22.05.2013 21:04 Merkliste 0

Bekenntnisse: So führt man Medien in die Irre

06.08.2012 | 17:33 |  Von Anna-Maria Wallner (Die Presse)

Ryan Holiday gab sich in Massenmedien als Experte für alles aus, um zitiert zu werden. Auch die „New York Times“ und Reuters hat er so ausgetrickst. Damit wollte er beweisen, wie schlampig Medien recherchieren.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Mit der „New York Times“ sprach er über das Sammeln von Vinylplatten. Dem Fernsehsender ABC versicherte er glaubhaft, er leide an chronischer Schlafstörung. Und für die Webseite von CBS erfand er eine Horrorgeschichte über seinen früheren Arbeitgeber. Innerhalb weniger Wochen war dem 25-jährigen PR-Strategen Ryan Holiday gelungen, was er sich vorgenommen hatte: den Beweis zu erbringen, wie leicht es ist, Bloggern, aber auch Massenmedien vorzugaukeln, Experte für irgendetwas zu sein und mit erfundenen Erfahrungsberichten und Kommentaren zitiert zu werden.

„Meine Vorstellung war, dass Blogger hineingelegt werden, nicht aber die Traditionsmedien. Ich musste erkennen, dass diese Fälschungen genauso leicht aufsitzen.“ Sein größter Triumph war, dass auch die renommierte „New York Times“ auf ihn hereinfiel und ihn, der keine einzige Vinylscheibe besitzt, mit einer inhaltsleeren Aussage über den Klang dieser Platten zitierte. Der verantwortliche „New York Times“-Reporter Roy Furchgott zeigte sich wenig gerührt: Er hätte niemals geglaubt, dass jemand bei so etwas Belanglosem lügen würde, sagte er.

Kaum einer prüft die Quelle

Holiday stellte fest, wie schlampig manche Journalisten und Blogger recherchieren. Kaum jemand habe sich die Mühe gemacht, die Quelle zu überprüfen. Nur wenige wollten mit ihm telefonieren, den meisten reichte sein Statement per E-Mail. Dabei findet sich sehr viel über Ryan Holiday im Netz. Etwa dass er für das Marketing der Modefirma American Apparel zuständig ist, für die Webseite des Magazins „Forbes“ schreibt und Beiträge für die Onlineplattformen „Huffington Post“ und „Daily Beast“. Er ist bekannt für seine Vorliebe, Medien hinters Licht zu führen und nennt sich selbst offenherzig „Medienmanipulator“.

Bei seiner Täuschung war Holiday vor allem die Webseite „Help a reporter out“ behilflich, eine Plattform, die Medien eine Datenbank zur Verfügung stellt, in der mehr als 200.000 Menschen gesammelt sind, die sich in irgendeinem Gebiet als Experten, Augenzeugen oder Betroffene sehen und sich dazu gerne äußern wollen.

Holiday macht vor allem das Internet dafür verantwortlich, dass es heute so leicht geworden ist, Lügen zu verbreiten: „Ein gut gemachter und ein schlecht gemachter Artikel erreichen dieselben Klicks im Netz. Es gibt also keinen Anreiz mehr, gute Arbeit zu leisten.“ Das Experiment hat Holiday nicht nur aus altruistischen Gründen durchgeführt, sondern um Eigenmarketing für sein Buch zu betreiben, das soeben erschienen ist: „Trust Me, I'm Lying. Confessions of a Media Manipulator“. Auch das wäre mit einer kleinen Internetrecherche schnell herauszufinden gewesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

20 Kommentare
Gast: Matelue
09.08.2012 13:57
0 0

Weniger..

...als so manche "Experten" wird er auch nicht gewusst haben..

http://www.adverteasing.de

...wie schlampig Medien...

Wissen wir, wissen wir!

Gast: Robinson
07.08.2012 16:15
2 0

Die Insel der Seligen


Das kann unserem Staatsrundfunk garantiert nicht passieren: Der hat seit Jahren die selben handverlesenen Experten - und die sind wohlbekannt

Quod erat demonstrandum

Faulheit obsiegt!

Faul sind wir alle, der Unterschied ist nur, dass die einen dafür Geld bekommen und die anderen einen Tadel!

