbeamten einen Warnstreik angesetzt. „Ich bin auf alles gefasst!“
Steve Wilson will sich die Lust auf die Spiele trotzdem nicht nehmen lassen: „Es ist immer so: Bevor es losgeht, konzentrieren sich die Medien auf die Probleme. Aber wenn die Spiele anfangen, ändert sich das komplett. Dann geht es um den Sport und Medaillen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2012)

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