Wien. Wer sich in Österreich „liberal“ nennt, tut dies in der Regel mit einem klärenden Attribut: Auffallend gern ist man hierzulande „sozialliberal“ oder „gesellschaftsliberal“ – zwei etwas elegantere Ausdrücke für „linksliberal“. Die Anhänger dieser Gruppierung halten eine Menge von staatlichen Eingriffen, die Freiheit des Individuums wird toleriert, solange sich das persönliche Leben in den Bahnen des politisch Korrekten abspielt. Vereinzelt trifft man auch auf „Nationalliberale“, die ebenfalls zu kollektivistischen Staatsgebilden tendieren – solange es das „richtige“ ist.
Ja, und dann gibt es Menschen wie Karl Graber. Ein Mann mit präzisem Verstand, der sich über diese offensichtlich widersprüchlichen Klassifizierungen köstlich amüsieren konnte. Und der bestens zwischen Liberalen und Nichtliberalen zu unterscheiden wusste. Ein furchtloser Journalist, der sich nicht hinter beschwichtigendem Beiwerk versteckte, sondern mit offenem Visier ausrückte, um die Freiheit des Individuums vor den Zugriffen des bevormundenden Staates zu schützen. Zu einer Zeit, in der seine Berufskollegen fast ausnahmslos dem Traum einer gleich gemachten Gesellschaft nachjagten.
Ein sonderbarer Journalist
Schon in diesem Sinne war Karl Graber eine Ausnahmeerscheinung. In der „Presse“, deren „Economist“ er zwischen 1962 und 1970 leitete, testete der deklarierte Gegner des Kammerunwesens liebend gern die Nerven der seinerzeitigen Eigentümervertreter dieser Zeitung. Allen voran jene des Präsidenten der Bundeswirtschaftskammer Österreich, Rudolf Sallinger.
Überhaupt verkörperte Graber einen Journalistentypus, der hierzulande unter Naturschutz zu stellen wäre: Er verabscheute es, mit führenden Politikern und Wirtschaftskapitänen zu fraternisieren oder gar per Du zu sein. Und damit das zu tun, was die Vertreter seines Berufsstands besonders gern machen: sich zu „verhabern“, womit der Verrat an der Leserschaft stets seinen Anfang nehme, wie Graber meinte.
Diese Distanz gegenüber den Personen seiner Berichterstattung war es auch, die die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) mit einem Tabu brechen ließ: Graber war es als erstem Auslandskorrespondenten der Zeitung erlaubt, über sein Heimatland zu berichten. In Zürich wusste man: Einen Unbestechlicheren und Kompetenteren als Graber werden sie auch außerhalb der österreichischen Landesgrenzen nicht finden.
Von 1967 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1991 schrieb Graber für die „NZZ“. Er berichtete zuerst über das wirtschaftliche Österreich, ab 1988 auch über das politische. „In überzeugender Unabhängigkeit und aus einer klaren liberalen Grundhaltung heraus – diese Qualitäten haben ihn als einen Österreicher zu einem normgerechten NZZ-Mitarbeiter gemacht“, wie die Zeitung bei Grabers Pensionierung im März 1991 schrieb.
„Hochachtungsvoll verärgert!“
Der „Presse“ blieb Graber bis 1988 als Kolumnist erhalten. In seinen Montags erscheinenden „Randbemerkungen“ zerzauste er die staatsverliebte Wirtschaftspolitik sämtlicher Bundesregierungen. Jüngst kam auch immer wieder die „Presse“ selbst dran, die er in „gewissen Blattabschnitten“ nach links abdriften sah. In scharfsinnigen Reaktionen machte sich Graber dann über seine „Presse“ lustig – wobei der eine oder andere Leserbrief auch mit einem „Hochachtungsvoll verärgert!“ beendet wurde. Schließlich hatte er größten Anteil daran gehabt, die „Presse“ über das (noch heute geltende) Redaktionsstatut als liberales Leitmedium des Landes zu positionieren.
Deutlich milder beurteilte Graber die weltanschaulichen Ansichten seiner drei Töchter (eine davon ist die „Standard“-Wirtschaftsjournalistin Renate Graber, die ihm beruflich nachfolgte). Er war mächtig stolz auf alle drei und liebte sie über alles – und seine Töchter ihn, so einfach war das.
Genugtuung für einen „Austrian“
Wer seine Ansichten nicht teilte, sah in Graber einen hoch gebildeten, meinungsstarken Kommentator, der nicht nur wusste, dass es neben John Maynard Keynes noch andere Ökonomen gab, sondern auch deren Werke gelesen hatte. Graber sorgte in seiner journalistischen Arbeit nicht zuletzt dafür, dass die Thesen der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ im öffentlichen Diskurs nicht vollends untergingen. Angesichts der auf Hochtouren laufenden Notenpressen sah Graber die „Austrians“ jüngst auch voll bestätigt.
Der legendäre Kurt Vorhofer schrieb über den mit Preisen überhäuften Wirtschaftsjournalisten im Juni 1983: „Graber gilt als Mann der sozialen Marktwirtschaft, aber die Bedeutung liegt eindeutig auf Marktwirtschaft. Er ist ein wahrer Liberaler und allein diese Eigenschaft hat ihn fast schon zum Sonderfall in diesem Land gemacht.“
Wie wahr. Wir werden diesen „Sonderfall“ ganz besonders vermissen.

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