Die armen Journalisten!

Selbst in der Presse gibt es Kohorten von diesen.

Sorry Leute, aber das musste ich schreiben! ;)

Re: Quod erat demonstrandum

Eine Kohorte = 400 Mann! Und Sie verwenden sogar den Plural! Ich denke nicht, dass DiePresse.com so viele Mitarbeiter hat.

Das

kommt mir irgendwie bekannt vor. Bei uns gibt es doch auch "Experten" für alles und jedes.Vielleicht sollte man nachprüfen. wie expert, so manche/r "ExperteIn" ist. Und nicht alles blind glauben, was die verzapfen.

Antworten Gast: Vogel Strauss
07.08.2012 08:14
1 0

Re: Das

Und vor allem eine gehörige Portion Skepsis gegenüber div. Medien! Meist werden irgendwelche Agenturmeldungen unreflektiert kopiert ...


Sowas haben wir hier auch!

Bei uns nennen sich diese Leute "Bildungsexperten". Ein kleines Statement hier und da und schwupps wird das neue Buch zum Verkaufsschlager.

Antworten Gast: pol Beobachterin
07.08.2012 08:47
1 0

Re: Sowas haben wir hier auch!

Schade, bin zu spät aufgestanden. Sie haben mir meinen Text weggeschnappt.
;-)

Gast: atompilz
07.08.2012 01:15
0 0

nicht political correctness - political bledness


Das erlebt man doch täglich, wenn man den Versuch unternimmt der Flut von unhaltbaren Idiotien, die Foren füllen, einige wenige, überprüfbare Tatsachen entgegenzustellen: der Mist ergießt sich ungehemmt, die Fakten erscheinen erst gar nicht. Erst gestern bei den Hiroshima- und Nagasakibomben, jede Menge Aberrationen zur Rechtfertigung der Abwürfe, Quellenangabe zu deren Verurteilung durch fünf führende amerikanische Militärs - für den Papierkorb.
Also, den Besen vor der eigenen Türe schwingen.

Gast: Ryan Holiday 2.0
06.08.2012 22:33
8 1

Die österreichische Medienlandschaft

Was ist daran neu? Die österreischischen Medien schreiben seit 50 Jahren von der APA ab.,,

Re: Die österreichische Medienlandschaft

Das ist ja wohl der Sinn einer Presseagentur.

0 0

Re: Die österreichische Medienlandschaft

Unsinn. Die APA ist eine Genossenschaft und gehört den Medien; u.a. eben der Presse.

Gast: hmmmm
06.08.2012 21:52
10 0

Es ist ja schon ein Wunder...

...wenn überhaupt mal recherchiert wird...

Schlampig

Ist ein sehr wohlwollendes Wort !

Gast: donso
06.08.2012 20:03
0 0

Bekenntnisse: So führt man Medien in die Irre

- Ich bin enttäuscht.

Ich dachte, der Artikel beinhaltet Geständnisse von Politikern.

Re: Bekenntnisse: So führt man Medien in die Irre

Haben unsere Politiker etwas zu gestehen? Das wäre neu.

0 0

Re: Bekenntnisse: So führt man Medien in die Irre

Ob einer mit seinem Arbeitgeber Probleme gehabt hat oder nicht oder ob er Schallplatten toll findet oder Schlafstörungen hat ist doch wirklich belanglos. Und landet eher auf der Seite "bunt vermischtes" eher zur Unterhaltung.

Den speziellen Klang von Schallplatten gibt es ja, also was soll da so aufregend daran sein, dass er selbst keine besitzt. Er wird wohl schon eine gehört haben.

Wenn das wirklich alles ist, was er an Täuschungen erreicht hat, ist das doch eher eine matte Sache.

Da war ja der Qualitinger als Eskimo-Dichter Kobuk oder der Farkas und Naschold, die als Onassis und Jackie Kennedy triumphal in Graz empfangen wurden.

Dagegen ist ja der mit seinen Schallplatten und Schlafstörungen eher ein einfallsloses Würstchen.

Gast: idg
06.08.2012 19:26
0 0

Geil

Is des geil :-) Erinnert mich ans Experiment mit dem bekannten Künstler und dem Vierjährigen :-)